Die Wahrheit unter Trümmern

Die Nuklearkatastrophe von Fukushima jährt sich zum sechsten Mal. Noch immer sind 6000 Arbeiter an der Baustelle beschäftigt. Fukushima-Experten setzten sich nun gegen andere AKW in Japan ein.

Mindestens 175 Milliarden kostet der Rückbau des zerstörten Kraftwerks. Fotos: Tomohiro Ohsumi (Reuters)

Mindestens 175 Milliarden kostet der Rückbau des zerstörten Kraftwerks. Fotos: Tomohiro Ohsumi (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

An der Kraftwerksruine in Fukushima arbeiten täglich 6000 Leute; das wird sich bis zum Jahr 2050 kaum ändern. So lange werden Bergung und Rückbau des zerstörten AKW mindestens dauern. Nach neuester Schätzung kosten sie 175 Milliarden Euro, der Betrag steigt stetig. Dennoch meint Tepco-Manager Naohiro Masuda, der die Arbeiten an der Ruine leitet, man habe grosse Fortschritte gemacht. Das zeige sich schon daran, dass die meisten Arbeiter keine Schutzanzüge mehr tragen müssten.

Allerdings weiss Tepco auch sechs Jahre nach der Katastrophe – die sich am Samstag jährt – nicht, wo sich die durchgeschmolzenen Kerne der Reaktoren 1, 2 und 3 befinden und in welchem Zustand sie sind. Das Innere der Sicherheitsbehälter ist übersät mit verstrahlten Trümmern; sie versperren auch Robotern den Weg. Zudem ist die Strahlung selbst für diese Maschinen zu hoch, sie funktionieren nur kurze Zeit. Ein Mensch wäre in wenigen Minuten tot. Gleichwohl behauptet Masuda, die Ruine befinde sich in einem «kalten Shutdown». So nennt die Atomindustrie das kontrollierte Abschalten eines Reaktors.

Verseuchtes Wasser

Auch Satoru Toyomoto vom Ministerium für Handel und Industrie (Meti), das für die Atomwirtschaft zuständig ist, beschönigt den Zustand der Ruine. Es sei gelungen, die Radioaktivität, die an die Umgebung abgestrahlt werde, «substanziell zu reduzieren», sagt er. Das stimmt, aber gestoppt werden konnte vor allem der Austritt verseuchten Wassers in die Umgebung – auch nach sechs Jahren – nicht.

Die meisten Japaner möchten Fuku­shima vergessen, sie wollen auch nichts mehr vom Leid hören. Doch noch immer leben 100'000 Fukushima-Flüchtlinge in provisorischen Unterkünften. Die Regierung lässt deshalb über 100 Dörfer und Städtchen dekontaminieren, um sie für wieder bewohnbar zu erklären. Für die Entseuchung wird die oberste Erdschicht abgetragen. Dabei fallen 300'000 Kubikmeter verstrahlte Erde an; sie wird in riesigen Plastikbeuteln überall zwischengelagert. Die Kosten trägt nicht der Verursacher Tepco, sondern der japanischen Steuerzahler. Vorübergehend reduziert die Dekontaminierung zwar die Strahlung; diese steigt aber wieder, da der Waldboden nicht auch noch abgetragen werden kann.

Grafik zum Vergrössern anklicken.

Die Regierung von Premier Shinzo Abe, die gegen den Willen einer Mehrheit der Japaner an der Kernkraft festhält, hat ein weiteres Motiv, Normalität für Fuku­shima zu behaupten. Sie will Japans AKWs wieder hochfahren, derzeit hängen nur zwei Reaktoren am Netz. Dazu biegt die Regierung – wie auch Tepco – Fakten zurecht. Toyomoto vom Meti behauptet, alle drei offiziellen Untersuchungen seien zum Schluss gekommen, der Tsunami habe den Unfall verursacht, nicht das Erdbeben. In Wirklichkeit liess die Parlamentskommission, die als einzige unabhängig vorgehen konnte, diese Frage aber offen. Sie sei nicht zu beantworten, schrieb sie, solange man keinen Einblick ins Innere der Ruine habe. Die Parlamentskommission wurde, wie die beiden anderen auch, nach Abschluss ihres Berichts aufgelöst. Deshalb gibt es in Japan niemanden mehr, der den Propagandisten von Tepco und der Regierung mit der Autorität eines Amtes widersprechen könnte. Oder fast niemanden. Die Präfektur Niigata, in der das grösste AKW der Welt, Kashiwazaki-Kariwa, steht und das 2007 nur mit Glück einer Nuklearkatastrophe entging, hat eine Expertenkommission gebildet. Ihr Gouverneur Ryuichi Yoneyama wird Ka­shiwazaki-Kariwa trotz Druck aus Tokio keine Betriebsbewilligung erteilen, solange die Ursache der Fukushima-Katastrophe nicht geklärt sei.

Wann fiel der Strom aus?

Ein Mitglied dieser Kommission ist Mitsuhiko Tanaka, der als Ingenieur von Hitachi ab 1968 am Design des Sicherheitsbehälters von Reaktor Nummer 4 in Fukushima arbeitete. 1974 verliess er Hitachi entnervt, weil das Unternehmen Sicherheitsmängel vertuscht hatte. Tanaka sass auch in der Parlamentskommission. «Dass sie aufgelöst wurde, bevor man die Ursache herausfinden konnte, ist schlimm», findet er. «Auch Tepco gibt zu, dass es mehrere Dutzend ungelöste Rätsel gibt.» Es sei nicht unbedingt falsch, zu sagen, der Tsunami habe die Katastrophe verursacht. «Aber es ist nur ein Teil der Wahrheit. Er spielte eine wichtige Rolle. Es könnte aber auch sein, dass sich die Katastrophe ohne den Tsunami ereignet hätte.»

Dazu, ob der Tsunami die Stromversorgung und damit die Kühlung der Reaktoren kappte, wie die Regierung behauptet, oder ob schon das Erdbeben das Kraftwerk zerstörte, wie viele AKW-Kritiker vermuten, erklärt Tanaka: «Nach Angaben von Tepco erreichte die Hauptwelle des Tsunamis die Küste um 15.35 Uhr. Genau zu dieser Zeit fiel der Strom im Reaktorgebäude 1 aus.» Daraus schliesse Tepco, die Flutwelle habe den Strom unterbrochen. «Doch Tepcos Wellensensor befand sich 1,5 Kilometer vor der Küste. Bis zum AKW brauchte die Flutwelle noch eine bis zwei Minuten. Hätte der Tsunami den Blackout verursacht, dann konnte das frühestens um 15.36 Uhr geschehen. Das zwingt uns zu fragen: Was hat den Blackout in Block 1 wirklich herbeigeführt?» Tepco kommentiert das nicht.

Damit schlägt sich Tanaka nicht einfach auf die Seite jener, die glauben, das Erdbeben habe die Katastrophe verursacht. Er sperrt sich gegen die simple Erklärung, der Stromausfall sei die einzige Ursache der Havarie. Also müsse man bloss herausfinden, wieso die Stromversorgung unterbrochen wurde. Er will wissen, wo sich die erste Wasserstoffexplosion ereignete: im 4. Stock des Reaktorgebäudes 1, nicht im 5., wie Tepco glaubt. Es gebe klare Indizien für den 4. Stock, so Tanaka. «Wenn das stimmt, müssen wir abklären, ob korrodierte Kühlrohre im 4. Stock wegen des Erdbebens geborsten sind und dann Wasser austrat.» Das würde eine kleine Explosion im 4. Stock erklären, die eine viel stärkere im 5. Stock provozierte. Sie könnten das Gebäude so zerstören, dass es ebenfalls zur Kernschmelze käme. Sicher verunmöglichten ihre Folgen während einer Woche alle Versuche, die durchgeschmolzenen Reaktorkerne zu kühlen. «Ungewisse Sicherheitsmassnahmen sind nichts wert», konstatiert Masashi Goto, der wie Tanaka ein gelernter Nuklearingenieur ist. Die Regierung sagt, Japan habe nun die schärfsten Vorschriften der Welt. Aber Goto meint: «Die Sicherheitskonzepte von Japans Atomindustrie sind noch immer mangelhaft.» Solange dem so sei, sollte man keine AKW hochfahren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2017, 23:23 Uhr

Strahlen noch Jahrtausende: Tanks mit kontaminiertem Inhalt.

Kernkraft: USA sind Nummer 1

39 Staaten verfügen über Kernkraftwerke. Mit 99 Reaktoren ist die USA an der Spitze, gefolgt von Frankreich (58) und Japan (43). Derzeit sind weltweit 448 Reaktoren in Betrieb, 134 wurden bisher stillgelegt, 59 sind im Bau.

3 Prozent beträgt derzeit in China der Anteil des Atomstroms an der gesamten Stromproduktion. Das könnte sich aber schnell ändern. In keinem Land ist der Aufbau der Atomindustrie so intensiv. Geplant sind 36 weitere Reaktoren, 20 sind im Bau, 36 sind bereits in Betrieb. (TA)

Artikel zum Thema

Schwierige Heimkehr

Fotoblog Nach 6 Jahren: Kehren die Anwohner der Region Fukushima zurück? Zum Blog

Bereit für den Katastrophenfall

Das Erdbebenland Japan hat Notfall-Automatismen, die rasch und erfolgreich funktionieren. Das zeigte das neueste Beben vor Fukushima. Mehr...

Hier wälzt sich ein Tsunami den Fluss hoch – starkes Beben in Japan

Video Mit einer Stärke von 6,9 bebte die Erde im Nordosten Japans. Eine Kühlung im AKW Fukushima fiel vorübergehend aus. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Lichtermeer: Kinder rennen durch eine Licht-Installation im Zoo von Sydney (21. Mai 2017).
(Bild: Wendell Teodoro) Mehr...