Die Roboterversteherin

Mithilfe der künstlichen Intelligenz können wir zu Superpersonen ­werden. Doch Forscherin Joanna Bryson warnt davor, dass sich die Technologie auch missbrauchen lässt.

Die meisten Maschinen sind nur in einzelnen Aspekten hervorragend, sagt Joanna Bryson. Foto: Urs Jaudas

Die meisten Maschinen sind nur in einzelnen Aspekten hervorragend, sagt Joanna Bryson. Foto: Urs Jaudas

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Der Mensch lässt sich relativ leicht täuschen. Allein schon ein Haufen von Motoren in der Form eines menschlichen Oberkörpers und zwei Kameras als Augen wecken starke Emotionen in ihm. «Er fühlt sich der Maschine gegenüber irgendwie verbunden», sagt Joanna Bryson, die dieses Phänomen bereits am Anfang ihrer Karriere vor rund zwanzig Jahren untersuchte. Und zwar an einem rudimentären humanoiden Roboter, der damals aber noch nicht einmal richtig funktionierte.

Solche künstlichen Wesen sind inzwischen allerdings ziemlich schlau, imitieren uns recht gut und beginnen sogar autonom zu entscheiden. Zudem arbeiten Forscher rund um den Globus daran, dass Roboter wie wir Gefühle empfinden und diese am Ende auch ausdrücken. Bis jetzt können die Androiden lediglich menschliche Emotionen simulieren, die ihnen zuvor einprogrammiert worden sind. Dennoch lernen intelligente Roboter dank raffinierten Algorithmen auch, die Gefühlslage der Menschen mehr und mehr zu analysieren und diese richtig zu interpretieren.

«Ein Roboter ist kein Mensch und wird es auch nie sein», sagt Bryson kurz und knapp beim Treffen an der ETH Zürich. Er könne nie das empfinden, was ein Mensch könne. Würde zum Beispiel nie wissen, was es bedeute, den Tod zu fürchten. Es handle sich schlichtweg um eine Maschine. Dies habe den Vorteil, dass man sie ruhig auch ausschalten könne und es ihr nichts ausmache, wenn man sie jahrelang irgendwo abstelle.

Könnte man einen Roboter jedoch auch für sein Handeln verantwortlich machen? «Nein», sagt die Forscherin, die selbst viele Roboter programmiert hat und die «Sprache» der Algorithmen beherrscht. Man könne eine Maschine nicht dafür haften lassen, wenn etwas schiefgehe, sondern müsse den Hersteller zur Rechenschaft ziehen. Ähnlich wie bei einem Auto müsse man den Besitzer oder den Produzenten anhand eines Kennzeichens stets ausfindig machen können. Ihrer Meinung nach solle man für autonome Roboter deshalb auch keinen speziellen Status in der Gesetzgebung etwa als «elektrische Person» einführen. Denn der Entwickler trage die Verantwortung.

Nutzerprofile ausspionieren

Die gebürtige Amerikanerin ist Psychologin und Expertin für künstliche Intelligenz an der Universität Bath und zurzeit Gastwissenschaftlerin am Center for Information Technology Policy an der Princeton University. Ende vergangener Woche trat sie an der ETH Zürich als Hauptrednerin bei dem grösstenteils studentisch organisierten Workshop «Moralische Maschinen? Ethische Auswirkungen der gegenwärtigen Robotik» auf. Bereits als Schülerin an der Highschool lernte Bryson in den 80er-Jahren programmieren. «Ich war damals die Beste in meiner Klasse», sagt sie und lacht. Danach habe sie Psychologie in Chicago und Edinburgh studiert und ihre Doktorarbeit 2001 über künstliche Intelligenz am Massachusetts Institute of Technology in Boston gemacht.

Beim Gespräch in einem Sitzungszimmer der ETH trägt sie ein dunkles Jackett und wirkt auf den ersten Blick wie eine klassische Businessfrau, doch aufgepasst – auf ihren Schuhsohlen versteckt sie ihren Schalk und Humor. Dort steht: «Ich bin Atheist». «Mit Trump als Präsident muss ich mir jetzt vielleicht ernsthaft Sorgen bei der Einreise in die Staaten machen», sagt sie grinsend. In der künstlichen Intelligenz sieht sie Segen und Fluch zugleich. Zum einen findet sie es genial, dass sie in eine fremde Stadt wie Zürich kommt und sich sofort auskennt. Weiss, wie sie auf dem schnellsten Weg ins Museum kommt. «Wir mutieren dadurch zu einer Art Superperson», schwärmt sie. Niemand hätte dies früher gekonnt. Sie habe gerade auf Deutsch eine politische Broschüre mithilfe ihres Smartphones lesen können. «It’s crazy!»

Doch andererseits macht ihr der nicht zu stoppende Datenhunger der künstlichen Intelligenzen Sorgen. Assistenzsysteme wie Siri, Cortana und Alexa könnten uns und unsere Gefühlswelt schon bald besser kennen als wir selbst. Gleichzeitig ist die künstliche Intelligenz aber auch gut darin, Vorhersagen zu treffen. «Auf diese Art und Weise werden wir dann plötzlich selbst zu vorhersagbaren Maschinen», befürchtet Bryson. Dies habe einen gravierenden Einfluss auf die Gesellschaft. Denn auch Wahlen liessen sich dadurch gezielt manipulieren – eine nicht zu unterschätzende Gefahr.

Müssen wir auch Angst davor haben, dass intelligente Roboter eines Tages das Kommando übernehmen? Bryson kennt diese Frage und beschwichtigt. Viele Menschen denken zwar, dass Roboter ­extrem clever sind. Doch bei den meisten treffe dies nicht zu, sie seien nur in einzelnen Aspekten hervorragend. Auch ein Taschenrechner könne zigmal schneller rechnen als wir, würde aber weiterhin keine Ambitionen zeigen, die Welt zu erobern. Und obwohl ein Computer Zugriff auf alle möglichen ­abgespeicherten Informationen habe, nütze ihm dies ebenfalls nichts für ein Take-over.

Perfektes Kurzzeitgedächtnis

Ist der Mensch also besonders intelligent? «Nicht in jedem Fall», sagt sie. Bei bestimmten Problemlösungen sind etwa Schimpansen viel besser als Menschen. Versuche an der Universität Kyoto zeigten, dass unsere nächsten Verwandten aus dem Tierreich ein viel effizienteres Kurzzeitgedächtnis haben als wir. Den Tieren wurde eine halbe Sekunde auf einem Bildschirm die Zifferfolge von eins bis neun gezeigt. Als danach die Zahlen verschwanden und nur noch neun kleine Quadrate zu sehen waren, tippten sie im Nu die unsichtbaren Ziffern der Reihenfolge nach an. Die Studenten konnten bei dem Experiment nicht mithalten und mussten sich geschlagen geben. Wir haben uns auch längst an den Gedanken gewöhnt, dass beim Schach Menschen keine Konkurrenz mehr für Computer sind.

Wenn wir uns die künstliche Intelligenz zunutze machen, verfügen wir selbst über aussergewöhnliche Fähigkeiten. Weil die so Erfolg versprechende Technologie sich aber auch missbrauchen lässt, sind ethische Richtlinien erforderlich. Setzen etwa Werber die Tools der künstlichen Intelligenz für politische Kampagnen ein, kann dies drastische Konsequenzen haben. Denn Ängste werden geschürt und Wahlergebnisse beeinflusst. «Die Zukunft einer solchen politischen Kommunikation zeichnete sich bereits beim letzten Wahlkampf in den USA und bei der Brexit-Abstimmung ab», sagt Bryson. Die Entwicklung werde parallel zu den Technologien, die derzeit in der Welt der Onlinevermarktung in Gebrauch seien, verlaufen.

Ethische Diskussionen sind somit unerlässlich. Man brauche mehr Transparenz und Aufklärung, sagt Bryson. Denn die gleichen Manipulationen gebe es auch in der Wirtschaft. Dies beeinflusse letztlich unser aller Wohlergehen und habe wiederum Auswirkungen auf die Politik.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2017, 23:27 Uhr

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