Strom für Europa und Geld für Afrika
Von Christoph Schrader. Aktualisiert am 01.04.2009 21 Kommentare
Spiegel bündeln das Sonnenlicht: Solarthermisches Kraftwerk in Israel. (Bild: Keystone)
Steine, Sand, Sonne - mit diesen drei Begriffen ist die Sahara ziemlich vollständig beschrieben. Zwischen Mauretanien und Ägypten bedeckt sie neun Millionen Quadratkilometer, die grösste Wüste der Welt. Ausgerechnet in dieser lebensfeindlichen Region will Gerhard Knies das Leben Hunderter Millionen Menschen auf eine neue Basis stellen. Bürger von Irland und Israel sollen ebenso davon profitieren wie die Bewohner von Wüstenstaaten wie Algerien, indem der Wüste ein vierter Begriff hinzugefügt wird: «Solarstrom».
Gerhard Knies ist pensionierter Physiker, der sich seit Jahrzehnten für den Klimaschutz engagiert. Seit kurzem leitet er den Aufsichtsrat der neu gegründeten Stiftung Desertec. «Die Wüsten empfangen in sechs Stunden so viel Energie von der Sonne, wie die Menschheit in einem Jahr verbraucht», sagt Knies. Auf diese Weise lassen sich mehrere Probleme gleichzeitig lösen: Umweltschutz, Wassermangel und den Drang der Nordafrikaner zur Migration.
Knies und seine Kollegen haben sich viel vorgenommen. Sie wollen einen Teil dieser Welt ins solare Zeitalter überführen. Ein Stromverbund soll entstehen, der Europa, den Nahen Osten und Nordafrika umfasst. In der Sahara, aber auch auf der Arabischen Halbinsel sollen Kraftwerke entstehen, die Sonnenlicht in Strom verwandeln. «Dort kann man im Jahr mehr als 2000 Kilowattstunden pro Quadratmeter gewinnen», rechnet Markus Eck vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) vor: «Als würden pro Quadratmeter 200 Liter Öl im Jahr vom Himmel regnen.»
Die Elektrizität soll zum einen den Staaten Nordafrikas Energie liefern, ihre Wirtschaft stützen und die Armut besiegen sowie nebenbei Meerwasser entsalzen und den ständigen Wassermangel der Region bekämpfen. Zum anderen soll der Strom über verlustarme Leitungen nach Europa fliessen und dort die klimaschädlichen konventionellen Kraftwerke ersetzen.
Strom über Umweg erzeugen
Die technischen Komponenten eines solchen Netzes gibt es bereits. Die Desertec-Mitglieder wollen sogenannte solarthermische Kraftwerke in die Wüste setzen. Diese bündeln das Sonnenlicht mit grossen Spiegeln und erhitzen dadurch zum Beispiel Spezialöl. Die Wärme wird dem Öl dann in einer Turbine entzogen, die einen Generator antreibt. «Der hintere Teil ist konventionelle Kraftwerkstechnik», sagte Eck, der solche Anlagen beim DLR untersucht und entwickelt hat. «Nur die Wärmezufuhr ändert sich.»
Das Design von solarthermischen Kraftwerken erscheine umständlich, räumte der Ingenieur ein, besonders im Vergleich zu Fotovoltaik-Anlagen, die Sonnenlicht direkt in Strom verwandeln. «Aber der Umweg über die Wärme eröffnet viele Chancen.» Wärme ist nämlich viel einfacher zu speichern als Strom. In einer Anlage in Andalusien, die zurzeit in Betrieb genommen wird, fliesst tagsüber ungenutzte Wärme in einen Tank mit flüssigem Salz.
Dort lässt sich die Energie mit minimalen Verlusten abrufen, um noch in den Nachtstunden Strom zu produzieren. Ebenso kann die Anlage kurze Wolkenperioden überbrücken. Das Kraftwerk wird daher für Stromkunden viel zuverlässiger. In Kalifornien produzieren solche Anlagen seit fast 25 Jahren Strom, in Algerien und Ägypten werden zurzeit neue gebaut.
Um den elektrischen Strom nach Europa zu transportieren, bieten sich Gleichstromkabel mit hoher Spannung an. Sie funktionieren anders als die üblichen Drehstromleitungen innerhalb Europas und haben auf langen Strecken weit weniger Verluste. Nur sieben Prozent der Energie gingen auf einer Strecke von 2000 Kilometern verloren, sagte in Berlin Jochen Kreusel vom Elektrokonzern ABB. Seine Firma hat mit einer solchen Leitung Wasserkraftwerke in Westchina mit der Metropole Shanghai verbunden.
Diese Distanz entspricht der Entfernung von Algier nach Hamburg. Für das Desertec-Konzept wären sogar kürzere Leitungen ausreichend, die das Mittelmeer überspannen und Strom in das europäische Netz einspeisen: über die Meerenge von Gibraltar, von Tunis über Sardinien und Korsika nach Marseille, von Libyen nach Griechenland oder durch Israel. «Wir haben solche Leitungen gebaut», sagte Kreusel. Die Technik stehe zur Verfügung, auch wenn noch Probleme zu lösen sind. «Es gibt noch nichts von der Stange.»
Kleine Fläche, aber hohe Kosten
Probleme könnte der Desertec-Idee vor allem ihr enormer Anspruch bereiten. Auch wenn die Fläche, die theoretisch nötig ist, um den Strombedarf der Welt zu decken, auf Atlanten klein wirkt (siehe Grafik), sind gewaltige Investitionen nötig. Eine Fläche von 360 mal 360 Kilometer würde genügen, um die Welt mit Strom zu versorgen. Aber dort wären in den kommenden 30 Jahren solarthermische Kraftwerke mit einer Nennleistung von 10'000 Gigawatt nötig. Im Mittel müssten jeden Tag Anlagen ans Netz gehen, die so viel Strom erzeugen wie ein grosses Atomkraftwerk. Zurzeit schaffen die Firmen, die die nötige Ausrüstung produzieren, so viel Kapazität in einem Jahr. Zur Finanzierung schwebt Knies ein Fonds vor, den die Industrieländer mit 20 Milliarden Euro pro Jahr füllen - 8 davon aus Europa. Hinzu kämen nach Zahlen des DLR 45 Milliarden Euro für 20 neue Leitungen zwischen Nordafrika und Europa.
Weiterhin Windenergie nutzen
Allerdings geht es wohl auch eine Nummer kleiner. Desertec selbst nimmt an, dass der Strom aus der Wüste im Jahr 2050 ein Sechstel des Bedarfs in Europa deckt; einen grösseren Anteil sollen heimische erneuerbare Quellen wie Windenergie und Wasserkraft liefern. Diese Zahlen entkräften die Befürchtung mancher Kritiker, Europa könne sich mit dem Wüstenstrom in eine neue Abhängigkeit begeben, diesmal in die von Sonnenstrom-Scheichs der Sahara. Doch die importierte Solarenergie könnte helfen, den Treibhausgasausstoss in Europa um 80 Prozent zu senken.
Die Desertec-Stiftung wünscht sich, dass es vorerst ein öffentlich finanziertes Pilotprojekt geben wird. Aus humanitären Gründen solle es in Ägypten stehen und den Gazastreifen versorgen - und womöglich den Konflikt der Palästinenser mit Israel mindern. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.04.2009, 11:55 Uhr
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21 KOMMENTARE
...die idee ist nicht neu - nur dass heute die energiepreise so hoch sind, dass man endlich über ein solches konzept nachdenkt. die probleme liegen aber schon lange nicht an der technischen machbarkeit: die politische lage in den regionen ist leider alles andere als stabil (siehe die piraten in somalia, einmarsch der usa im irak um die ölvorkommen zu sichern etc.)
Am fehlendem Geld kanns nicht liegen, dass ein so ein geniales Energiekonzept nicht realisiert wird. Für andere Branchen hat man ja auch plötzlich Milliarden. Die Stromlobby wird aber alles daran setzen, dass solche Projekte nicht realisiert werden. Schliesslich will die Strom-Mafia ja gefährliche und unsinnig teure Atomkraftwerke bauen. Habgier setzt sich leider immer durch.
Wieso wird eine solche Schlagzeile nicht mal auf der Front der GratisZeitungen präsentiert? Ist ja wohl ein erstklassiges Konzept und mal ne positive Nachricht welche bestimmt grosse Zustimmung findet bei den Leuten. Ich hoffe, dass so bald wie möglich mit diesem Projekt begonnen werden kann.
Der Ansatz ist richtig, nur muss es jetzt umgesetzt werden und nicht den schlipsträgern und Bankenverbrechern hinten nachgeworfen werden. Es ist eine reine politische Sache, die Pappnasen hocken ja alle in einer Form bei den grossen Stromkonzernen im Board.
ich hoffe, dass die Globalisierung,die uns so viele Schwierigkeiten bereitet, doch auch "positive" Seite hat. Allerdings mache ich mir keine Illusionen, denn die ölproduzierenden Staaten, so sie denn weitsichtig handeln, verfügen über monetäre Möglichkeiten solche Projekte in Angriff zu nehmen, während Staaten wie z.B. jene der Sahelzone das den grossen Energiekonzernen überlassen müssen.
Dezentrale Produktion von photovoltaisch erzeugtem Strom im Inland und Import von Sonnenstrom aus dem Süden schliessen sich nicht aus, sondern ergänzen sich. Damit liesse sich schon bald ein wirtschaftlich interessanter Mischpreis erzielen. Auch die Abhängigkeit von Import-Solarstrom bliebe in Grenzen. (Das Desertec-Konzept rechnet mit einem Import-Anteil - für Europa - von etwa 20 %.)
In der Schweiz könnte jeder Einfamilienhausbesitzer eigener Stromversorger sein. Aber die Stromlobby verhindert es. Geben wenig aber verlangen viel für Photovoltaik erzeugter Strom. Eine Riesenschweinerei. Und die Politik macht mit.
Ein Lichtblick in der Rettung unseres Planenten, man kann nur hoffen, daß sich die wichtigen Geldgeber der Wirtschaft daran beteiligen und nicht wie üblich auf ihrem Egoismus verharren der ihnen derzeit die Kassen füllt.
@Johan Hugentobler: Ist doch keine Problem mit den Diktatoren, die können uns heute schon das Öl oder das Gas abstellen. Die Idee ist genial, im Gegensatz zu einem AKW, wo auf auf kleinem Raum das Risiko exponentiell ist, kann bei solchen Anlagen kaum etwas schief gehen.
@Ronnie König: Zuerst müssen Taten folgen und die Machbarkeit bewiesen werden. Wir müssen aber die Atomkraftwerke weiter planen, um sicher zu gehen, dass wir 2020 auch dann Strom haben, wenn diese alternativen Ideen scheitern sollten. Ich bin aber gerne bereit, in die hier aufgezeigten Ideen gross investieren zu lassen. Die Oelfirmen setzen im übrigen längst auf neue Energien, allen voran BP.
Genial ! wenn man mit Elan daran arbeiten würde wie bei der Weltraumfahrt wären bald viele Megaprobleme gelöst !
Das ist nichts Neues. Etwas Neues wäre es hingegen, wenn Staatschefs und Politiker in diktatorischen Ländern zu solchen Projekten Hand reichen würden (Gadafi und Konsorten). Extremisten, Fundamentalisten, selbstherrliche Staatsoberhäupter müssten zuerst verschwinden. Die stellen sonst einfach den Strom ab wenn es ihnen gerade Freude bereitet. Dann lieber eigene Energiequellen.
War ein Vorschlag von uns Technikern und Grünen vor 20Jahren. Man hat uns ausgelacht. Heute kommen viele Menschen von dort zu uns. Wir haben ein Problem damit. Beide Probleme haben miteinander zu tun. Lösen wir es rasch und vielen ist gedient, nur nicht der Öl und Atomlobby.
Das Problem ist in der Tat (wie so oft) nicht, dass man nicht wüsste, wie es geht. Die Menschen wüssten auch seit 1000 Jahren, dass es nichts bringt, sich zu bekriegen... Was hat's gebracht? Nicht die Technik ist das Problem, sondern die funktionale Dummheit der Menschheit.
Wüstenstrom soll im Jahr 2050 einen Sechstel des europäischen Energiebedarfs decken? Na wenn das dann mal nicht zu spät ist...
@Sandra Junker: Wieso nicht ? Oh, man sei dann vom Ausland abhängig. In Tat und Wahrheit geht es darum, dass mit 'Hi Tech' viel mehr Geld vedient werden kann. Und darum immer noch so Idiotien wie AKWs und, noch schlimmer, Fusionsreaktoren gebaut/erforscht werden. Geld regiert die Welt, und dass wird trotz Krise nicht besser, im Gegenteil...
Das grösste Solarthermische Kraftwerk andasol 1 bei Granada machts vor. Ingenieure und Umweltwissenschaftler sind schon "vorher" auf die Idee gekommen, nur die Konkretisierung solcher Pläne dauert halt ne Weile. deutschland und spanien haben in der solarenergie weltweit die nase vorn, die werden schon etwas gescheites zu stande bringen!
Was ist nun korrekt: a) 360 km² wie erwähnt beim Bild oder b) eine Fläche von 360 x 360 km - dies ergibt 129600 km² im Vergleich dazu hat die Schweiz 41'285 km² - interessant
Ich finde das auch sehr positiv. Weshalb da niemand früher daraufgekommen ist, wissen wohl nur die Götter. Sonnenstromscheichs in der Sahara? Die mausarmen Länder in dieser Region haben doch eh kein Geld, diese Anlagen selber zu bauen...
Geniale Idee. Die geistert schon einige Jahre rum und wird nun endliche konkreter. Ich denke, dass mit einem solchen Projekt für Europa, Nordafrika und dem nahen Osten eine partnerschaftliche Basis geschaffen werden kann, die über alle Friedensabkommen etc. hinausgeht. Gemeinsame Interessen und Ziele sind sehr starke Antriebe! Und finanziert durch die ansonsten wirkungslosen 3. Weltzahlungen.
Das ist doch was. Genau so muss das klappen! Das wäre ein Riesen Schritt in Richtung Zukunft. Wegen der Abhängigkeit muss man bedenken: Wir in Europa sind nicht untätig, es gibt immer mehr Private Solar Anlagen auf den Dächern, wobei wir uns selber einen Teil liefern können, die Abhängigkeit wäre in meinen Augen ein kleiner Teil oder nur zu "nicht Sonnen-Zeiten".
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