Die strahlende Bucht

Der seit Jahrzehnten im Norden Russlands gelagerte Atommüll der Nordmeerflotte wird endlich beseitigt. Was heisst das für die nukleare Bedrohung in der Region?

Ein ausgedientes nuklearbetriebenes russisches U-Boot wird von einem Tanker abtransportiert und danach verschrottet. Foto: Itar-Tass, Keystone

Ein ausgedientes nuklearbetriebenes russisches U-Boot wird von einem Tanker abtransportiert und danach verschrottet. Foto: Itar-Tass, Keystone

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Wenn die Sowjetunion im Kalten Krieg etwas vor den Augen der Welt verstecken wollte, dann tat sie es hier. Jenseits des Polarkreises, in den Falten der Barentssee-Küste, ringsum graue Felsen, schwarzes Wasser unter einem grauen Himmel. Flechten, Moos und gewundene Birkenbüsche überziehen das Land wie ein Tarnnetz. Sogar Tag und Nacht sind nicht zu unterscheiden, auf ein halbes Jahr Finsternis folgt ein halbes Jahr trübes Licht.

Als die Kapelle des Oberkommandos der Nordflotte den «Abschied der Slawin» spielt, setzt leichter Regen ein. Diesmal hat Russland die halbe Welt an diesen abgelegenen Ort eingeladen. Der norwegische Aussenminister, deutsche und britische Experten für Reaktorsicherheit, die Spitze der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) sowie der Chef des staatlichen Atomkonzerns Rosatom stehen am vergangenen Dienstag in Nieselregen und Dieselqualm, um mit Festreden und Marschmusik das Spezialschiff Rossita auf seine erste Reise zu schicken. An Bord sind neun Behälter mit hochradioaktivem Müll.

Radioaktives Wasser versickert

Es ist kein politisches Tauwetter und keine neue Offenheit, die bewirkt ­haben, dass über der Mole neben der russischen Flagge auch die Fahnen von Kanada, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Norwegen, Grossbritannien und der Europäischen Union wehen. Es war eine drohende Katastrophe. Mehr als 35 Jahre lang hat die sowjetische Nordmeerflotte verbrauchte Brennelemente aus ihren Atom-U-Booten in der Andrejewa-Bucht an der Halbinsel Kola gelagert. Von dort sind es nur etwas mehr als hundert Seemeilen bis in die Gewässer, in denen die norwegische Fischereiflotte ihre Netze auswirft.

Ein Zwischenfall wie 1982 darf sich nie wiederholen. Damals bekam eines der Lagerhäuser Risse, Hunderte Tonnen stark radioaktiven Wassers versickerten im Erdreich. Eilig wurden provisorische Becken errichtet und die Brennelemente umgeladen. 1992 wurde die Deponie geschlossen, aber die Provisorien wurden nie ersetzt.

Auf Fotos kann man sehen, wie es hier noch vor einigen Jahren aussah: Drei runde Becken unter freiem Himmel, etwa zwanzig Meter Durchmesser, abgedeckt mit dünnem Blech. Mit den kleinen Leitern an der Seite könnte man sie für Schwimmbecken halten, wie sie hinter Schweizer Reihenhäusern im Garten überwintern. Wären da nicht die rostenden Kräne und die zerfallenden Gebäude, der Stacheldraht und die gelben Schilder: Achtung, Radioaktivität! 22'000 abgebrannte Brennelemente mit hochangereichertem Uran aus mehr als hundert Reaktoren sowjetischer Atom-U-Boote lagern hier in Spezialbehältern, viele sind beschädigt.

Dass jetzt eine Halle um die Deponie gebaut wurde, ein Verladeterminal und das Spezialschiff zum Abtransport der strahlenden Fracht, ist ein Ergebnis der Zusammenarbeit der Anrainerstaaten von Barentssee und Ostsee. Auf Initiative der Northern Dimension Environmental Partnership (NDEP) wurde 2002 gemeinsam mit Russland ein Plan entwickelt, um den Atommüll zu sichern und zu bergen. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung hat einen Fonds mit 165 Millionen Euro aufgelegt, um das Projekt zu finanzieren. Neben den Staaten im Norden haben Grossbritannien und Kanada eingezahlt, Deutschland steuerte zehn Millionen Euro bei. Dazu kommen bilaterale Engagements: Norwegen baute die Strasse zur Deponie, einen neuen Anleger und eine Dekontaminierungsanlage. Grossbritannien finanzierte die Anlage zur Bergung der verbrauchten Brennelemente, Italien baute das Spezialschiff Rossita, die Schweden förderten eine Anlage zur Sicherung von flüssigem und festem Atommüll. Russland ist verantwortlich für den Betrieb der Anlage und die Aufbereitung der Brennstäbe.

Bedrohung nicht verschwunden

Die Bergung des strahlenden Mülls geschieht nun ferngesteuert. Die Schaltzentrale ist durch zwei kleine Fenster mit der Halle verbunden, die um die Becken errichtet wurde. Auf grossen Monitoren verfolgen die Ingenieure, wie ein Spezialkran einen leeren Castorbehälter in eine Öffnung im Boden versenkt. In sieben getrennte Kapseln werden je sieben Brennstäbe gefüllt, dann wird der Behälter versiegelt.

Die 40 Tonnen schweren Castoren ­lagern so lange in einer Nachbarhalle, bis sie auf die Rossita verladen werden können. Das Schiff bringt sie bis ins hundert Seemeilen entfernte Murmansk. Von dort geht es auf Schienen weiter in die Aufbereitungsanlage in Majak nahe der Grossstadt Tscheljabinsk am Südural. Sechs Jahre wird es dauern, so schätzen die Ingenieure, bis das letzte Brennelement verschifft ist. So lange werden alle zwei Monate Castortransporte fast 3000 Kilometer quer durch Russland rollen.

Die nukleare Bedrohung für die Barentssee wird auf diese Weise stark verringert. Verschwunden ist sie damit aber noch nicht. In der Nerpa-Werft auf der Kola-Halbinsel wartet die Lepse seit Jahren auf die Entsorgung. An Bord des ehemaligen Versorgungsschiffs der Eisbrecherflotte lagern noch einmal mehr als 600 Brennelemente. Ein weiteres von der Europäischen Union gefördertes Programm soll im kommenden Jahr die ersten Castoren von dort abtransportieren. 2006 hatte die Bundesregierung auf eine Initiative der G-8-Staaten 600 Millionen Euro freigegeben, mit denen die Nerpa-Werft modernisiert und mehr als hundert ausgemusterte Atom-U-Boote abgewrackt wurden, die im flachen Wasser vor der Küste ­dümpelten. Die Reaktoren wurden herausgetrennt und versiegelt und in einem eigens errichteten Lager am Ufer aufgereiht.

Auch in der Andrejewa-Bucht gibt es noch ein ungelöstes Problem. Hinter den eindrucksvollen neuen Hallen steht ein rot angestrichener Backsteinbau. Es ist das Gebäude Nummer 5, das im Jahr 1982 Risse bekommen hatte. Eine Handvoll Brennstäbe soll dort noch im Schlamm stecken. Das Gelände ist so stark kontaminiert, dass es nur mit Roboterkameras untersucht werden kann. «So verseuchte Plätze findet man sonst nirgendwo auf der Welt», sagt ein Experte der Deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz fast ehrfürchtig.

Nukleare Verschmutzung kennt keine Grenzen.

Doch sei die Situation heute weit weniger furchterregend als noch vor zehn Jahren, betont Vince Novak, oberster Spezialist für nukleare Sicherheit bei der EBRD. Natürlich könne man die Frage stellen, warum Europa so viel Geld für die Entsorgung des strahlenden Erbes der Sowjetunion aufbringe, während Russland gleichzeitig wieder viel Geld in neue Rüstung stecke.

Manche Angehörigen der deutschen Delegation sprechen gar von «Schizophrenie». Aber es gehe nicht um Altruismus, entgegnet Novak: Nukleare Verschmutzung kenne keine Grenzen. Die Bergung des strahlenden Gifts ist eine Investition aller Beteiligten in die eigene Sicherheit – eine ähnliche Sichtweise wie in Sachen Tschernobyl, wo ebenfalls die EBRD engagiert ist.

Wegen Krim keine Programme

Alle Beteiligten am Nordmeer sind erleichtert, dass das Projekt trotz der neuen Spannungen zwischen der Regierung in Moskau und dem Westen zu Ende gebracht wurde. Wegen der Annexion der Krim und dem aus Russland geschürten Krieg gegen die Ukraine legt die Europäische Aufbaubank seit Juli 2014 keine neuen Förderprogramme für Russland mehr auf.

Im Mai wetterte Russlands Wirtschaftsminister Maxim Oreschkin, die EBRD sei nicht länger ein Institut zur Förderung von Entwicklung, sondern ein «aussenpolitisches Instrument». Die Finanzierung der Anlage in der Andrejewa-Bucht hat indes niemand infrage gestellt. Pierre Heilbronn, Vizepräsident der EBRD, sagte am Dienstag in der Andrejewa-Bucht: «Es ist besonders ­erfreulich, zu sehen, dass Staaten ihre Meinungsverschiedenheiten beiseitelassen, um ein so wichtiges Problem wie die Hinterlassenschaften der Atomflotte zu lösen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.07.2017, 16:43 Uhr

Altlasten des Kalten Krieges

Brennstäbe von Atom-U-Booten

35 Jahre
So lange hat die sowjetische Nordmeerflotte verbrauchte Brennelemente aus ihren Atom-U-Booten in der Andrejewa-Bucht der Barentssee gelagert. 1982 ist es zu einem ernsten Zwischenfall gekommen.

3000 km
So gross ist die Distanz bis zur Aufbereitungs­anlage bei Tscheljabinsk am Südural. Während sechs Jahren werden alle zwei Monate Be­hälter mit hochradioaktivem Atommüll quer durch Russland dorthin rollen.

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