WM 2010

Die Blatter-Festspiele

Von Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 12.07.2010

Die WM in Südafrika ist nach dem Geschmack des Fifa-Präsidenten Sepp Blatter verlaufen. Er konnte sich als Gutmensch inszenieren und wurde auch gebührend gefeiert. Dem Fussball bringt das wenig.

1/10 Fifa-Präsident Sepp Blatter und Südafrikas Präsident Jacob Zuma traten in den letzten vier Wochen immer wieder in den WM-Stadien gemeinsam auf.
Bild: Keystone/Keystone

Sepp Blatters WM

   

Nach vier Wochen Fussball in Südafrika zeigt sich Sepp Blatter sehr zufrieden. «Das war eine sehr attraktive Weltmeisterschaft und für mich eine sehr emotionale», liess der 74-jährige Fifa-Präsident die Journalisten wissen. «Wenn man die Begeisterung in Südafrika und das weltweite Interesse berücksichtigt, war es eine spezielle WM.» Die Aufregung um falsche Schiedsrichterentscheide ist vergessen, die Diskussion um den fussballerischen Gehalt der 64 Spiele nicht so wichtig. «Und wir haben die Tröten überlebt», wie Blatter schelmisch anmerkte. Darum: Ende gut, alles gut!

Der mächtigste Fussballfunktionär hat allen Grund zur Zufriedenheit. Mit seinem Engagement, die WM erstmals nach Afrika zu bringen, war Blatter ein Wagnis eingegangen. Das befürchtete Chaos blieb aus, am Schluss steht er als Sieger da. Vor allem in Südafrika, wo Blatter ungeahnte Zuneigung und Wertschätzung erfährt. Unzählige Medienfotos zeigen, wie sich Blatter und Südafrikas Präsident Jacob Zuma herzen, wie Menschen in den vergessenen Quartieren der Grossstädte den Fifa-Präsidenten feiern und Transparente mit Dankesworten in die Höhe halten.

Blatter als Präsident Südafrikas gefordert

In Kommentaren wird er sogar «König von Südafrika» genannt. Die beste Lösung der Probleme Südafrikas sei, Blatter zum Präsidenten zu machen, schrieb der angesehene Kolumnist John Scott in der Zeitung «Cape Times». Blatter habe in Südafrika Recht und Ordnung in den Innenstädten wiederhergestellt, die Polizei sei effizienter denn je, Strassenzustand und öffentlicher Nahverkehr seien so gut wie nie. Blatter sei gelungen, was keine ANC-Regierung in den letzten 16 Jahren geschafft habe.

Solches Lob dürfte Blatter sehr gefallen, zumal er sich gerne als Wohltäter inszeniert. In den Verlautbarungen des Fifa-Präsidenten geht es nicht nur um Fussball. Er spricht auch über Bildung, Gesundheit und Frieden. Das hat er auch in Südafrika getan. Mit viel Geld unterstützt die Fifa Entwicklungsprojekte, nicht zuletzt in Afrika. Der umtriebige Walliser verkauft den globalisierten Fussball als wichtigen Beitrag zu einer besseren Welt. Folgerichtig heisst der Fifa-Slogan: «Für das Spiel. Für die Welt». Böse Zungen behaupten, dass sich Blatter mit dem millionenschweren sozialen Engagement die Zustimmung vor allem der afrikanischen Fussballverbände erkauft, die er für die Sicherung seiner Macht braucht. Diese Einschätzung hält sich hartnäckig – spätestens seit Südafrika im Jahr 2004 die Fussball-WM zugesprochen bekam. In dieses Kapital fällt auch die Ausbootung des Schweizer Schiedsrichters Massimo Busacca, der mit einem korrekten Entscheid den Gastgeber Südafrika erzürnte.

Blatters Handabdrücke auf «Mandela-Tuch»

Zu solch unangenehmen Themen schweigt der ansonsten redselige Blatter. Viel lieber gibt er den Gutmenschen, der die Mächtigen dieser Welt kennt. Vielleicht möchte sich Blatter für den Friedensnobelpreis empfehlen. Er kann sich jedenfalls auf die PR-Maschinerie der Fifa verlassen. Diese verbreitetet auch während der WM allerlei positive Nachrichten auf ihrer vielsprachigen Website. Da hiess es zum Beispiel: «Blatter für Entwicklungsarbeit ausgezeichnet», «Blatter spricht mit Clinton über Bildung und Gesundheit», «Blatter bei Soweto-Besuch tief bewegt» oder auch «Blatter verewigt Handabdrücke auf ‹Mandela-Tuch›».

Klar ist, dass der 74-Jährige nicht an den Ruhestand denkt. Blatter, der seit zwölf Jahren an der Spitze des Weltfussballverbands steht, hat am letzten Fifa-Kongress von Mitte Juni klar gemacht, dass er im nächsten Jahr für eine weitere Amtszeit kandidieren will, «denn ich bin für Transparenz». Den Fifa-Delegierten rief er zu, dass seine Mission noch nicht beendet sei. «Ich möchte, dass die Gesellschaft die soziale Rolle des Fussballs anerkennt, vor allem bei der Erziehung und Bildung der Kinder. (...) Ich möchte ganz einfach, dass wir als Fifa unseren Beitrag zur Gestaltung einer besseren Welt leisten.»

Notwendige Debatte um Videobeweis vertagt

So ausgeprägt sein Wille zur Macht ist, so gering ist das Interesse Blatters, sich mit dem zentralen Thema dieser WM auseinanderzusetzen. Nach den krassen Schiedsrichterfehlern zu Lasten von England und Mexiko schwieg der Fifa-Präsident zunächst, dann entschuldigte er sich bei den betroffenen Mannschaften, um schliesslich die Einführung des Videobeweises zu prüfen. Inzwischen hat die Fifa ein neues Referee-System angekündigt, der Videobeweis soll im kommenden Herbst von den zuständigen Gremien diskutiert werden Bis dann dürften die letzten Emotionen verebbt sein, so dass der weltweit geforderte Videobeweis bei strittigen Situationen nicht kommt.

Das alles erinnert an die WM 2002, als skandalöse Schiedsrichterentscheide für Diskussionen sorgte. Aus der Ankündigung Blatters, künftig nur die weltbesten Schiedsrichter zuzulassen, wurde nichts – wie die WM 2010 wieder gezeigt hat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.07.2010, 15:35 Uhr