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Unter dem Druck der Nachbarn

Von Martin Läubli. Aktualisiert am 01.10.2011 19 Kommentare

Wie bringt man die Leute dazu, Strom zu sparen? Man gibt ihnen eine Rückmeldung über ihren Verbrauch. Und man stachelt sie zum Wettbewerb an. Das wollen die Berner Kraftwerke nun versuchen.

Anreiz: Wenn alle Nachbarn Sonnenkollektoren auf dem Dach montieren, entsteht Gruppendruck. Das soll auch beim Energiesparen funktionieren.

Anreiz: Wenn alle Nachbarn Sonnenkollektoren auf dem Dach montieren, entsteht Gruppendruck. Das soll auch beim Energiesparen funktionieren.
Bild: Keystone

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An neuen effizienten Energietechnologien fehlt es nicht. Autos verbrauchen weniger Treibstoff, Häuser sind besser isoliert, Lampen leuchten deutlich effizienter. Trotzdem ist Energie sparen nicht zuoberst auf der «To do»-Liste der meisten Haushalte. Die Berner Kraftwerke (BKW) wollen dies nun ändern. Zusammen mit dem ETH-Spin-off-Unternehmen BEN Energy sollen BKW-Kunden aus 400 Gemeinden online dazu motiviert werden, Strom zu sparen. Der Anreiz: Wer effizient haushaltet und monatlich den Stand seines Stromzählers auf dem Portal eingibt, kann attraktive Preise gewinnen. Zudem kann er sich mit seinen Nachbarn im Wettstreit um den effizientesten Haushalt messen.

Geldangebot ohne Wirkung

BEN Energy greift dabei auf Erkenntnisse der Verhaltensforschung zurück, die bereits vor dreissig Jahren in kleinen Experimenten gewonnen wurden: Stromkunden reduzierten ihren Verbrauch um 5 bis 20 Prozent, wenn sie ein Feedback zu ihrem eigenen Konsum und zusätzliche Informationen zur Energie erhielten. Neue Arbeiten bestätigen nun, dass diese Erfahrungen auch in grossem Massstab gelten können.

So fragte sich das amerikanische Unternehmen Opower im heissen Kalifornien, was den Stromkonsumenten bewegen könnte, die Strom fressenden Klimaanlagen durch Ventilatoren zu ersetzen. Während Wochen massen Studenten in kalifornischen Haushalten den Strom und orientierten die Bewohner mit verschiedenen Mitteilungen. Doch weder die Aussicht auf finanzielle Belohnungen noch der Appell ans Umweltgewissen motivierte die Konsumenten, sparsamer mit Energie umzugehen. Auch die Aufforderung zum Wahrnehmen sozialer Verantwortung zeigte keine Wirkung. Wo allerdings die Verbrauchswerte der Nachbarn bekannt waren, dort sank der Stromverbrauch der Haushalte um bis zu 6 Prozent. «Schau auf deinen Nachbarn, und du erkennst dein künftiges Verhalten», sagte Alex Laskey, Präsident und Gründer von Opower, vor Politikern und Wirtschaftsfachleuten am Klimaforum vergangene Woche in Thun.

Opower liess sich von den Studien des Amerikaners Robert Cialdini inspirieren. So studierte der Psychologe zum Beispiel in einem Hotel in Arizona, wie die Gäste mit ihren Badetüchern umgingen. Parolen zu Umwelt- und Ressourcenschutz zeigten dabei keine Wirkung. Erst als die Information verbreitet wurde, dass die Mehrheit der Hotelgäste ihre Badetücher mehrmals verwendet, veränderte sich das Verhalten deutlich.

«Soziale Normen haben einen grossen Effekt»

Nicht nur Verhaltensforscher, auch Ökonomen erkannten schon lange, dass eine Änderung des menschlichen Verhaltens eine zentrale Rolle dabei spielt, den Energiekonsum zu reduzieren. So sprachen die amerikanischen Ökonomen Adam Jaffe und Robert Stavins bereits vor mehr als 15 Jahren vom «EnergieParadox» – und meinten, Kosten und Technologien seien nicht die einzigen Hürden zu einem effizienteren Energiesystem. Lange wurde jedoch den Gewohnheiten des Menschen im Energiegeschäft keine allzu grosse Bedeutung beigemessen. Das scheint sich nun zu ändern. Nach Auskunft des Geschäftsführers von Ben Energy, Jan Marckhoff, werden zunehmend Sparanreize in Form von Verbrauchsfeedback und Vergleichen mit Nachbarn gesetzt. «Soziale Normen haben einen grossen Effekt.»

Diese Erfahrung machten ETH-Forscher vor der Gründung von BEN Energy in einem Versuch zusammen mit einem österreichischen Energieversorger. Über 10 000 Stromkunden wurden – wie das auch bei der BKW geplant ist – mit Analysen über ihren Konsum und den ihrer Nachbarn sowie mit gewünschten Zusatzinformationen versorgt. «Die Kunden müssen individuell nach ihren Wünschen angesprochen werden, eine Überfrachtung mit Informationen wirkt sich negativ aus», sagt Marckhoff.

Ein Smiley als Belohnung

Wie bei Opower orientierten sich viele Kunden an den Verbrauchswerten der Strombezüger in ihrer Region. Allerdings richteten sich auch jene Konsumenten, die unter dem Durchschnitt ihrer Nachbarn lagen, an diesem Wert aus. Um eine solche Entwicklung zu verhindern, erhielten die Sparer «Zückerchen». «Ein Lob oder ein Smiley für das positive Verhalten kann helfen», sagt der Geschäftsführer von BEN Energy. Oder die Stromkunden erhielten als Vorgabe nicht die Durchschnittswerte der Nachbarschaft, sondern jene der besten Stromsparer.

Das amerikanische Unternehmen Opower verschickt heute an seine Kunden regelmässig einen individuellen Energiereport, damit der Strombezüger sein Verhalten überprüfen kann. So will die Firma in diesem Jahr 400 Gigawattstunden Energie einsparen. Mithilfe der üblichen Kommunikationskanäle wie Web und E-Mail will das Unternehmen künftig gegen drei Millionen Haushalte erreichen. Beim österreichischen Versuch wurde ein Spareffekt pro Haushalt von rund 3,5 Prozent erzielt. Das ist zwar eine kleine Ausbeute. Die Einführung von sogenannten Smart Meters, die den Stromverbrauch in einzelnen Haushalten messen, brachte allerdings vorerst nur wenig bessere Resultate. Die Kosten dafür sind aber beträchtlich höher. Ohne zusätzliche Energieinformationen führe ein Smart Meter nicht zu einer Verhaltensänderung, sagt Jan Marckhoff.

Trotz diesen ersten kleinen Erfolgen braucht es Zeit, bis Stromsparen zum Alltag gehört. Doch Hoffnung besteht: Die Trennung des Abfalls etwa ist in der Schweiz nicht mehr wegzudenken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2011, 18:10 Uhr

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19 Kommentare

Markus Meier

01.10.2011, 22:34 Uhr
Melden 17 Empfehlung

Tolle Idee!
So kann ich mal sehen wo ich stehe, und ob ich auch da stehe wo ich denke dass ich stehe.
Nein ich bin nicht auf dem 1. Platz, hoffe aber ich bin unter dem Durchschnitt...
Statt einer undurchsichtigen (neuen) Abrechnung, erwarte ich vom EW mehr Transparenz!
Antworten


Roland Keller

02.10.2011, 00:01 Uhr
Melden 16 Empfehlung

....dann hört doch zuerst mal bei über 20 Grad Aussentemperatur mit der Eisproduktion in der offenen Kunsteisbahnen Ka-We-De auf.  Antworten



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