Urin ist zu schade zum Runterspülen

Schweizer Forscher verarbeiten menschlichen Urin zu Dünger. Diese Art der Düngerproduktion unterziehen sie jetzt in Südafrika einem Realitätstest.

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Bitte genau zielen! Auf den Toiletten des Wasserforschungsinstituts Eawag in Dübendorf gilt das nicht nur aus Gründen der Reinlichkeit, sondern auch im Interesse der Forschung. Mit sogenannten Nomix-Toiletten separieren die Forscher Kot und Urin. Aus dem Urin gewinnen sie mit einem eigens entwickelten Reaktor seit ein paar Wochen Dünger.

Urin enthält wichtige Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor. Um die Umwelt zu schützen, ergibt es – etwa in Entwicklungsländern oder im Berggebiet – Sinn, diese nicht einfach in die Kanalisation zu leiten oder versickern zu lassen. Die Nährstoffe sollen an der Quelle, sprich in der Toilette, aufgefangen und dann weiterverarbeitet werden. Aber auch bei uns könnte eine Urinseparierung punktuell, etwa in Bürogebäuden, an Flughäfen und in Ballungszentren, wo sich der Abwasserstrom entlasten liesse. Deshalb plädiert Kai Udert, leitender Entwickler des Urinreaktors, für eine neue Sicht auf unsere Ausscheidungen: «Wir sollten Urin nicht als Abfall betrachten, sondern als Rohstoff.»

Pilotprojekt in Südafrika

Dieser Ansicht sind auch Bill Gates und seine Frau Melinda. Ihre Stiftung unterstützt die Eawag-Forscher mit drei Millionen Dollar, damit sie die Praxistauglichkeit der Schweizer Technologie testen können. Und zwar im Umland des südafrikanischen Durban. Hier gibt es bereits über 70'000 wasserlose Nomix-Toiletten als Alternative zur aufwendigen wassergespülten Kanalisation. Schwemmt man Kot und Urin nicht in eine Kläranlage, ist es besser, beides zu trennen. Der Kot trocknet sehr schnell und hört auf zu stinken. Den Urin liessen die Leute bisher versickern.

Das will Uderts Team ändern. Im Oktober haben die Forscher in Durban einen zweiten Urinreaktor in Betrieb genommen, der mithilfe von verschiedenen Bakterienstämmen aus dem ursprünglichen Harnstoff letztlich Nitrat macht. Nachdem die wässrige Flüssigkeit noch eingedampft wird, bleibt am Schluss fester beziehungsweise flüssiger Dünger für die Landwirtschaft übrig, der angenehm nach Waldboden riecht.

Wichtige Nährstoffe

Der Reaktor ist das Herzstück des Projekts. Doch für den Beweis der Praxistauglichkeit der Technik braucht es noch weit mehr: «Der gesamte Ablauf vom einzelnen Toilettenbesuch bis zum handelsfertigen Dünger muss effizient und sauber sein», erklärt Kai Udert. Dazu gehören Fragen der Hygiene, der Logistik, der Wirtschaftlichkeit und der Akzeptanz. Dies untersuchen die Eawag-Forscher bereits seit zwei Jahren zusammen mit lokalen Wissenschaftlern und Experten der ETH Zürich und der ETH Lausanne.

Die Stadt Durban hat Bewohnern in den schnell wachsenden Aussenquartieren Trockentoiletten in separaten WC-Häuschen zur Verfügung gestellt, weil es in diesen Gegenden bisher keine Sanitäranlagen und nicht einmal Plumpsklos mit Fäkaliengruben gab. Doch nicht alle Besitzer konnten sich auf Anhieb für die Idee der Nomix-Technologie begeistern. Denn sie hätten lieber auch eine konventionelle Toilette mit Wasserspülung gehabt, welche die reichen Leute in Südafrika seit Jahrzehnten besitzen, betont Bastian Etter, Eawag-Projektkoordinator vor Ort. Dies sei dort für viele eine Frage des Status.

Dünger

Doch bei den zweihundert Haushalten, die zurzeit im Projekt mitmachen, liessen sich dank lokaler Vermittler die meisten Vorbehalte ausräumen. Als wirklicher Knackpunkt habe sich hingegen ein effizientes Sammelsystem herausgestellt. «Von Haus zu Haus gehen ist zu aufwendig, und zu zentralen Sammelstellen muss man die Leute erst mal bringen», so Etter.

Für die Lösung dieses Problems haben die Forscher noch kein Patentrezept. Derzeit probieren sie ein Anreizsystem aus. Wer seinen Urin abliefert, erhält zum Beispiel einen Punkt auf einer Sammelkarte für Lebensmittel. Ein lukratives Geschäft ist das Ganze bisher nicht. Ob es das jemals wird, möchte Kai Udert noch nicht beurteilen. Das hänge unter anderem von den Düngerpreisen ab. Und eben von der Effizienz der Sammelsysteme.

Kosten entscheiden

Weil der Aspekt des Sammelns bei der Kostenrechnung so stark ins Gewicht fällt, eigne sich das System am besten für Städte. Dort fällt auf kleinem Raum eine grosse Menge des gelben Rohstoffs an, und die Transportwege sind kurz. Wäre das auch für Schweizer Städte denkbar? «Das müssen wir auf jeden Fall prüfen», betont Udert. «Berücksichtigt man nämlich den Aufwand der heutigen Abwassersysteme inklusive Bau und Wartung der ganzen Kanalisation, ist unser Ansatz eventuell jetzt schon kosteneffizienter.»

Ökologisch bewusste Hausbesitzer könnten schon bald einen Urinreaktor in ihren Keller stellen. Allerdings braucht es derzeit noch einige Praxistests und einen Industriepartner, der die Reaktoren produziert. Man stelle sich vor, dass dann vielleicht auch der Prime Tower zur Düngerfabrik werden könnte. Und spätestens dann, wenn Rohstoffe wie etwa Phosphor weltweit wirklich knapp werden sollten, heisst es vielleicht für uns alle: Bitte genau zielen! (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.11.2012, 07:01 Uhr)

Toiletten
Für Milliarden nicht verfügbar

Jeden Tag sterben auf der Welt mehr als 3000 Menschen an Krankheiten, die auf Fäkalien im Trinkwasser zurückgehen. Für einen sehr grossen Teil der Bevölkerung, es sind rund 2,6 Milliarden Menschen, ist der Zugang zu einer Toilette nicht selbstverständlich. Die praktizierten Methoden der Beseitigung von Kot und Urin bilden eine ständige und erhebliche Gefahr für das Trinkwasser und damit für die Volksgesundheit. Frauen und Mädchen sind zudem häufig Belästigungen ausgesetzt, wenn sie ihr Geschäft im Freien erledigen müssen.

Aus Anlass des Welttoilettentags, der regelmässig an diesen Missstand erinnert, hat die Hilfsorganisation Helvetas vom Bundesrat gefordert, jährlich zusätzliche 100 Millionen Franken für Projekte der Wasserversorgung und der Abwasserentsorgung zu bewilligen. Jeder in die Sanitärtechnik investierte Schweizer Franken erzeuge in den betreffenden Gegenden einen drei- bis fünfmal so grossen sozialen und wirtschaftlichen Nutzen, zeige eine Studie der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit und des Staatssekretariats für Wirtschaft, schreibt Helvetas. (SDA)

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