Roboy benimmt sich manchmal kindisch

Die Uni Zürich gehört bei der künstlichen Intelligenz zu den weltweit führenden Forschungsstätten. Nun stellte Professor Rolf Pfeifer einen Roboter mit einem Bewegungsapparat ähnlich dem des Menschen vor.

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Roboy thront auf einem weissen Sockel. Er hat einen übergrossen Kopf, blaue Augen und einen Mund. Sein Oberkörper ist im Verhältnis zu seinen Beinen ebenfalls zu gross. Deshalb wirkt er drollig, ein bisschen wie eine Comicfigur. 130 Zentimeter gross ist Roboy. Er kann Hände schütteln und sprechen. «I, Roboy. I am a Machine and so are you.» Diesen legendären Satz des Roboterforschers Rodney Allen Brooks kam ihm gestern Mittag jedoch nur stockend über die mechanischen Lippen. Dabei wartete die internationale Presse nur wenig später auf seinen Auftritt. Doch Roboy gab sich menschlich und machte das, was die um ihm versammelten Wissenschaftler der Uni Zürich von ihm nicht erwarteten: Er benahm sich wie ein störrisches Kind.

Roboy ist nicht einfach ein Roboter. Er ist ein Prototyp. Entwickelt hat ihn Professor Rolf Pfeifer, Leiter des Labors für künstliche Intelligenz (AI Labs) an der Universität Zürich. Pfeifer gilt als internationale Kapazität auf dem Gebiet der Robotik. Der 66-Jährige und sein interdisziplinäres Team haben in neun Monaten einen der derzeit modernsten humanoiden Roboter der Welt gebaut. Roboy hat einen Bewegungsapparat ähnlich dem des Menschen: Brustkorb, künstliche Sehnen, Muskeln und Gelenke. In Bewegung gesetzt wird er über insgesamt 48 Motoren. Das ermöglicht es, die Muskelbewegungen des menschlichen Körpers zu imitieren. Seine Technik ist mit einem 3-D-Drucker beliebig kopierbar. Dabei zeigt sich die grosse Erfahrung des Teams um Professor Pfeifer. Für Roboys Vorgänger Ecce brauchten sie noch drei Jahre Entwicklungszeit. Jetzt sitzt dieser altersschwach und eingeknickt im Labor neben Minipanzern, Autos, Roboterarmen und anderen Apparaturen. Es herrscht hier ein kreatives Chaos wie in einem Kinderzimmer.

Eine Forschungsplattform

Roboy ist für Rolf Pfeifer unter anderem ein Vehikel, um zu verstehen, was künstliche Intelligenz ist. Er sei zwar eine Forschungsplattform, doch er könne sich auch vorstellen, dass eine Weiterentwicklung als Haushaltshilfe oder in der Pflege eingesetzt würde. Mit Robotik konnte Pfeifer lange nichts anfangen. Er studierte Physik und Mathematik und landete danach eher zufällig bei IBM. Dort erhielt er zwar eine gute Ausbildung in Informationstechnologie, begann sich aber bald zu langweilen. Bis er Ulrich Moser kennenlernte. Der Professor für klinische Psychologie an der Universität Zürich suchte einen Informatiker.

Auf diesem Umweg kam Rolf Pfeifer erstmals in Kontakt mit dem Forschungsbereich der künstlichen Intelligenz – und zu einem Stipendium in den USA. «Damals gingen wir davon aus, dass Intelligenz vor allem Rechenleistung ist.» Pfeifer war bald selbst ein Experte für künstliche Intelligenz, erhielt eine Professur an der Universität Zürich und Projekte mit der Privatwirtschaft. Die Credit Suisse wollte, dass er für sie ein Expertensystem entwickelte, das mit künstlicher Intelligenz die Kreditwürdigkeit von Kunden abklären konnte. «Das hat nicht funktioniert» sagt Pfeifer.

Dafür gelangte er zu einer wichtigen Erkenntnis. Menschliches Verhalten lässt sich nicht auf logische Regeln reduzieren, sondern hat viel mit Wahrnehmung zu tun. Anstatt Intelligenz nur mehr rein mathematisch erfassen zu wollen, realisierte Pfeifer, dass Intelligenz damit zusammenhängt, wie ein körperhaftes Wesen mit seiner Umwelt interagiert. «Wenn ich ‹Buch› sage, dann ist das ein Symbol. Ich kann den realen Bezug erst schaffen, wenn ich weiss, was ein Buch ist. Erst der Mensch gibt dem Buch seine Bedeutung.»

Maschinen mit Bewusstsein?

Der Zusammenhang von Körper und Intelligenz hat Rolf Pfeifer und sein Team einen grossen Schritt weitergebracht. Sie begannen, Roboter zu bauen und darüber zu schreiben. 1999 veröffentlichte Pfeifer mit dem Psychologen Christian Scheier das Buch «Understanding Intelligence». «Es ist zu einer Art Bibel der Roboter-Gemeinde geworden», sagt er heute. Weitere Bücher folgten, unter anderem «How the Body Shapes the Way We Think». Es ist weniger technisch und wurde in verschiedenste Sprachen übersetzt, darunter Japanisch, Chinesisch und Arabisch. Nun flatterten Pfeifer und seinem interdisziplinären Team Forschungsprojekte ins Haus, vom Nationalfonds und der EU. Letztere hatte Ecce finanziert.

Roboter sind nicht bloss Maschinen, sie beschäftigen auch die Fantasie der Menschen, wecken Wünsche und Ängste. Gerade auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz sind in letzter Zeit grosse Fortschritte erzielt worden. Was bedeutet das für die Zukunft der Roboter? Werden sie immer mehr wie Menschen, und haben sie bald sogar eigene Gefühle? «Das kann ich nicht ausschliessen», sagt Pfeifer. Oder ist es gar möglich, dass die Maschinen dereinst die Menschen beherrschen? «Wir sind heute schon Sklaven der Technik. So hat sie uns beispielsweise im Jahr 2000 gezwungen, alle Computer umzurüsten. Das hat Milliarden gekostet, aber langfristig nützt uns das mehr als es uns schadet.» Die andere Angst gilt dem Jobverlust durch Roboter. «Wer global den Anschluss nicht verpassen will», sagt der Experte, «muss in diese Technik investieren. Auch, um Arbeitsplätze zu erhalten.»


«Robots on Tour», 9. 3., 9 bis 20 Uhr im Puls 5 Zürich. www.robotsontour.com. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.03.2013, 09:25 Uhr)

Viele Roboterväter

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Verstehen durch Nachbauen: Das ist das Motto der Initianten des Roboy-Projekts vom Artificial Intelligence Laboratory der Universität Zürich. 40 Forscher von über 15 Unternehmen und Instituten arbeiteten an der Entstehung von Roboy seit Juni 2012. Die Entwicklung der Mechanik und der Software wurde via Open Source laufend verbessert. Das heisst: Ideen und Innovationen gehören nicht einer spezifischen Forschungsgruppe allein. Der Stand der Arbeiten war stets offen per Internet zugänglich. So konnten sich Spezialisten weltweit an der «Schöpfung» der humanoiden Maschine beteiligen. Auch die Finanzierung des Projekts ist aussergewöhnlich. Privatpersonen und private Unternehmen beteiligten sich laut «roboy.org» bisher mit rund 345'000 Franken an der Finanzierung. (ml)

Interview mit Rolf Pfeifer. Quelle: www.digitalbrainstorming.ch

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