«Die Chance, dass ich Delling das Du anbiete, ist gleich null»
Von Thomas Niggl. Aktualisiert am 09.07.2010
Für Fussball-Deutschland ist es ein doppelt trauriger Abschied. Der Weltmeister von 1974 muss ein Spiel analysieren, bei dem es um nichts mehr geht. Deutschland und Uruguay spielen nur noch um den bedeutungslosen dritten WM-Rang. Das Interesse gilt deshalb vor allem dem Kult-Kommentatoren-Gespann Netzer/Delling. Das Millionen-Blatt «Bild» würdigt das Duo bereits als TV-Weltmeister. Platz 2 belegt Marcel Reif. Aufs Podest schafft es noch das Gespann mit Mehmet Scholl und Reinhold Beckmann. Netzer/Delling verweisen auch Franz Beckenbauer, Sebastian Hellmann, Béla Réthy, Tom Bartels, Jürgen Klopp, Günther Jauch, Oliver Kahn, Katrin Müller-Hohenstein, Sven Kaulbars, den Schweizer ZDF-Experten Urs Meier und Matze Knop auf die weiteren Plätze. Die Weltmeisterschaft ist ein gigantischer Quotenrenner. Im Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien schalteten sich bei der ARD 31,10 Millionen Menschen zu, was einem Marktanteil von 83,2 Prozent entspricht.
Die «Bild» sagt zu Netzer/Delling: «Die beiden sind einfach Kult. Delling legt perfekt vor, Netzer verwandelt präzise. Netzer hört leider auf. Schön, dass uns dank Delling wenigstens seine Frisur erhalten bleibt. Seit 12 Jahren steht Netzer am Pult neben Delling, dem Moderator. Das modische Hemd und die perfekt dazu passende Krawatte hat ihm stets seine Frau Elvira zurechtgelegt.
Sie wurden mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet
Günter Netzer geniesst in der Branche einen hohen Stellenwert. Für seine Arbeit im Ersten der ARD als Fussballkommentator erhielt er im Jahr 2000 zusammen mit Delling einen Grimme-Preis. Zudem wurden die beiden im Mai 2008 in Wiesbaden aufgrund ihres «hohen sprachlichen Niveaus» mit dem Medienpreis für Sprachkultur ausgezeichnet. Seine Analysen waren nie zynisch, nie verletzend. Der Gentleman von der Scheitel bis zur Sohle wäre nie unter die Gürtellinie gegangen.
Als der damalige Bundestrainer Rudi Völler bei seinem legendären Weisswurst-Ausrutscher Netzer mit den Worten, «Was hat denn der Günter früher für einen Scheiss gespielt», attackierte, blieb Netzer souverän gelassen und fuhr mit seiner Analyse fort, als wäre nichts gewesen. Netzer liess sich auch nie durch die faulen Sprüche oder durch die versuchten Provokationen Dellings aus der Fassung bringen. Er konterte seinen Partner stets souverän aus.
Sie werden wohl für immer Siezfreunde bleiben
Trotzdem bezeichnet Netzer Delling als seinen Freund, er ist auch sein Trauzeuge. Aber sie sprechen sich konsequent immer noch per Sie an. Kenner, die glauben, die Szene zu kennen, erwarten, dass Netzer ihm am Samstag während der letzten Sendung endlich das Du anbieten wird. Ganz sicher ist sich jedoch keiner. Netzer werde auch diese Frage genau abwägen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet startete einen Versuch und fragte beim deutschen Weltmeister von 1974 in Südafrika direkt nach und erhielt am Handy eine klare Antwort. «Die Chance, dass ich Delling das Du anbiete, ist gleich null.» Sie werden also wohl für immer die alten Siezfreunde bleiben! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.07.2010, 11:06 Uhr





