Was das Smartphone mit unserem Hirn macht

Das menschliche Gehirn ist enorm anpassungsfähig. Neurowissenschaftler der Universität und der ETH Zürich haben nun beobachtet, dass sogar das Bedienen von Smartphones messbare Spuren hinterlässt.

Bei Smartphone-Nutzern ist die Hirnaktivität grösser als bei Nutzern von herkömmlichen Handys. Foto: Caro (Keystone)

Bei Smartphone-Nutzern ist die Hirnaktivität grösser als bei Nutzern von herkömmlichen Handys. Foto: Caro (Keystone)

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Vor zehn Jahren warnten Chiropraktoren noch vor der Überlastung der Daumen durch das Tippen von SMS. Gegen diese «Text Message Injury» kreierten sie ein spezielles Trainingsprogramm mit Dehnungs- und Kräftigungsübungen, um überbeanspruchten Sehnen und Sehnenscheiden vorzubeugen. Heute klingt es ganz anders: «Das Smartphone verleiht den Daumen Superkräfte» titelt eine Medienmitteilung des Fachblatts «Current Biology». Das ist zwar dick aufgetragen von der Presseabteilung der angesehenen Zeitschrift. Doch immerhin: Das stete Tippen und Wischen auf den Touchscreens macht unsere Fingerspitzen nicht nur geschickter, es verändert auch unser Gehirn. Das zeigen Forscher vom Institut für Neuroinformatik der Universität und der ETH Zürich sowie der Universität Freiburg in einer soeben veröffentlichten Forschungsarbeit.

«Das Gehirn passt sich schnell und überraschend deutlich an den häufigen Gebrauch der Fingerspitzen an», sagt Studienleiter Arko Ghosh. «Wir konnten dies jetzt erstmals bei einer alltäglichen Tätigkeit zeigen.» Nicht zuletzt dank der überdrehten Titelung der Medienmitteilung konnte er sich in den letzten Tagen kaum vor Medienanfragen retten. «Natürlich wollen die Leute wissen, warum wir mit Smartphones forschen», freut sich Ghosh. Er hat offensichtlich ein Händchen für Forschungsprojekte, die für viel Aufmerksamkeit sorgen. Noch vergangenes Jahr machte der Neurowissenschaftler mit einer Studie von sich reden, bei welcher er die Auswirkungen von Botox-Spritzen auf das Gehirn untersuchte.

Mehr elektrische Aktivität

Für die aktuelle Veröffentlichung untersuchten Ghosh und seine Mitarbeiter 26 Smartphone-Benutzer und 11 Nutzer von herkömmlichen Handys und bestimmten bei ihnen die Aktivität der Hirnrinde mittels Elektroenzephalografie (EEG). Dabei hatten sie den sogenannten somatosensorischen Kortex im Blick. Dort besitzen alle Körperbereiche von der Zehe bis zu Kiefer und Zunge festgelegte Verarbeitungsareale. Mithilfe von 62 Elektroden am Kopf der Probanden zeichneten die Neuroforscher Hirnströme auf, während die Versuchspersonen ihre Finger bewegten. Das Resultat: Die elektrische Aktivität in der somatosensorischen Hirnrinde war bei den Probanden erhöht, die ein Smartphone benützten.

Für Ghosh ist dies überraschend: «Die Bedienung eines Smartphones ist keine aussergewöhnliche Fertigkeit, und trotzdem reagiert das Hirn stark darauf.» Bislang habe die Neurowissenschaft sich darauf konzentriert, die besonderen Fähigkeiten von Musikern und Athleten zu untersuchen. Dank der mobilen Geräte könne man jetzt alltägliche Bewegungen genau messen. «Das Smartphone ermöglicht uns, genau zu erfassen, wie häufig bei einer Person die Tätigkeit durchgeführt wurde», so Ghosh. Das taten die Neuroforscher anhand von Daten zum Batterieverbrauch des Handys. Es zeigte sich, dass Aktivitätsstärke im Hirnbereich für die Fingerspitzen ­direkt proportional zur Intensität des Smartphone-Gebrauchs der letzten zehn Tage war. Bei der Daumenspitze liessen sich sogar tägliche Schwankungen erkennen: je kürzer der Zeitraum seit der letzten intensiven Nutzung des Telefons, desto höher die Messwerte.

Essen mit Stäbchen

Dass die letzte Nutzung sich direkt im Gehirn zeigt, ist denn auch eine Differenz zu früheren Studien etwa mit professionellen Geigenspielern. Der andere Unterschied: Für die Hirnaktivität spielt es keine Rolle, wie lange jemand schon ein Smartphone nutzt. Beides hängt damit zusammen, dass die Bedienung eines Smartphones weniger anspruchsvoll ist als etwa das Spielen eines Musikinstruments.

Die Arbeit sei «sehr schön gemacht» und «innovativ», findet Lutz Jäncke. Der Neuropsychologe von der Universität Zürich erforscht seit vielen Jahren die Plastizität des Gehirns. Die Resultate der neuen Studie findet er allerdings nicht sehr überraschend: «Mittlerweile gibt es unzählige Arbeiten, die zeigen, dass Übung die beteiligten Hirngebiete verändert.» Viele dieser Studien würden Ghosh und seine Mitarbeiter dabei nicht erwähnen, bemängelt Jäncke. Beispielsweise fanden Neuroforscher aus Kanada vor über zehn Jahren heraus, dass das Gehirn beim Essen mit Stäbchen unterschiedlich arbeitet, je nachdem wie geübt die Versuchspersonen darin waren. Eine andere Studie konnte zeigen, wie sich das Hirn verändert, wenn jemand lernt, Golf zu spielen.

Trotz der Einwände, bleibt die Frage: Ist es nun gut oder schlecht, dass unser Hirn messbar auf das tägliche Smartphone-Streicheln reagiert? Ghosh, der sich selber als mässig starker Nutzer bezeichnet, findet es zu früh, das zu bewerten. Mit der Studie wollte er ohnehin nicht nach Nutzen oder Risiken suchen. «Das Smartphone gibt uns lediglich die Möglichkeit, bei einer Alltagstätigkeit die Plastizität des Gehirns zu untersuchen», sagt er. Ganz kalt lassen ihn seine Befunde dennoch nicht. Lachend meint er: «Seit ich mit der Studie begonnen habe, denke ich immer wieder, dass ich das Smartphone vielleicht etwas zu viel nutze.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.12.2014, 18:22 Uhr)

Bildgebende Verfahren

Dem Hirn beim Arbeiten zusehen

Neurowissenschaftler untersuchen schon länger, was im Gehirn passiert, während wir gewisse Dinge tun, sehen, riechen oder hören. Möglich machen dies ausgefeilte bildgebende Verfahren, mit denen die ­Forscher durch die Schädeldecke schauen können. Die Methode, die am häufigsten zum Einsatz kommt, ist die funktionelle Magnetresonanztomografie, kurz fMRI. Sie leitet sich ab aus der Magnetresonanztomografie (MRI). Diese erfasst Signale im Körper, die durch ein extrem starkes Magnetfeld in Kombination mit Radiowellen erzeugt werden. Bei der fMRI messen Neuroforscher konkret die Durchblutung des Gehirns und leiten daraus ab, wie aktiv die betreffenden Areale sind. Bei der Zürcher Smartphone-Studie kam ein anderes Verfahren zum Einsatz, die Elektroenzephalografie (EEG). Sie misst die elektrischen Signale der Nervenzellen mithilfe von Elektroden, die auf der Kopfhaut befestigt werden. Die eigentlich alte Methode wurde weiterentwickelt und lässt inzwischen dank Computerberechnungen Aussagen zu, an welcher Stelle im Gehirn eine bestimmte Aktivität stattfindet. ­Hirnforscher verwenden auch die Positronen­emissionstomografie (PET). Diese misst Stoffwechselaktivitäten mittels radioaktiv markierter Substanzen, die Versuchs­personen vor der Messung verabreicht werden. (fes)

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