Um 10.51 Uhr kam das Alarm-E-Mail

Als Physiker Marco Drago zum ersten Mal die Signale von Gravitationswellen sah, glaubte er an einen Test.

Zwei schwarze Löcher vor dem Aufprall. Computersimulation: Ligo (Caltech, Reuters)

Zwei schwarze Löcher vor dem Aufprall. Computersimulation: Ligo (Caltech, Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Marco Drago war der Erste. Ein Zufall, dass er gerade zuständig war, dass es in Hannover 10.51 Uhr am Morgen war, in den USA hingegen mitten in der Nacht. Doch als der Computer eine Auffälligkeit in den Daten von den Messstationen in den US-Bundesstaaten Washington und Louisiana erkannte, erhielt der italienische Physiker die Alarm-E-Mail – und setzte den Prozess in Gang, der der Menschheit eine der wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte bescherte: die experimentelle Bestätigung von Gravitationswellen.

«Drei Minuten nach dem Alarm habe ich am Computer gesessen und habe mir die Daten genauer angeschaut», erzählt der 33-Jährige. «Zuerst dachte ich, dass mit der Hardware etwas nicht in Ordnung sei, dass jemand einen Test an einem der Interferometer gemacht hatte.» Er fragte einen Kollegen, ob irgendetwas von einem Test bekannt sei. Dann riefen sie in den USA an, wo sie nur bei einem der beiden Detektoren den Nachtdienst erreichten. Es hatte keinen Test gegeben. Daraufhin riefen sie ihre gesamte Forschergruppe am Albert-Einstein-Institut für Gravitationsphysik (AEI) in Hannover zusammen.

«30 Minuten nach dem Alarm sassen wir alle zusammen», erzählt Gruppenleiter Badra Krishnan. Die Daten der beiden Detektoren in den USA werden an Forscher in aller Welt weitergeleitet. Das AEI rühmt sich, die stärksten Computer zu haben, um die Daten zu analysieren. «Die Sofortanalysen sind weniger genau als Berechnungen, die wir offline machen können», sagt der 41-jährige Krish­nan. «Doch uns war sofort klar, dass dieses Signal so stark war, so laut, dass es etwas zu bedeuten hatte.»

Drago war sich von Anfang an sicher, dass es sich um ein binäres Signal handelte, ein Signal, das von zwei Quellen gleichzeitig ausging: «Die Form der Wellen war charakteristisch dafür.» Die Vermutung sollte sich bestätigen: Das Signal stammte vom Zusammenprall von zwei Schwarzen Löchern, der in 1,3 Milliarden Lichtjahren Entfernung stattgefunden hatte – also 1,3 Milliarden Jahre bevor die Gravitationswellen am 14. September 2015 die Erde erreichten.

Die Forscher in Hannover alarmierten sofort die gesamte Kollaborationsgruppe von Physikern in aller Welt, die ebenfalls die Daten aus den USA analysierten. Bis zum Abend waren sich die Kollegen in Hannover – sie kommen aus Indien, Italien, Dänemark, Spanien, Grossbritannien und den USA – immerhin sicher, dass sie etwas Wichtiges entdeckt hatten. «Da begann es uns langsam bewusst zu werden – und wir machten in der Nacht kaum ein Auge zu», sagt Krishnan. Denn nun begann ein langer Prüfungsprozess. «So etwas verbreitet man nicht sofort in der Öffentlichkeit. Das ist eine wirklich grosse Behauptung, die man da aufstellt. Da muss man sich sehr sicher sein.»

Die Peinlichkeit, nach einer Ankündigung wieder einen Rückzieher machen zu müssen, hatten vor zwei Jahren Physiker des Harvard-Smithonian Zentrums für Astrophysik erlebt. Sie hatten behauptet, mit riesigen Teleskopen in der Antarktis die Auswirkungen von Gravitationswellen gemessen zu haben. Allerdings hatte sie vor ihrer Veröffentlichung nicht die übliche Prüfung der Ergebnisse durch andere Forscher, den «Peer Review», machen lassen. Und innerhalb weniger Monate stellte sich heraus, dass ihre Folgerungen nicht haltbar waren: Feinste Staubpartikel im Weltraum hatten die Lesungen der Teleskope verfälscht.

Ein erster Whiskey

«Erst nach einem Monat haben wir uns zum ersten Mal einen Whiskey zur Feier erlaubt», erzählt Marco Drago. Aber noch einmal vier Monate vergingen, bis die Welt diese Woche von der Entdeckung erfuhr. «Wenn 1000 Leute beteiligt sind, braucht man Zeit, um einen gemeinsamen wissenschaftlichen Artikel zu verfassen», sagt Krishnan.

Nun ist bestätigt, dass die Wissenschaft ein neues Sinnesorgan entwickelt hat, um den Weltraum besser verstehen zu können. Das sei mit dem Hören am ehesten zu vergleichen, findet Krishnan. Die jetzt gemessenen Gravitationswellen hatten eine Frequenz von etwa 100 Hertz, was einem tiefen Ton entspricht (elektrische Geräte brummen mit einer Frequenz von 50 Hertz).

Physiker, die nach Gravitationswellen lauschen, wurden von ihren Kollegen bisher oft bedauert. «Ich bin seit 15 Jahren in diesem Bereich tätig», sagt Krish­nan. «Bei Konferenzen fragen die Kollegen immer, ob wir schon etwas gehört haben. Und beantworten die Frage gleich selbst: ‹Natürlich habt ihr noch nichts gehört.›» Umso grösser ist jetzt die Genugtuung. «Das erlebt man nur einmal im Leben», freut sich Krishnan. Am Donnerstag floss viel Champagner, aber vor allem Whiskey. «Im Moment ist an Arbeit nicht zu denken», sagt Marco Drago. «Es ist alles viel zu aufregend.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.02.2016, 07:44 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Warum der Nachweis von Gravitationswellen so besonders ist

Albert Einstein hat die Kräuselungen der Raumzeit zwar vorausgesagt. Doch er glaubte nicht, dass sie sich nachweisen lassen. Mehr...

So funktioniert der Ligo-Detektor

Zwei Arme, vier Kilometer lang und schnurgerade: Mit dieser Anlage wurden die Wellen gemessen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Werbung

Kommentare

Blogs

Blog Mag Kim kocht
Sweet Home Italienischer Sommer

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Eingetaucht: Taucher spielen mit Sardinen im Coex-Aquarium von Seoul. (29. Juli 2016)
(Bild: AP/Ahn Young-joon) Mehr...