Wenn unter dem AKW die Erde bebt
Von Felix Maise. Aktualisiert am 23.12.2009 4 Kommentare
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Als am 16. Juli 2007 an der Ostküste Japans die Erde bebte, war auch das weltgrösste, mit modernster Reaktortechnik ausgerüstete Atomkraftwerk der Welt betroffen. Zwar konnte die Anlage notfallmässig so abgestellt werden, dass es zu keiner Katastrophe kam. Doch aus dem Werk lief radioaktiv verseuchtes Wasser ins nahe Meer aus.
Die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) stellte später fest, dass die Sicherheitsvorschriften des AKW nicht von einem solch starken Beben ausgegangen waren. Die Erde hatte mit einer Magnitude von 6,6 bis 6,8 gezittert. Auf Empfehlung der IAEA-Inspektoren aus Wien verlangte die japanische Atom-Aufsicht von der Betreibergesellschaft eine umfassende Neubewertung des Erdbebenrisikos und technische Anpassungen. Bis zum Sommer dieses Jahres blieben die Reaktoren deshalb ausser Betrieb. Inzwischen produzieren zwei der sieben Blöcke unter verschärften Vorschriften wieder Strom.
Bebengefahr doppelt so hoch
Ganz so gross wie in Japan ist die Erdbebengefahr für die fünf Schweizer AKW nicht. Doch der ungebrochene Optimismus früherer Jahre in Sachen Erdbebenrisiko ist verflogen. Auch im seismisch vergleichsweise ruhigen Schweizer Mittelland von Mühleberg über Gösgen und Beznau bis Leibstadt schätzen die Experten das Erdbebenrisiko heute höher ein als noch vor kurzem. Verantwortlich dafür ist primär die 2004 fertiggestellte, aber erst im Sommer 2007 auszugsweise der Öffentlichkeit präsentierte «Probabilistische Erdbebengefährdungsanalyse für die KKW-Standorte in der Schweiz», kurz Pegasos genannt.
Die von international führenden Seismologen und Atomfachleuten erarbeitete, weltweit beachtete Studie kam zum Schluss: Das Risiko eines Kernschmelzunfalls ausgelöst durch ein Erdbeben ist in Schweizer Atomkraftwerken rund doppelt so hoch als bisher angenommen. Für die ältesten Werke von Mühleberg und Beznau wäre die Wahrscheinlichkeit des grössten anzunehmenden Unfalls (GAU) höher als von der IAEA für Neuanlagen empfohlen. Laut dieser Richtlinie darf ein Kernschmelzunfall theoretisch höchstens einmal in hunderttausend Jahren passieren.
Genauere Analyse
Seit der Formulierung der Vorgaben für die Schweizer AKW in den 80er Jahren hatten die Seismologen weltweit eine Vielzahl von Erdbeben genauer analysiert. Ein Resultat des verbesserten Kenntnisstands war, dass für die Sicherheit von Atomanlagen weniger die ganz grossen, sehr seltenen Erdbeben mit einer Magnitude von 7 und mehr ins Gewicht fallen, sondern häufigere, mittelstarke Beben der Stärke 5,5 bis 6,5 in der Nähe von Nuklearstandorten.
Die beunruhigenden Resultate des Pegasos-Berichts weisen aufgrund der schmalen Datenbasis viele Unsicherheiten auf und sind von einer ganzen Reihe zum Teil auch sehr lokaler Faktoren abhängig. Insbesondere die Nähe zu Bruchzonen und Verwerfungen erhöhen das Risiko, dass sich der Boden unter einer Atomanlage bei einem Erdbeben stark bewegen könnte. Ebenso spielt die Bodenbeschaffenheit eine wichtige Rolle.
Verschärfte Vorschriften
Trotz der vielen Unsicherheiten verschärfte die Schweizer Atomaufsicht im Juni 2005 die Risikovorgaben für die probabilistischen Sicherheitsanalysen, denen die Schweizer Werke genügen müssen. Die damalige Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK), das heutige Eidgenössisches Nuklear-Sicherheits-Inspektorat (ENSI), forderte die AKW-Betreiber gleichzeitig auf, die Anlagen im Hinblick auf die gestiegenen Anforderungen zu überprüfen. So untersuchten die Werkbetreiber an allen vier Standorten den lokalen Untergrund genauer.
Die Ergebnisse seien «sehr günstig», sagt Gösgen-Sprecher Bruno Elmiger. Das gleiche gilt für Mühleberg, wo das Reaktorgebäude im Molassefels verankert sei, wie BKW-Mediensprecher Antonio Sommavilla sagt.
Kiesiger Untergrund
Zufrieden ist man auch in Beznau: Alles deute darauf hin, dass die lokalen Effekte günstiger seien als im Pegasos-Bericht angenommen, sagt Axpo-Sprecher Roland Keller. Leibstadt, direkt am Rhein hingegen, hat einen kiesigen Untergrund, der die Bodenbewegung bei einem Beben verstärkt. Dies sei bei der Auslegung des Reaktors aber berücksichtigt worden, betont Mediensprecherin Barbara Suter.
Anpassungen an das grössere seismische Risiko hat man entweder bereits vorgenommen oder eingeleitet. So wurde zum Beispiel in den alten Werken von Mühleberg und Beznau Mauerwerk durch Tragekonstruktionen und Armierungen verstärkt. Und bei allen seit Pegasos erstellten Neubauten wurden die strengeren Anforderungen berücksichtigt. Einzig in Leibstadt, so die Medienstelle, seien technische Anpassungen gar «nicht notwendig» gewesen.
Zentral bei Neubau-Gesuchen
Unter den Gefahren, die ein AKW von aussen bedrohen, ist die Erdbebengefahr die grösste. Das ENSI hatte die bereits 2008 eingereichten drei Rahmenbewilligungsgesuche von Alpic (Gösgen), Axpo (Beznau) und BKW (Mühleberg) für neue Reaktoren denn auch vor allem zur Überarbeitung im Punkt Erdbebensicherheit zurückgewiesen. Ende Oktober haben die Gesuchsteller ihre Unterlagen ergänzt wieder eingereicht. Weder die Atominspektoren des Bundes noch die drei Stromkonzerne wollen darüber derzeit aber etwas sagen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.12.2009, 04:00 Uhr
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4 Kommentare
Die Untergründe und Erbebenrisiken für Atomkraftwerke werden durchwegs als "günstig" bezeichnet... Von wem wohl? Von den Betreibern selber, da frage ich mich bloss, wieso der Bund die finanziellen Risiken tragen muss bei einem Gau... Es ist wie bei den grossen Banken! - denke. Antworten










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