So wird Kochen zum Computerspiel

Der Winterthurer Alexis Wiasmitinow hat einen Kochroboter erfunden. Er funktioniert schon fast.

«Ich mache Kochen so einfach wie Gamen»: Alexis Wiasmitinow, Erfinder und CEO von Everycook.

«Ich mache Kochen so einfach wie Gamen»: Alexis Wiasmitinow, Erfinder und CEO von Everycook. Bild: Reto Oeschger

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Alexis Wiasmitinow trägt Glatze und Dreitagebart, einen schwarzen Mantel und einen schwarzen Pullover. Er schleift einen Rollkoffer hinter sich her, an dem die eine Rolle klemmt. Im Koffer befindet sich ein umgebauter Dampfkochtopf in einem Alugehäuse, verkabelt. Am Flughafen müsste der Mann unangenehme Fragen beantworten.

In der Küche der Tagi-Redaktion hat Alexis Wiasmitinow ein anderes Problem: «Fehler 404», meldet der Laptop. Die Software bockt. Der ETH-Ingenieur startet das Programm erneut – dann läuft die Anleitung für die Mise en Place. «Zwiebel waschen und schälen», befiehlt der Computer. Alexis Wiasmitinow zückt sein Messer. «Tubelisicher» sei das Ganze, sagt er. Everycook, seine Kochmaschine, führe einen wie ein Navigationsgerät zum Ziel: einem Pilzrisotto. «Ich muss mir überhaupt keine Gedanken machen.» Für Leute wie ihn, die zwar leidenschaftlich gern kochten, jedoch ziemlich zerstreut seien, habe er Everycook gebaut.

Zehn Prototypen kochen

Vor vier Jahren gings los, Tausende Stunden und rund 30'000 Franken haben er und sein Programmierer in die Entwicklung des klobigen Teils investiert. Nun existieren zehn Prototypen, die er an Erfindermessen und Start-up-Events potenziellen Partnern und Geldgebern vorführt. Ginge der Everycook in Serie, würde ein Industriedesigner für den passenden Look sorgen. 50'000 bis 100'000 Franken braucht Wiasmitinow, dann könnte er eine AG gründen und ein Jahr lang «Vollgas» geben.

Irgendwann soll Everycook mit einer Handy-App kommunizieren. Im jetzigen Stadion tuts ein Kabel zwischen Kochmaschine und Laptop. Dieser fordert im nächsten Schritt Olivenöl. Erklingt ein Piepston, reicht es. Wiasmitinow giesst die Zutat vorsichtig in den Dampfkochtopf – aber es piepst nicht. «Weshalb läuft jetzt die Waage nicht?», fragt er, drückt ein paar Tasten auf dem Keyboard – dann piepst es. «Waagen sind heikel, da muss ich noch verfeinern.» Durch eine Öffnung im Deckel wird nun die Zwiebel gestopft. Eine rotierende Teppichmesserklinge, angetrieben von einem Scheibenwischermotor, schneidet das Gemüse in feine Ringe. Dann startet die Induktionsherdplatte. Alexis Wiasmitinow rührt mit einem Holzlöffel im Topf, der automatische Rührer, ebenfalls angetrieben vom Scheibenwischermotor, hat gerade einen Defekt. In der Küche verbreitet sich der Duft angedünsteter Zwiebeln.

Geeks sind begeistert

Er höre immer wieder, er sei ein Spinner, sagt Wiasmitinow. Seine Frau, die nicht so gerne kocht, freut sich aber auf Everycook. Wenn er nach einem langen Arbeitstag im Büro in den Keller hinabsteigt, frage sie ihn manchmal: «Wann hab ich das Ding endlich?»

Auch die Kollegen vom CCC, dem Chaos Computer Club, waren beigeistert. Die Geeks fanden besonders Gefallen an der Datenbank, auf der die Software von Everycook aufbaut: klassische Rezepte in Computersprache übersetzt. Wie erklärt man dem Rechner, was eine Portion ist? Wiasmitinows fand die Lösung in der Nährwerttabelle. Das Mengenmass von Everycook ist die Kalorie.Ein paar davon gelangen in Form von Reis in den Kocher. Bis es piepst. Eine Minute anschwitzen bei 120 Grad. Bis es piepst. Es folgen Bouillon und getrocknete Steinpilze. Fertig. «Ab jetzt ist Everycook der Pilot», sagt Wiasmitinow, «es kann nichts mehr schiefgehen.» In den 10 Minuten, die es gemäss Laptop noch dauert, bis der Pilzrisotto parat ist, könne man TV schauen, E-Mails checken oder mit den Kindern spielen.

5 Rezepte stehen bislang zur Auswahl

Fünf Rezepte hat Everycook bislang drauf, darunter Nidletäfeli oder ein Thai Curry. Alexis Wiasmitinow ist überzeugt, dass er mit seiner Maschine der Zeit voraus ist. Vieles sei noch handgestrickt, sagt er, doch das könne man tunen. Als Kunden stellt sich der Winterthurer Menschen vor, die mehr von Smartphones verstehen als von Betty Bossi. Junge Leute, die Kochen frustrierend finden, sich aber nicht nur von Tiefkühlpizza ernähren möchten. «Ich mache Kochen so einfach wie Gamen.»

Und es funktioniert! Nach zehn Minuten zischt und dampft es. Alexis Wiasmitinow öffnet den Deckel. Zum Vorschein kommt ein wunderbarer Risotto. «Alles Software», sagt er, «und perfekt al dente.» Der Erfinder reicht einen Teller. Tatsächlich schmeckt das Essen. So gut, dass man sich glatt die Zunge daran verbrennt. Wie immer beim Risotto.


www.everycook.org (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2013, 17:45 Uhr

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