Warum auch Ingenieure Fehler machen
Hallenbäder, Eislaufhallen, Flughafenterminals, Tiefgaragen, Brücken. Die Liste ist lang; immer wieder krachen vermeintlich sichere Bauten plötzlich und ohne Vorwarnung zusammen. Ob es Tote und Verletzte gibt, ist dann reiner Zufall.
Fehler am Bau führen nicht immer zu einer Katastrophe, in sehr vielen Fällen aber kommt es zu kleineren Schäden und zu Nachbesserungen. Michael Faber, Professor für Risiko und Sicherheit an der ETH, sagte an einer Veranstaltung des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA) vor einigen Wochen, Bauschäden verursachten 10 bis 15 Prozent der gesamten Produktionskosten auf dem Bau. Die Hauptursachen seien Mängel bei der Planung und bei der Arbeitsvorbereitung. Fehlerhafte statische Berechnungen seien die Ursache für 40 Prozent der Fälle mit Sachschaden und für 49 Prozent der Fälle mit Personenschäden.
Wo die Fehler ihren Ausgangspunkt haben, hat die Vereinigung Beratender Ingenieurunternehmen (Usic) in einer Analyse von Schadenfällen ermittelt. Ein Drittel der Fehler beruhte auf unklarer Aufgabenstellung, fehlenden Unterlagen, mangelnder Information und unklaren Weisungen. In einem Drittel der Fälle war die Kontrolle der Arbeiten im Ingenieurbüro ungeeignet oder ungenügend. Hauptursache (in 60 Prozent der Schadensfälle beteiligt): Das Risiko wurde nicht erkannt oder unterschätzt, erforderliches Fachwissen war nicht vorhanden und wurde nicht eingeholt, Ausnahmefälle (z. B. Extremwetter) wurden nicht berücksichtigt.
Neinsagen ist schwer
An der SIA-Veranstaltung, die das Thema Umgangskultur hatte, sagte die Bauingenieurin Anita Lutz als Tagungsleiterin, man müsse in einem Ingenieurbüro respektieren, «was ein Mitarbeiter kann und was nicht - und auch, was man selber kann und was nicht». Sich, dem Chef oder den Kollegen einzugestehen, man könne eine Aufgabe aus diesen oder jenen Gründen nicht lösen, sei schwierig. Wozu Michael Faber anmerkte, vielerorts herrsche die Ansicht, dass auftauchende Probleme sich «am Ende noch immer mit Trouble shooting haben lösen lassen».
So kann es vorkommen, dass ein wenig erfahrener junger Mitarbeiter eine statische Berechnung durchführt und nicht bemerkt, dass ihm wichtige Angaben fehlen oder dass er sie nicht versteht. Wenn dann die internen Kontrollen versagen, steht plötzlich eine Zahl in den Plänen, die dort nicht sein sollte. Und die Frage stellt sich, wer denn nun letztlich dafür verantwortlich sei: der Mitarbeiter, die ganze Equipe, der Chef, eine Aufsichtsinstanz?
Der Jurist Walter Fellmann, Fachmann für Haftpflicht- und Versicherungsrecht, stellte fest, dass der Trend zu grösseren Unternehmen dazu führe, dass in der Baubranche viele Abläufe standardisiert werden. Zudem träten immer mehr Normen an die Stelle dessen, was der österreichische Gesetzgeber treffend «denkender Gehorsam» nenne. «Die Person rückt in den Hintergrund, Dienstleistungen werden wie ein industriell hergestelltes, standardisiertes Produkt betrachtet», sagte er.
Normen sollen die Sicherheit garantieren, sie können aber auch die Sicherheit gefährden. Denn, so Fellmann, auch in einem Normenwerk ist nicht jeder Sonderfall erfasst. Es bestehe die Gefahr, dass Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, kurz das Berufsethos, durch scheinbar unfehlbare Standards abgelöst würden, die nicht mehr hinterfragt werden.
Zeitdruck und Budgetdruck
Die Ingenieur- und die Baubranche leiden wie viele andere unter starkem Zeit- und Budgetdruck. Dieser habe, hiess es an der SIA-Tagung, gefährliche Ausmasse angenommen. Oft würden Aufträge einfach demjenigen erteilt, der am schnellsten und/oder am billigsten sei. Die Auftraggeber machten sich kaum noch die Mühe, ausser dem Preis und dem Termin auch die Qualität zu überprüfen.
Der Winterthurer Bauingenieur Martin Deuring meinte dazu mit Blick auf die Praxis: «Selbst Differenzen der Angebote im Bereich von über 100 Prozent und mehr führen selten dazu, dass die zugehörigen Leistungen kritisch hinterfragt werden. Dies im Gegensatz zu unserem gewohnten täglichen Einkaufsverhalten im Supermarkt.» Ziel der SIA-Tagung war es, die Ingenieure darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig die gute Arbeitskultur ist, der offene und vertrauensvolle Informationsaustausch, das gewissenhafte Vorgehen, die Übernahme von Verantwortung.
Jeder hat den schwarzen Peter
Unfälle haben immer mehrere Ursachen und mehrere Verursacher. Der amerikanische Philosophieprofessor Robert Allinson hat in seinem Buch «Saving Human Lives» Katastrophen analysiert und nach der Führungsethik gefragt. Ob Untergang der Titanic, Explosion der Raumfähre Challenger oder Flugzeugabsturz am Mount Erebus - alle diese Unglücke wären vermeidbar gewesen, wenn vorhandene Informationen richtig weitergegeben und richtig interpretiert worden wären.
«The buck stops here» stand lange Zeit auf einem Schild auf dem Pult des Präsidenten der USA. Die Redensart bedeutet so viel wie «Der schwarze Peter bleibt hier». Das sei nur halbrichtig, sagt Allinson. Zwar müsse die oberste Instanz immer die letzte Verantwortung tragen, aber jeder andere Beteiligte dürfe sie nicht nach oben abschieben. «The buck stops here and it stops everywhere else as well.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.02.2009, 08:59 Uhr
Wissen
- 08:21Atombomben-Spuren verraten Weinfälscher
- 00:00…105 Jahren: Die erste Filmvorführung
- 00:00...11 Jahren: Im Heissluftballon einmal rund um die Welt
- 20.03.2010Wilder Sex bei den Blattschneider-Ameisen
- 20.03.2010Ein Zahnstocher auf Wanderschaft
- 20.03.2010…627 Jahren: Der Märtyrertod des Johannes von Nepomuk
Meistgelesen in der Rubrik Wissen
Lernpower
Body Coach
-
Der BodyCoach hilft Ihnen, gesund und nachhaltig abzunehmen. Er stellt einen individuellen Ernährungsplan zusammen, erstellt Einkaufslisten, schlägt Rezepte vor und unterstützt Sie beim Training.









