Marsmännchen müssen grün sein

Kinder glauben an das Leben auf fremden Planeten. Das zeigen zahlreiche Darstellungen, die bald mit dem Cheops-Weltraumteleskop ins All fliegen.

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Das Cheops-Weltraumteleskop wird Anfang 2018 zusammen mit 3000 Kinderzeichnungen ins All fliegen. Glaubt man den kindlichen Vorstellungen, so gibt es Ausserirdische. Auf vielen der ausgewählten Wettbewerbsbeiträge finden sich Männchen mit Rüsselnasen und Antennenohren. Eine Bedrohung sind die drolligen Figuren kaum. Sie winken den Besuchern von der Erde freundlich zu. Fast ein Drittel der Zeichnungen stammt von Schweizer Kindern. Das ist kein Zufall. Die Weltraummission Cheops ist die erste unter Schweizer Leitung. An der Universität Bern, am Center for Space and Habitability (CSH), wird derzeit das Cheops-Weltraumteleskop auf seinen Abflug vorbereitet. Sein Name steht für «Characterising ExOPlanets Satellite». Damit können die Forscher den Durchmesser von Planeten bestimmen. Aus der Masse lassen sich Rückschlüsse auf das Material ziehen.

Die Kunsthistorikerin Anna Lehninger, Kuratorin des Archivs der Kinder- und Jugendzeichnung der Stiftung Pestalozzianum in Zürich, erforscht das Kulturgut Kinderzeichnungen und hat die Ergebnisse des Zeichenwettbewerbs studiert. Wie es im Weltraum aussieht und wer dort lebt, beschäftigt Kinder. Das zeigt sich schon in früheren Zeichenwettbewerben, in denen sie das Thema frei wählen konnten. Auf einer Tischplatte in einem fensterlosen Kellerraum in der Pädagogischen Hochschule Zürich in der Europaallee breitet sie eine Auswahl aus.

Klare Vorstellungen

Auf den ersten Blick sieht man den Weltraumzeichnungen auf dem Archivtisch nicht an, wann sie entstanden sind. Ob 1925 oder 1977: Auffällig viele Kinder zeichnen Marsmännchen mit grüner Hautfarbe. Laut dem Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn, der am Deutschen Seminar an der Universität Zürich die Imagination des Ausserirdischen erforscht, herrscht seit der Wende zum 20. Jahrhundert die Vorstellung, dass Ausserirdische klein und grün seien. Sie hat sich bis heute in der Populärkultur gehalten. Welche Farbe die Männchen der Cheops-Zeichnungen wohl hätten? Weil sie auf Metallplatten eingraviert werden, sind sie schwarzweiss. Im Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung lagern rund 50'000 Zeichnungen von Kindern und Jugendlichen aus einem Zeitraum über 100 Jahre. Die Zürcher Kinderzeichnungssammlung ist eine der umfangreichsten in Europa. Mit 22'000 Exemplaren den grössten Archivbestand bilden Zeichnungen aus Wettbewerben des Schweizer Pestalozzi-Kalenders zwischen 1912 und 1985. Forscherin Lehninger, die ursprünglich aus Wien stammt und an der Universität Bern mit einer Arbeit über die Stickereien von Psychiatriepatientinnen promovierte, ist seit 2012 mit der Aufarbeitung des Archivs beschäftigt.

Die Kunsthistorikerin vertritt einen kulturwissenschaftlichen Ansatz. Das Spannende am Forschungsgebiet Kinderzeichnungen sei, dass man die Kindersicht der jeweiligen Zeit nachvollziehen könne. In eine Zeichnung, die für einen kommerziellen Wettbewerb entstanden sei, sollte man nicht zu viel «hineingeheimnissen», sagt Lehninger. Sie findet aber auch, Kinderzeichnungen spiegelten gesellschaftliche Veränderungen. Zum Beispiel beim Familienbild: Am Anfang des 20. Jahrhunderts sind die Väter von der Familie separiert dargestellt, zum Beispiel beim Zeitunglesen. In den 1970er-Jahren dann werden Väter auch mal bei Hausarbeiten wie dem Abwasch gezeigt. Als Umschlagbild für ihr Buch «Vor-Bilder. Nach-Bilder. Zeit-Bilder» (2015) über die Pestalozzianum-Sammlung wählte Lehninger die Zeichnung eines Vaters, der seinem Kind die Flasche gibt.

Falsche Deutung

Zurück in den Weltraum. Auf einer Aquarellzeichnung von 1925 zeichnet der 13-jährige Rudolf eine Gruppe Marsmenschen mit Lendenschurz, die sich mit Kopfhörern um eine Art Radio gruppiert. In seiner Erklärung auf der Rückseite schreibt er: «Nach meiner Ansicht sind die Marsbewohner den Erdbewohnern im Technischen ebenbürtig, wenn nicht noch überlegen.» Dass auf dem Mars eine uns technologisch überlegene Kultur lebt, war Anfang des 20. Jahrhunderts eine gängige Vorstellung. 1877 entdeckte der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli mit dem Teleskop die sogenannten Marskanäle, ein Gitternetz, das als Beleg für irdische Aktivitäten gedeutet wurde. Später entpuppten sich die vermeintlichen Kanäle als optische Täuschung und die Erkenntnis, dass der Mars ein trockener Wüstenplanet ist, setzte sich durch.

Die Weltraumzeichnungen, die im Pestalozzianum-Archiv lagern, beschäftigen sich jedoch nicht nur mit dem Mars. Neben der Farbstiftzeichnung, «Ein fliegender Teller greift New York an» (1953) liegt ein Filzstiftbild von 1976 auf dem Tisch, das stark an das offizielle Pressebild der amerikanischen Mondlandung 1969 erinnert. Das Bild von Neil Armstrong beeinflusst die Schülerzeichnungen noch heute. Ein Bild, das mit Cheops ins All reist, zeigt einen Astronauten, der auf einem fremden Planeten cool eine Flagge hisst. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.07.2016, 14:35 Uhr

Einzigartiges Archiv

Kinder sehen die Welt mit anderen Augen. Ihre naive Betrachtung führt zu Fragen, die Erwachsene heraus- und vielfach überfordern. Die gesammelten Kinder und Jugendzeichnungen der Stiftung Pestalozzianum in Zürich legen die kindliche Sicht seit Anfang des 20. Jahrhunderts offen. Aber nicht nur dies: Sie zeigen auch die Entwicklung der Zeichendidaktik im 20. Jahrhundert.
Das Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung wurde 1932 als Internationales Institut für das Studium der Jugendzeichnung gegründet. Unter anderem mit dem Ziel, «Eltern, Erzieher und eine breite Öffentlichkeit anzuregen, die in jedem Kinde eingeborenen bildschöpferischen Kräfte zu wecken und zu entfalten». So steht es in einer Mitteilung des Pestalozzianums aus dem Jahre 1932.
Seit den 1990er-Jahren trägt das Archiv den heutigen Namen. Es gehört zu den umfangreichsten Sammlungen in Europa. Seit 2010 werden die rund 50 000 Zeichnungen von Kindern und Jugendlichen digital erfasst und inhaltlich aufgearbeitet. Etwa 12 000 Schülerzeichnungen stammen aus der Schweiz und 25 anderen Ländern. Gegen 22?000 Arbeiten sind Freizeitzeichnungen, die im Rahmen des Pestalozzi-Kalender-Wettbewerbs von 1912 bis 1984 jeweils von Schülern eingesandt wurden. (lae)

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