Das Trauma von Weggis
Von Stefan Eiselin, Florian A. Lehmann. Aktualisiert am 03.06.2010
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Es war mehr als nur ein Volksfest für die 4000-Seelen-Gemeinde, als die Brasilianer vom 22. Mai bis 3. Juni 2006 am Ufer des Vierwaldstättersees ihre Zelte aufschlugen. In Weggis ging es in dieser Zeit hoch zu und her, der Ausdruck «Karneval» war durchaus angebracht. Bis zu 5000 Fans, angereist aus dem In- und nahen Ausland, bezahlten im eigens gebauten Stadion Eintritt, um die Seleção am Werk zu sehen. Und die Fans von Ronaldinho & Co. machten die Auftritte zu einer ganz speziellen Show, die Fussballer wurden wie Popstars vergöttert und bejubelt. Eine Anhängerin getraute sich ganz nah zu den Stars, die Bilder, wie sie auf den Platz rennt, sich auf Ronaldinho stürzt und ihn umarmt, gingen um die Welt. Der Star nahm die (angenehme) Störung des Trainings gelassen hin und schmunzelte. Überhaupt bestritt der WM-Favorit das Camp in Weggis unter dem Motto von Schnulzensänger Roberto Blanco «Ein bisschen Spass muss sein». Die Folgen sind bekannt: Die WM-Kampagne 2006 in Deutschland ging für die Brasilianer gründlich in die Hose.
In Brasilien blickt man heuer kritisch auf die Vorgänge vor vier Jahren im noblen Dorf des Kantons Luzern. Die Sportagentur «Gazeta Press» spricht unverblümt vom «Trauma von Weggis». Der kleine Schweizer Ort sei ein «Synonym für Party, Desorganisation und Überexposition der Spieler», kommentiert die grosse Tageszeitung «O Globo» in ihrer Onlineausgabe. Am Vierwaldstättersee habe mitten im Sommer ein «Karnevals-Klima» geherrscht. Und Rodrigo Paiva, Mediensprecher des nationalen Fussballverbands CBF, spricht in Zusammenhang mit der Luzerner Gemeinde von «Big Brother Seleção». Das Nationalteam sei die ganze Zeit von Kamerateams und Fans beobachtet worden. Das habe die Konzentration der Spieler behindert.
Die Schmach von 2006
Die WM 2006 war für die Brasilianer traumatisch. Mit viel Selbstbewusstsein gestartet, absolvierten sie die Vorrunde zwar souverän: 9 Punkte und ein Torverhältnis von 7:1. Doch mit Australien, Kroatien und Japan waren die Gegner schwach. Im Viertelfinal war schon Endstation für den Turnierfavoriten, Frankreich rang die Ballkünstler aus Südamerika mit 1:0 nieder. Eine für die erfolgsverwöhnte Fussballnation viel zu frühes Ausscheiden.
Dunga will die Fehler von 2006 auf keinen Fall wiederholen. «Es ist klar, dass wir nicht zulassen, was ich selbst in Weggis gesehen oder über Weggis gehört habe», erklärte der brasilianische Nationaltrainer an einer Medienkonferenz. Er suche ein Gleichgewicht zwischen totaler Abschottung und exzessiver Zurschaustellung der Spieler. Die Gesundheitstests und das Konditionstraining hat die Seleção in der Stadt Curitíba absolviert. Seit letzter Woche trainiert sie bereits in Südafrika.
«Absurder Exzess»
Die Geheimniskrämerei ist derart gross, dass der Mannschaftsbus getönte Scheiben hat. Und nicht nur das Trainingsgelände der Brasilianer ist völlig abgeschottet. Der nationale Verband stellt auch sicher, dass die Spieler zwischen Camp und Hotel keinerlei Kontakt zu den Fans oder Medien haben. Das wiederum geht einigen zu weit. Der ESPN-Sportjournalist Fernando Gavini schreibt in seinem Blog: «Was 2006 in Weggis passiert ist, war ein absurder Exzess. Aber was nun passiert, ist ein ebensolcher.»
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.06.2010, 09:35 Uhr








