WM 2010

Immer bereit für den Ernstfall

Von Fabian Ruch, Vanderbijlpark. Aktualisiert am 24.06.2010

Er ist die Nummer 2 bei den WM-Torhütern, muss sich aber stets wie der Stammtorhüter vorbereiten. YB-Goalie Marco Wölfli befindet sich im langen Trainingslager – und spielt nur, wenn Diego Benaglio ausfallen sollte.

Das lange Warten auf einen Einsatz: Torhüter Marco Wölfli im Schweizer Training in Südafrika. (Bild: Keystone )

Marco Wölfli blinzelt in die Sonne und ruft schmunzelnd: «Schön ist es hier, für euch Journalisten muss das wie Ferien sein!» Der Torhüter sitzt vor dem Schweizer Teamhotel in Vanderbijlpark, er ist gut gelaunt und wirkt locker, man spürt keine Spur von Lagerkoller. «Wir sind jetzt einige Wochen auf engstem Raum zusammen», sagt Wölfli, «aber es gibt immer genug Ablenkung.» Von Südafrika hat er noch nicht viel gesehen: Hotels, Trainingsplatz, Bus, Flugzeug, Stadien. «Wir haben viele Termine», erklärt der 27-Jährige, «alles ist sehr professionell. Und das muss auch so sein, wir sind hier an einer WM.»

Skypen, Darts, Jassen

Die Rolle des Ersatztorhüters ist vielleicht die undankbarste an so einem Turnier, und für die Nummer 2 ist es noch ein bisschen schwieriger als für die Nummer 3. Marco Wölfli kommt zum Einsatz, wenn sich Diego Benaglio verletzen oder wenn der Stammkeeper einen Platzverweis erhalten sollte. Wölfli muss jederzeit konzentriert sein und bereit für einen Einsatz. «Das ist reine Kopfsache», sagt Wölfli. «Ich bereite mich immer so vor, als würde ich spielen.» Im abschliessenden WM-Testspiel gegen Italien sei er ja auch zur Pause eingewechselt worden. «Und im letzten WM-Qualifikationsspiel gegen Israel spielte ich, weil Benaglio krank war.» Wölfli akzeptiert sein Reservistendasein klaglos, das Verhältnis zum an der WM bisher überragenden Benaglio ist einwandfrei. «Wir verstehen uns gut und kennen uns schon lange», sagt Wölfli. In der U-21-Auswahl seien die Positionen noch anders verteilt gewesen, und Benaglio habe sich stets loyal verhalten.

Mit den Schweizer Auftritten in Südafrika ist Wölfli zufrieden. «Spanien und Chile sind Topteams», sagt er. «So gesehen ist die Ausgangslage fantastisch. Mit einem Sieg gegen Honduras erreichen wir den Achtelfinal. Und das schaffen wir.»

Mit Freunden, der Familie und vor allem der Freundin, die alle in der Schweiz geblieben sind, hat der YB-Goalie täglich Kontakt über Skype. Und ein guter Freund Wölflis, Hakan Yakin, ist ja in Südafrika dabei. Das Freizeitprogramm der Nationalspieler übrigens hört sich an wie jenes einer 3.-Liga-Mannschaft im Trainingslager – einfach mit erheblich asketischeren Regeln. Alkohol beispielsweise gibt es nur sehr sporadisch. «Einige jassen am Abend, andere pokern», sagt Wölfli, «und jeder hat einen Stapel DVDs mitgenommen.» Er sei kein besonders guter Kartenspieler, und so übt Wölfli den Nationalsport Jassen manchmal auf dem Laptop. «Aber im Darts bin ich fast nicht zu schlagen», sagt er lachend, «Tranquillo Barnetta und Pirmin Schwegler zumindest sind leichte Gegner.»

Mit YB zweimal gesperrt

Das Casino aber, gleich neben dem Hotel gelegen, ist Tabuzone. Die Angst des Chefs vor Bildern mit zockenden Nationalspielern am Roulettetisch ist verständlicherweise zu gross. «Vergnügen können wir uns dann nach der WM», sagt Wölfli. Je länger der Schweizer Aufenthalt in Südafrika dauert, umso kürzer aber werden seine Ferien sein. Er werde bloss einige Tage die Grossmutter auf Sizilien besuchen, sagt Wölfli, der erste Einsatz mit YB stehe ja bald an.

Marco Wölfli geht davon aus, auch nächste Saison bei den Young Boys zu spielen. «Ich bin keiner, der sich überall anbieten lässt. Mir gefällt es bei YB.» Und er habe nie verheimlicht, dass er nur ins Ausland gehe, wenn der neue Verein eine Entwicklung in seiner Karriere darstelle. Mit den YB-Verantwortlichen und einigen Spielern stehe er in Kontakt, und so wisse er, dass YB ein gutes, strenges Trainingslager in Rimini absolviert habe. Der Berner Captain wird übrigens im Juli noch zweimal mehr zum Zuschauen verurteilt sein. Im Startspiel in Thun ist Wölfli, der in der Finalissima gegen Basel die vierte gelbe Karte der Saison erhalten hatte, ebenso gesperrt wie im ersten Auftritt in der Champions-League-Qualifikation – nach der 1:2-Niederlage gegen Bilbao im letzten August hatte er seine Meinung dem Referee zu unmissverständlich dargelegt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.06.2010, 21:29 Uhr

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