Ein Haus aus Liebe und Abfall

Deutschlands erstes Earthship ist ein weitgehend autarkes, teils in Handarbeit und aus Müll gebautes Gebäude. Ähnliche Konzepte gibt es auch in der Schweiz.

Ein Experimentierfeld für ökobewusste Mitwerker: Earthship der Lebensgemeinschaft Tempelhof. Foto: PD

Ein Experimentierfeld für ökobewusste Mitwerker: Earthship der Lebensgemeinschaft Tempelhof. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Diese Baustelle ist anders: Grosse Baumaschinen gibt es nicht, dafür Rockmusik aus grossen Lautsprechern. Die Arbeiter und verblüffend viele Arbeiterinnen tragen lange Mähnen und ausgefranste Klamotten, mancher nicht mal Schuhe. Es wird gesungen, getanzt, geschuftet. Und so baut man Häuser?

Ja. Aber keine konventionellen. Hier entsteht ein Earthship. Dank ihrer Bauweise brauchen diese Häuser keine konventionelle Heizung. Die Sonne allein bringt sie auf Temperatur – selbst im Winter. Dafür sorgt eine dicke Rückwand, welche die Wärme speichert. Damit nicht genug: Regenwasser landet in Zisternen, wird gefiltert und dient erst als Trinkwasser und zum Duschen, anschliessend zum Bewässern der Pflanzen und letztlich für die Toiletten. Eine Klärgrube säubert das Abwasser, Fotovoltaikmodule liefern Strom, Solarmodule Warmwasser. Im Wintergarten wachsen Pflanzen. Die Gebäude können überall und binnen weniger Wochen gebaut werden – aus Materialien, die andere achtlos wegwerfen: Reifen, Flaschen, Dosen.

Earthship. Der Name hat etwas vom Geist der 70er-Jahre. Damals entwickelte der amerikanische Architekt Michael Reynolds das Konzept. Zunächst hielt man ihn für einen Spinner. Heute, 70 Jahre alt, gilt der Amerikaner als Koryphäe und Weltenretter.

An die 1000 Earthships gibt es weltweit. Seit kurzem steht auch in Süddeutschland eines auf dem Gelände der Lebensgemeinschaft Schloss Tempelhof. Für Reynolds ist es logisch, dass sein Konzept immer beliebter wird: «Die Menschen spüren, dass sich die Welt verändert, dass es so nicht weitergeht.»

Auf dem Tempelhof leben etwa 140 Menschen. Die meisten in normalen Häusern, einige in Bau- und Lastwagen. Alle eint der Sinn für die Natur, für ein nachhaltiges und selbstbestimmtes Leben. Das 155-Quadratmeter-Haus soll den 28 Bewohnern als Küche, Bad und Gemeinschaftsraum dienen. «Das ist ein Experiment. Unsere Gemeinschaft war immer schon als Experimentierfeld gedacht», sagt Roman Huber, Mitbegründer des Tempelhofs und Bauherr des rund 300'000 Euro teuren Ökogebäudes. Architekt Ralf Müller, der den Bau betreut, ist nach dem ersten Winter begeistert: «Das Konzept an sich funktioniert. Abschliessende Erfahrungswerte werden wir aber erst in ein, zwei Jahren haben». Es sei schliesslich in unseren Breitengraden das erste offiziell genehmigte Earthship.

Altreifen als Wärmespeicher

Doch nicht nur technisch sprengen Earthships Konventionen. Der Bau an sich ist eine Art Workshop, eine vorübergehende Gemeinschaft. Die Helfer, fast alle Freiwillige, lernen, wie so ein Gebäude entsteht, und tragen die Idee in die Welt hinaus. Die erste Gruppe, die das Konzept übernehmen will, formiere sich bereits, sagt Roman Huber. Einer dieser Freiwilligen, die auf der Baustelle mit anpacken, ist Felix aus Passau. Der 29-Jährige arbeitet eigentlich in der Gas­tronomie. «Ich wollte etwas Sinnvolles tun», sagt er. Auf der Baustelle gibt es kaum Hierarchien, nur ein paar kundige Vorarbeiter, die wissen, was zu tun ist.

Max Thulé ist einer der zukünftigen Erdschiff-Bewohner. Er leitet den Einkauf und die Werkzeugbeschaffung. Thulé hat schon zuvor ökologische Häuser gebaut, aber das Tempo hier ist auch für ihn neu: «Fast alle Entscheidungen fallen im laufenden Betrieb. Ständig gibt es Änderungen. Alles muss sofort sein. Das kannte ich so nicht.» Zentrales Element eines Earthship sind Altreifen. Die gibt es auf der ganzen Welt. Sie werden mit Erde gefüllt und mit kräftigen Hammerschlägen verdichtet. So entstehen «Steine», mit denen Mauern gebaut werden. 900 Stück stapeln die Helfer übereinander und konstruieren so die meterdicke Rückwand, die gleichzeitig den thermischen Speicher darstellt. Earthship-Entwickler Reynolds liess es sich nicht nehmen, persönlich den Hammer zu schwingen.

In der Schweiz gibt es noch kein Earthship, aber Erdhäuser wie diese Siedlung in Dietikon. Foto: Doris Fanconi

In Sachen Ökologie würden die Deutschen ein wenig übertreiben, findet Reynolds. Sein Originalkonzept sieht vor, Boden, Dach und Wände mit günstigen styroporähnlichen Platten zu dämmen. Dieses Isoliermaterial sei aber alles andere als ökologisch, finden die Tempelhofer und setzen lieber auf teuren Glasschotter. Der wird aus recyceltem Glas gewonnen. Reynolds schüttelt da nur den Kopf: «Ich denke logisch, nicht bio oder grün.»

Behörden fast überzeugt

Im September letzten Jahres begannen die Bauarbeiten. Zeitweilig werkelten bis zu 70 Personen gleichzeitig an dem Ökohaus. Vier Wochen später stand der Rohbau. Ende des Jahres war der Innenausbau fertig. «Man merkt, dass Herzblut in dem Gebäude steckt. Aber ein wenig kalt war es schon», sagt Tempelhof-Mitbegründer Roman Huber. Es brauche mindestens einen Sommer, bis der thermische Speicher aufgeladen sei. Reynolds ist sicher, dass sein Konzept aufgeht. In Taos, New Mexico, bewohnt er selbst ein Earthship. Draussen sei es oft minus 20 Grad kalt, sagt er. Drinnen sei es dann angenehm warm.

Für Architekt Ralf Müller war der Bau des Earthship eine ganz besondere Herausforderung. Vor allem auf die umfassenden behördlichen Genehmigungen ist er stolz, schliesslich ist so ein Earthship etwas Neues für die Behörden. Die meisten Earthships sind nicht ans Versorgungsnetz angeschlossen. Sie funktionieren komplett autark. Doch das geht in Deutschland nicht. Regenwasser trinken ist verboten. Abwasser selbst reinigen ebenfalls. Die Ämter reden mit. Die Behörden bestanden zumindest auf Frisch- und Abwasser: «Anschlusszwang», sagt Müller. So wurde das Gebäude ans öffentliche Netz angeschlossen. Die Qualität des potenziellen Trinkwassers aus Regenwasser analysieren die Bewohner dennoch. Und so sei man am Tempelhof zuversichtlich, dass sich auch hier noch einiges zum Guten hin bewegen werde, sagt Roman Huber: «Wir wollen die Behörden mit Mess­ergebnissen überzeugen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2016, 22:11 Uhr

Erdhäuser in der Schweiz

Keine Isolation aus Abfall

Ein ähnliches Konzept wie das der Earthships verfolgt der Schweizer Architekt Peter Vetsch mit seinen Erdhäusern. Auch bei seinen Gebäuden, von denen es weltweit 92 Stück gibt, bildet Erde einen Teil der Isolierschicht und zugleich die Aussenverkleidung. «Erdhäuser sind zwar rund 10 Prozent teurer als konventionelle Häuser, langfristig aber wesentlich günstiger», sagt Vetsch. Markant an den Entwürfen ist, dass sie sich organisch in die Umgebung einbetten. Allerdings setzt Vetsch nicht so stark auf Ökologie. In Form kommen seine Gebäude meist durch Beton, isoliert wird konventionell, nicht mit Abfall. Ganz neu ist die Idee der Erdhäuser aber nicht. Schon die Indianer und andere Urvölker haben nach diesem Prinzip gebaut. Dasselbe gilt übrigens auch für Reynolds’ Earthships – auch er liess sich inspirieren. (hau)

Recycling

Es gibt keinen Abfall, nur Wertstoffe

Der deutsche Chemiker und Verfahrenstechniker Michael Braungart fordert seit langem, bereits beim Design eines Produkts an einen geschlossenen Stoffkreislauf zu denken, bei dem kein Abfall anfällt. So hat er zusammen mit William McDonough das Cradle-to-Cradle-Konzept entwickelt, von der Wiege bis zur Wiege. Teilweise verfolgen auch Earthship-Bauer dieses Konzept: Aludosen beispielsweise, die verwendet werden, können selbst nach 100 Jahren wieder einem Recyc­ling zugeführt werden. Wertstoffe werden zu neuen, besseren Produkten geformt, statt unter Energieeinsatz entsorgt. Mit seiner 1987 in Hamburg gegründeten Firma Epea Internationale Umweltforschung GmbH berät Braungart Unternehmen darin. So sind beispielsweise Containerschiffe der Reederei Maersk nach diesem Prinzip gebaut. (hau)

Artikel zum Thema

Architektur auf die Spitze getrieben

Fotoblog Zarah Hadid hat Reinhold Messners sechstes Museum entworfen. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Strassenkunst: Ein übergrosses Graffiti ziert die Wand eines Hochhauses in Berlin (28. April 2017).
(Bild: Felipe Trueba) Mehr...