Strom muss garantiert fliessen
Von Walter Jäggi. Aktualisiert am 26.04.2011 43 Kommentare
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Viele kleine Anlagen oder wenige grosse? Diese Frage stellte sich der Elektrizitätsindustrie letztmals vor 80 Jahren und jetzt wieder. Der Entscheid fiel damals für die Grosskraftwerke, von denen man sich eine rationelle, preisgünstige Produktion versprach. Damit sich Störungen dennoch nicht weiträumig auswirken können, wurden die Kraftwerke vernetzt, zunächst regional. Seit 1958 funktioniert der Austausch von Strom auch international, die Schweiz schuf damals in Laufenburg Verbindungen zu den Netzen in Deutschland und Frankreich. Was zunächst gedacht war als Hilfepfad für Ausnahmefälle wurde bald zum lukrativen Handelsweg.
Heute zieht sich ein grenzüberschreitendes Netz von Höchstspannungsleitungen kreuz und quer durch Europa, der Handel mit Strom ist ein internationales Routinegeschäft geworden – von dem die Schweiz jährlich mit etwa einer Milliarde Franken profitiert. Die Schweizer Stromwirtschaft ist eingebunden in das gesamteuropäische Versorgungssystem. Rund 23 Prozent des europäischen Stroms passiert unser Land via die Hochspannungsleitungen in den Alpen im Transit, vor allem von Frankreich nach Italien.
Die Alpen als Batterie
Die Schweiz, so formulieren es die Kraftwerkbetreiber und das Bundesamt für Energie unisono, könnte aber noch mehr sein als nur eine Drehscheibe des Stromtransports, nämlich «die Batterie Europas». Dank den Pumpspeicherkraftwerken, von denen gegenwärtig mehrere im Bau sind, liessen sich ein Teil der Überschüsse im europäischen Netz in den Schweizer Bergen zwischenlagern und bei Bedarf (und interessanten Preisen) wieder auf den Markt bringen. Je nach Tages- und Jahreszeit ist die Schweiz Importeurin oder Exporteurin von Strom. Eine enge Anbindung an den EU-Strommarkt würde die Versorgungssicherheit der Schweiz langfristig verbessern. Die Garantie, dass hierzulande immer sofort Strom fliesst, wenn ein Schalter betätigt wird, wird von der Elektrizitätsbranche, von der Politik und von der Wirtschaft sehr hoch eingestuft. Die Angst ist gross, dass Strom in der Schweiz ein knappes, das heisst teures Gut werden könnte. Dies, obschon die Preise im internationalen Vergleich gegenwärtig günstig sind. Die Schweizer Industrie zahlte 2009 weniger als die Konkurrenz in allen vier Nachbarländern. Für die Haushalte war das Preisniveau doppelt so hoch, aber ebenfalls in der Schweiz am tiefsten.
Preisgünstig ist der Schweizer Strom unter anderem deshalb, weil die Kraftwerkunternehmen von alten Investitionen zehren. Die grossen Wasserkraftwerke, welche fast 55 Prozent der Produktion ausmachen, wurden vor Jahrzehnten gebaut, die meisten der mächtigen Talsperren zwischen 1950 und 1970, die Kernkraftwerke, die gut 40 Prozent liefern, gingen in den Jahren 1969 bis 1984 in Betrieb. Zwar sind Erneuerungs- und Erweiterungsarbeiten bei zahlreichen Wasserkraftwerken im Gang und werden auch die Atomkraftwerke laufend unterhalten. Und doch rechnen die Prognosen damit, dass in einigen Jahren die Leistungen nicht mehr ausreichen. Die Modelle und die Ergebnisse dieser Voraussagen sind sehr unterschiedlich. In den Energieperspektiven des Bundesamtes für Energie von 2007 wird mit vier Szenarien gerechnet. Die 2035 zu befürchtende sogenannte Stromlücke soll zwischen 5 und 22 Terawattstunden gross sein. Fehlen würden also etwa 10 bis 30 Prozent des heutigen Verbrauchs. Die Nachfrage steigt aber, da die Einwohnerzahlen steigen und immer mehr Geräte mit Strom betrieben werden. Der Stromkonzern Axpo (AXP10 105.3 -0.05%) erwartet deshalb Engpässe schon etwa ab Winter 2018.
Die Ursache für die Mangelsituation ist einerseits die früher oder später fällige Stilllegung der alten Atomkraftwerke. Andrerseits werden die neuen Regeln der EU für den Stromfreihandel das grenzüberschreitende Geschäft schwieriger machen, da die bisherigen Lieferverträge nicht mehr weitergeführt werden dürfen. Zusätzlich zeichnen sich Engpässe bei den Fernleitungen ab, es ist nicht einfach, den Stromüberschuss von den Windkraftwerken an der Nordsee zu den Industrie- und Bevölkerungszentren Norditaliens durch das stark benützte Netz zu schleusen. Die Einschätzungen darüber, wie sich eine Versorgungslücke in den nächsten Jahren vermeiden liesse, gehen weit auseinander. Ein Ersatz eines oder zweier Atomkraftwerke wäre die für das Netz einfachste Lösung. Wie gross die Wahrscheinlichkeit für einen AKW-Neubau ist, bleibe dahingestellt, fristgerecht und nahtlos wäre eine solche Ablösung kaum realisierbar. Deshalb stehen jetzt auch wieder Gaskraftwerke zur Diskussion. Ihnen wurde lange Zeit aus Gründen des Klimaschutzes keine Chancen eingeräumt, weil sie mit einem fossilen Brennstoff funktionieren.
System braucht einen Umbau
Als Gegenentwurf zur Weiterführung des Systems der Grosskraftwerke gibt es das Konzept der Dezentralisierung. Vorausgesetzt, die politischen Rahmenbedingungen werden geschaffen, könnten Techniken wie zum Beispiel die Fotovoltaik, die Wärme-Kraft-Koppelung oder die Verstromung von Biomasse bald einen substanziellen Beitrag zur Versorgung leisten, zahlreiche Effizienzverbesserungen seien ebenfalls machbar. Das Energiesystem müsse umgebaut werden, und zwar mit Rücksicht auf die CO2-Ziele. Das werde zunächst teuer kommen, aber für die Wirtschaft einen Innovationsschub auslösen, der letztlich positive Wirkungen habe, urteilt dazu der Energie-Trialog Schweiz, ein breit abgestütztes Gremium von Fachleuten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.04.2011, 21:16 Uhr
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43 Kommentare
Das ist ein klassischer Propaganda-Artikel für die Lobby der Energiekonzerne. Der Artikel blendet jede Möglichkeit der effizienteren Stromnutzung aus. Dass man anstatt neue AKWs zu bauen auch auf erneuerbare Energien setzen könnte, verannt der Autor in einen Nebensatz. Die "Energielücken"-Grafik ist übrigens aus einer Axpo-Werbebroschüre kopiert. Antworten
Dieser Artikel ist schlicht lächerlich. Selbstverständlich wird der Stromverbrauch steigen, wenn wir mehr Strom produzieren - dies ist eine selbsterfüllende Profezeihung. Wie wärs mit weniger Produktion-->höheren Preisen-->weniger Verschwendung? Übrigens: Graphik geht von fragwürdigen Annahmen aus: die in der CH geplanten Photovoltaik-Anlagen könnten gleich viel Strom produzieren wie Mühleberg. Antworten
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