«Dann wäre das Ausscheiden noch viel bitterer»
Von Thomas Schifferle, David Wiederkehr. Aktualisiert am 28.06.2010 3 Kommentare
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Es war ein ruhiger letzter Tag der Schweizer in Vanderbijlpark, bevor sie heute heimfliegen. Ein paar Spieler besuchten einen Löwenpark, andere schliefen ausgiebig oder waren beim Einkaufen. Abends lud das Hotel, in dem sie zweieinhalb Wochen gewohnt hatten, zum Abschiedsessen.
Öffentlich redete keiner mehr. Das war am Samstag nach der Rückkehr aus Bloemfontein erledigt worden. Diego Benaglio setzte sich in einen dicken Polstersessel mit kaputten Füssen. Er war der Beste der Schweiz gewesen, vielleicht gar der beste Goalie der Vorrunde. Davon wollte er nicht reden, zu seiner Art passt eben, dass er sich lieber mit der Mannschaft befasst.
Am Ende des Gesprächs blieb eine Frage: Wer wird Weltmeister? «Da wir nicht auf Brasilien treffen: Brasilien», sagte er und rang sich ein Lächeln ab, das viel von der Enttäuschung darüber ausdrückte, den Achtelfinal gegen den Rekordweltmeister verpasst zu haben. Er reihte auch Spanien, Argentinien und Deutschland unter die Favoriten. Das war seine Prognose noch am Samstagabend.
Diego Benaglio, welche Gedanken gehen Ihnen nach dem Ausscheiden durch den Kopf ?
Eigentlich nicht viele. Es ist eine Leere da, eine grosse Enttäuschung. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen. So richtig realisiert, dass die WM jetzt vorbei ist, hat man vielleicht noch gar nicht.
Haben Sie eine derartige Enttäuschung schon einmal verspürt?
Natürlich, an der EM vor zwei Jahren zum Beispiel. Dass ein Turnier mit einem Schlag fertig ist, das ist nicht einfach zu akzeptieren.
Was ist der Unterschied von damals zu heute?
Wie meinen Sie das?
Vom Emotionalen her.
An der EM waren wir schon nach zwei Spielen ausgeschieden. Eigentlich waren wir noch mitten im Turnier und trotzdem schon weg. Jetzt hatten wir einen Final und waren nahe dran weiterzukommen. Es ist immer so, wenn man einen Final verliert oder eine gefühlte Niederlage erleidet: Die Enttäuschung ist enorm.
Muss man als Spieler in solchen Momenten aufpassen, sich nicht gegenseitig Vorwürfe zu machen? Dass es nicht heisst: Warum hast du das Tor nicht gemacht?
Nein, bei mir besteht die Gefahr nicht…
…Sie sind ja sehr kontrolliert …
… ich versuche, immer gleich zu sein, im Erfolg wie im Misserfolg. Ich bin der festen Überzeugung, wir können nur als Mannschaft Erfolg haben. Und wenn wir verlieren, tun wir das auch als Mannschaft. Natürlich trifft einer einmal das Tor nicht oder greift der Goalie daneben. Dann fokussiert sich alles auf einen Spieler. Aber das ist mehr ein Thema für die Öffentlichkeit. In den drei Spielen tat jeder von uns alles, um unser Ziel zu erreichen.
Wenn eine Schweizer Mannschaft eine nächste Runde erreichen will, muss alles zusammenpassen. Was passte diesmal nicht?
Viel fehlte nicht. Das Spiel gegen Chile war ein Knackpunkt. Hätten wir da nicht verloren, hätte der Punkt gegen Honduras zum Weiterkommen schon gereicht. Es ist für uns sehr bitter, dass wir mit nur einem Gegentor ausgeschieden sind. Aber gross zu analysieren, warum das so ist, fällt schwer. Dafür braucht es auch ein wenig Zeit.
Eren Derdiyok hatte gegen Chile die grosse Chance zum Ausgleich. Kommt bei Ihnen diese Szene immer wieder hoch?
Ich habe das eigentlich schon ganz gut verdrängt (lacht). Ich würde nie jemandem einen Vorwurf machen …
…das ist auch nicht so gemeint…
… ich weiss, was Sie meinen. Ich versuche, mich mit so etwas gar nicht lange aufzuhalten oder zu beschäftigen. Eren tat sicher alles, um dieses Tor zu erzielen. Es gelang ihm nicht, in Gottes Namen. Womit ich länger Mühe habe, es zu akzeptieren, ist die ungerechtfertigte Rote Karte in diesem Spiel (für Valon Behrami). Ich bin der Überzeugung: Wenn wir den Match zu elft beenden, verlieren wir nicht.
Trotzdem, Honduras muss man besiegen.
Das ist richtig. Aber stellen Sie sich vor, wir hätten 1:0 gewonnen. Dann wäre das Ausscheiden noch viel bitterer … Das ist eine ironische Aussage. Sie müssen mich richtig verstehen: Ich schiebe nicht alles auf die Rote Karte. Wir begingen natürlich Fehler, die wir analysieren müssen. Dass wir nicht alles richtig machten, ist jedem klar. Sonst wären wir mit neun Punkten weitergekommen.
Es gibt Fakten, die gegen die Schweiz sprechen. Zum Beispiel: nur drei Treffer in den letzten acht Spielen. Irgendwo liegt ein Übel begraben, dass keiner mehr das Tor trifft.
Es ist verhext. Aber wir haben sehr grosses Potenzial im Sturm. Alex (Frei): mit 40 Toren der beste Torschütze in der Schweizer Geschichte. Eren (Derdiyok) spielte eine sehr gute Bundesliga-Saison. Blaise (Nkufo) machte eine sehr gute WM-Qualifikation. Dass sie Tore schiessen können, ist klar. Dass es zuletzt nicht mehr klappte, lässt sich nicht nur an ihnen festmachen. Wir taten uns als ganze Mannschaft ab und zu schwer.
Was heisst das? War sie von Ottmar Hitzfeld zu wenig offensiv ausgerichtet?
Nein, das nicht. Gegen Spanien und am Anfang gegen Chile blieb uns gar keine andere Wahl, als defensiv zu spielen. Natürlich hätten wir in unseren Offensivbemühungen als ganze Mannschaft bessere Lösungen treffen müssen, um die Stürmer besser in Szene setzen zu können. Wie wir es machen sollten, wissen wir. Es gibt eben Phasen, in denen etwas nicht so funktioniert, wie man sich das vorstellt. Oder der Gegner macht es einem schwer. Aber Fakt ist, dass wir die Lösungen in der Offensive nicht fanden.
Wenn Sie aus 90 Meter Distanz sehen, dass der Ball nicht reingeht, verzweifeln Sie dann nicht manchmal?
Ob ich nun 90 Meter entfernt bin oder 2, mir ergeht es wie allen anderen auch auf dem Platz. Wenn man wie jetzt gegen Honduras weiss, dass man ein Tor braucht, und es fällt einfach nicht, leidet man mit, ganz klar.
Was bleibt für Sie von dieser WM zurück?
(Überlegt.) Sicher das Erlebnis, einen der Turnierfavoriten geschlagen zu haben. Auf der anderen Seite aber auch, dass wir unser Ziel verfehlt haben. Im Moment überwiegt natürlich dieses Gefühl, diese Enttäuschung.
Marco Streller sagte bereits im Trainingslager in Crans-Montana, die Schweiz habe mit Ihnen den besten Goalie der WM…
…(Lächelt.) Marco ist ein ganz netter Typ…
… damals konnte man über seine Aussage staunen. Jetzt lässt sich sagen: Er hatte recht.
Keine Ahnung. Sie kennen mich auch schon ein paar Tage. Ich tue mich extrem schwer mit solchen Sachen. Meine Leistung beurteile ich nur für mich selbst. Darüber reden tue ich nicht so gerne.
Ottmar Hitzfeld sagte nach dem Spanien-Spiel, im 1 gegen 1, im direkten Duell mit einem Stürmer, seien Sie Weltklasse. Sie würden seine Einschätzung doch teilen?
(Schmunzelt.) Es freut mich sehr, wenn ein Trainer sich so äussert.
Ist Ihnen zu viel Lob unangenehm?
Ich bin einfach nicht der Typ, der gerne im Mittelpunkt steht. Ich brauche es nicht, dass etwas auf mich projiziert wird. Ich bin ein Teil der Mannschaft und versuche nichts anderes, als meine Arbeit zu machen, so wie jeder andere auf dem Platz auch. Wenn ich einen kleinen Teil dazu beitragen kann, dass wir erfolgreicher sind, umso schöner …
Dass Sie zufrieden sind mit Ihren Leistungen an dieser WM, das können Sie aber schon sagen.
Im Grossen und Ganzen war es ganz okay. Natürlich ist es nicht schlecht, dass wir nur ein Tor erhielten. Aber kaufen können wir uns nichts dafür.
Sie haben einmal gesagt, Sie könnten in jedem Spiel etwas besser machen. Was soll das gegen Spanien gewesen sein?
Ich hatte irgendwann in der zweiten Halbzeit einen Abschlag, der ziemlich weit rechts rausgeflogen ist. Das wäre schon ein Punkt, den ich verbessern könnte.
Im «Guardian» stand, in diesem Match hätte man ein Glücksschwein auf Sie werfen können, und Sie hätten jede einzelne Münze gehalten.
Ich muss ehrlich sagen, das empfand ich gar nicht so. Wir erwischten alle einen guten Tag. Aber auch da, ich freute mich, dass wir als Mannschaft erfolgreich waren.
Welche Gedanken haben Sie, wenn Sie zum Beispiel einen solchen Ball halten wie gegen Honduras, als Alvarez ganz allein vor Ihnen stand?
Ich war froh, dass es kein Tor gab. Bei 1-gegen-1-Situationen ist es nicht so, dass der Goalie den Ball unbedingt halten muss. Gelingt es einem, verspürt man Adrenalin wie ein Stürmer, der gerade ein Tor schoss. Was in einem solchen Moment aber das Allerwichtigste ist: dass die Gedanken gleich wieder nach vorne gerichtet sind. Es bringt nichts, wenn der anschliessende Eckball zu einem Tor führt.
Wenn man so gut spielt wie Sie – wie viele Anfragen von anderen Klubs erhält man dann?
Keine Ahnung. Mit solchen Dingen beschäftige ich mich nicht. Ich war nur auf diese WM konzentriert und versuchte, so gut wie möglich zu spielen. Der andere Fakt ist, dass ich in Wolfsburg einen Vertrag habe, der noch läuft.
Bis …
… 2013. Und ich gehe fest davon aus, ihn zu erfüllen.
Wenn Sie wieder daheim sind, verfolgen Sie die WM weiter? Oder sagen Sie sich, damit möchte ich nichts mehr zu tun haben?
2008, nach dem Ausscheiden an der EM, fiel es mir richtig schwer, Distanz zu finden und Spiele anzuschauen. Lassen Sie mich nicht lügen, aber ich sah vielleicht noch einen Halbfinal und den Final. Wie das jetzt sein wird, weiss ich nicht.
Brasilien gegen Chile am Montagabend brauchen Sie sich ja nicht anzuschauen.
Das schaue ich auf keinen Fall.
Sie sitzen um diese Zeit noch im Flugzeug zurück nach Zürich.
Genau. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.06.2010, 08:12 Uhr
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3 Kommentare
Benaglio: der mit abstand beste mann des schweizer teams. die leistung auf und neben dem platz stimmt. professionell von kopf bis fuss, auch im umgang mit den medien; das kann man leider nicht von allen sagen. besonders der captain ist hier kein vorbild. ev. drängt sich da bald mal ein wechsel auf.....? Antworten





