Ein Opfer von Blatters Politik
Umfrage
Können Sie nachvollziehen, dass Schiedsrichter Massimo Busacca von der Fifa nach Hause geschickt wurde?
Ja
Nein
2217 Stimmen
«Er meldet sich weder am Handy, noch beantworte er meine SMS»: Massimo Busacca, ausgebooteter Schweizer WM-Schiedsrichter. (Bild: Keystone )
Tages-Anzeiger-Sportredaktor Thomas Schfferle.
Dossiers
Artikel zum Thema
- Wilde Gerüchte um Busacca
- «Ich mache mir grosse Sorgen um Busacca»
- Bussaca muss nach Hause
- «Busaccas Ausbootung ist ein Skandal»
- Wenn die Schweiz weiter gewinnt, gibts in Zürich eine Freinacht
- Aggressive Fans machen Polizei zu schaffen
- Public Viewing mit Comedy-Einlagen
Stichworte
«The Citizen» macht es kurz und schmerzhaft: «Sepp Blunder», titelt er am Dienstag gross auf seiner Titelseite: Sepp, das Versehen, Sepp, der grosse Fehler, heisst das übersetzt.
Sein Konservatismus verhindert
Sepp Blunder heisst im richtigen Leben Sepp Blatter und ist Präsident der Fifa. Die Kritik an ihm ist derzeit wieder einmal gross. Jetzt ist es der Fall, weil Schiedsrichter an dieser WM Fehler machen und er bislang mit seinem Konservatismus verhindert hat, ihnen technische Hilfsmittel an die Hand zu geben.
Blatter ist ein Präsident, der den Weltverband mit aller Raffinesse führt. Wer ihm untertan ist, lebt ein gutes Leben. Wen er nicht mehr braucht, lässt er fallen. Das war im Januar zum Beispiel so, als er Jérôme Champagne vor die Tür stellte. Blatter war zugetragen worden, sein Direktor für internationale Beziehungen wolle selbst Fifa-Präsident werden.
Ausbootung ohne Begründung
Massimo Busacca ist zwar kein Angestellter von Blatters Gnaden. Der 41-jährige Tessiner ist nur Schiedsrichter. Gleichwohl ist er nun ein Opfer der politischen Spiele geworden, die Blatter zu seinem Spezialgebiet erhoben hat, um seine Macht zu erhalten. Dass Busacca an diesem Dienstag seinen besonderen «High Noon» hat und zur Mittagsstunde erfährt, er müsse von der WM heimreisen, wäre ohne die Einflussnahme des Präsidenten nicht denkbar gewesen.
Vor der WM, bei einem Empfang der Schweizer Botschaft in Pretoria, hatte Blatter den Tessiner noch in den höchsten Tönen gelobt. Das sei ein wunderbarer Schiedsrichter, von dem man noch viel hören werde, sagte Blatter. Wer Busacca ist, erfuhr Südafrika am Abend des 16. Juni im Loftus-VersfeldStadion von Pretoria. Er durfte das Spiel des Gastgebers gegen Uruguay leiten, er pfiff gut und ohne Probleme, bis er in der 77. Minute Itumeleng Khune nach einem Foul an Luis Suarez vom Platz stellte und Uruguay einen Elfmeter zusprach.
Ein Foul war es, kein grobes, aber eines, das Busaccas Massnahmen gegen Südafrika und seinen Goalie rechtfertigte. So sah man das auch, als Busaccas Leistung im Kreis der Schiedsrichter analysiert wurde. Wie es heisst, habe das José Maria GarciaAranda, der direkte Vorgesetzte der Schiedsrichter und ihrer Assistenten, sogar explizit gesagt. Busacca wartete auf seinen nächsten Einsatz und wartete und bekam ihn einfach nicht. Erst gestern hörte er wieder etwas Offizielles. Das war seine Ausbootung. Eine Begründung dafür bekam er keine.
Im Sinne der Gastgeber
Mit ihm müssen morgen Donnerstag auch Jorge Larrionda, Roberto Rosetti, Koman Coulibaly und Stéphane Lannoy heimreisen. In ihren Fällen ist das nachvollziehbar. Larrionda übersah den Treffer von England gegen Deutschland, Rosetti das Offside bei Argentiniens 1:0 gegen Mexiko, Coulibaly aberkannte den USA ein korrektes Tor gegen Slowenien, und Lannoy übersah das doppelte Hands des Brasilianers Luis Fabiano vor seinem zweiten Tor gegen die Elfenbeinküste.
Der Entscheid gegen sie ist leistungsmässig nachvollziehbar. Bei Busacca aber sind wir in den Tiefen der Politik gelandet. Busacca hatte sich mit dem Platzverweis gegen Khune den Zorn der Gastgeber zugezogen. Was Trainer Carlos Alberto Parreira über ihn sagte («der schlechteste Schiedsrichter dieser WM»), war ein Ausbruch, der normalerweise inakzeptabel ist. Die Fifa schwieg, Blatter schwieg, obwohl der Zorn Parreiras, der Zorn Südafrikas den «wunderbaren Schiedsrichter» aus seiner Heimat traf. Und er tat es mit gutem Grund. Er selbst wollte es sich nicht mit den Gastgebern verscherzen.
Ansehen nicht beschädigen
So wie sie ihn brauchen, so braucht er sie, braucht er alle Afrikaner: Er will sich sein Ansehen als Mann, der dafür sorgte, dass die erste Fussball-WM auf ihrem Kontinent stattfindet, nicht beschädigen. Vor allem will er sich nächstes Jahr zum dritten Mal als Präsident bestätigen lassen, da kann ihm die Stimmkraft der 53 afrikanischen Länder nur guttun.
Garcia-Aranda arbeitet vor Ort direkt mit den Schiedsrichtern, in ihrem Quartier ausserhalb von Pretoria. Angel Maria Villar Llona, Spaniens Verbandspräsident, ist im Exekutivkomitee politisch zuständig für die Schiedsrichter. Letzten Endes aber geschieht nichts ohne Blatters Segen, er hat den letzten Blick auf die Einsatzliste der Schiedsrichter. Genau darum ist ein derartiges Verdikt gegen Busacca ohne seine Einflussnahme unvorstellbar.
Die Zweifel an der Einsicht
Blatter sagt an diesem Dienstag nichts zu Busacca, dafür redet er in Johannesburg vor Journalisten über die Einführung der Technologie im Fussball. Nach den Erfahrungen an dieser WM wäre es «ein Unsinn, diese Akte nicht wieder zu öffnen». Schon Ende Juli soll an einer Sitzung darüber geredet werden.
Auch das passt zu Blatter: diese Geschmeidigkeit bei Themen, die weltweit hitzig debattiert werden. Das war schon Ende letzten Jahres so – nach dem Tor, das Frankreich gegen Irland den Weg an die WM öffnete. Schiedsrichter Martin Hansson hatte nicht gesehen, dass Thierry Henry es mit der Hand vorbereitet hatte.
Zweifel bleiben erhalten
Ein paar Tage später in Kapstadt, vor der Auslosung der WM-Gruppen, meldete Blatter flugs: «Wohin gehen wir? Schlagen wir das Kapitel der technologischen Lösung auf ?» Viele glaubten schon, Blatter sei bereit, dem Fortschritt die Tür zu öffnen. Er unterliess es zudem nicht, sich bei den Iren zu entschuldigen. Die Fragen von Kapstadt wurden im März beantwortet: mit einem kategorischen Nein zur Einführung technologischer Hilfsmittel, von Torkamera und Chip im Ball.
Und jetzt soll alles wieder anders sein? Soll plötzlich die Technologie zum Thema werden, die für Blatter bis zur WM schlicht nicht praktikabel war? Zweifel bleiben deshalb an der Ernsthaftigkeit seines Umdenkens, grosse sogar. Vielmehr bleibt der Eindruck, dass Blatter nur das Spiel vom Dezember wiederholt.
Übrigens hat er sich auch diesmal bei den benachteiligten Verbänden, England und Mexiko, entschuldigt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.06.2010, 07:48 Uhr





