WM 2010

Fussballgott, Messias und eiliger Geist

Von Ian Hawkey, Barcelona*. Aktualisiert am 11.06.2010 2 Kommentare

Lionel Messi ist die Dreifaltigkeit auf dem Rasen, der ab heute die Welt bedeutet. Der Stürmerstar von Barcelona soll Argentinien zum Weltmeister machen.

Hart ist er nur am Ball: Weltfussballer Lionel Messi.

Hart ist er nur am Ball: Weltfussballer Lionel Messi.
Bild: Keystone

Ein Frühlingsabend im Stadion Camp Nou: Die Flutlichter lassen den Halbfinal der Copa del Rey zwischen Barcelona und Getafe erstrahlen. In einer der Kommentatorenboxen verfolgt Joaquim Maria Puyal das Spiel für Radio Catalunya. Seine Augen verschieben sich zur Mittellinie, als Barcelona den Ball zurückgewinnt: «Deco zu Xavi, Xavi zu Messi. Messi, Messi, Messi und weiter Messi, Messi, Messi.» Bis Puyal begeistert «Goal – Goal – Goal!» skandiert, hat er 18-mal ununterbrochen «Messi» gesagt, um das Vorpreschen von Lionel «Leo» Messi über 60 Meter Rasen hinweg und an sechs gegnerischen Spielern vorbei zu beschreiben.

Messi - Arsenal 4:1

Das Goal – «das Goal des Jahrhunderts», wie es die Zeitungen in Barcelona nennen – ist wahrscheinlich das meistbewunderte auf Youtube von den insgesamt 127 Goals, die Messi für den FC Barcelona geschossen hat. Manchmal glichen seine Tore schon fast Echos. Der Slalom, den er in der eigenen Spielhälfte begann und in den Strafraum von Getafe führte, auf eine Position knapp neben der rechten Seitenlinie, erinnerte an ein noch berühmteres Goal, das sein Landsmann Diego Maradona im WM-Viertelfinal gegen England vor 24 Jahren in Mexiko geschossen hatte. Darum wurde sein Goal zum Beweis genommen, dass der Fussball einen modernen Maradona gefunden hat, einen Spieler, der so gut ist, wie Maradona es in den 80er-Jahren war, so gut wie Johan Cruyff und Franz Beckenbauer in den 70ern und vergleichbar mit dem, was Pelé für den Fussball in den 60er-Jahren war und Alfredo di Stefano in den 50ern.

Messi war 19, als er das viel gepriesene Solo gegen Getafe zeigte. Er wird 23, wenn er jetzt mit der argentinischen Nationalmannschaft, die von Maradona gecoacht wird, an seiner zweiten Weltmeisterschaft teilnimmt. Er gilt als der herausragendste Spielers der letzten zwei Jahre. Vergangenes Jahr gewann er mit Barcelona die Champions League und wurde Weltfussballer des Jahres. Und seit Januar hat er für Barcelona mehrere Goals geschossen, die fast so hinreissend waren wie jenes gegen Getafe. Die Saison beendete er mit 34 Toren – in 35 Spielen – und dem Sieg seiner Mannschaft in Spaniens Primera División. Dreimal erzielte er Hattricks, drei Tore in einem Spiel, und in einem Match gegen Arsenal in der Champions League schoss er gleich vier Goals. Die abschliessenden Pässe, die er Teamkollegen in vielversprechender Position zuspielte, führten stets zum Tor. Messi war nie einfach ein Torjäger. Seine enge Ballkontrolle und seine Dribblings waren nie selbstverliebt oder prahlerisch. Er ist kein egoistischer Spieler.

Star ohne Allüren

Er zeigt auch keine Symptome persönlicher Eitelkeit. Messi ändert seinen Haarschnitt selten, und wenn er es tut, wählt er Schnitte, die seinen offenbar kaum zu bändigenden Schopf aus den Augen halten. Er hat ein nettes, mildes Gesicht, das schwach an den jungen Dustin Hoffman erinnert, aber er ist nicht attraktiv im klassischen Sinn. Sein Barcelona-Kollege Gerard Pique sagt: «Er mag auf den ersten Blick nicht der glamouröseste Kerl sein oder der charismatischste, aber wenn er den Ball am Fuss hat, ist er einzigartig. Das sieht man sofort. Was ich am meisten an ihm schätze, ist, dass er im Verlauf der Jahre, in denen er zum besten Spieler der Welt aufgestiegen ist, genau dieselbe Person geblieben ist, die ich schon als Junge kannte.»

Dieser Junge wurde in Rosario, Argentinien, am 24. Juni 1987 geboren. Sein Vater Jorge arbeitete in einer Fabrik, die Bestandteile für Autos herstellte; seine Mutter Celia kümmerte sich um dem Haushalt und jobbte Teilzeit als Putzkraft. Lionel, klein schon als Fünfjähriger für sein Alter, verliebte sich in den Fussball. Strassenspiele, Schüsse gegen die Gartenmauer – ständig stand er im Wettkampf mit seinem ältesten Bruder, Rodrigo, weniger mit seinem anderen Bruder, Matias, einem weniger sportlichen Jungen. Da Lionels Begeisterung ein bemerkenswertes Talent offenbarte, ermunterte Vater Jorge ihn auch. Und das tut Messi senior noch immer. Jorge verfolgt in Barcelona regelmässig das Morgentraining, ein Mann, der leicht als Messi zu erkennen ist am Kiefer und der prominenten Nase. Jorge Messi war von allem Anfang an so selbstlos wie fordernd, was die Fussballkarriere seines jüngsten Sohnes anbelangt: Einmal wurde er sogar von der Seitenlinie des Spielfelds entfernt, weil er seine Anweisungen zu laut gebrüllt hatte.

«Floh» unter grossen Tieren

Zu jenem Zeitpunkt hatte Lionel Messi bereits gelernt, für sich selbst einzustehen. An seinem ersten Schultag, so geht die Geschichte, wurde er von den anderen Kickern auf dem Sportplatz ausgeschlossen wegen seiner Grösse. Empört begab er sich trotzdem aufs Feld und dribbelte da so brillant, dass er von da an erste Wahl war für die Captains auf dem Platz. Sein Bruder Rodrigo verpasste ihm den Übernamen «Floh». Der Name blieb haften – und er fand schon bald Platz unter grösseren Tieren, in Mannschaften älterer Jungen, obwohl er sogar unter den Gleichaltrigen das kleinste Teammitglied gewesen war. Die Grösse blieb zwar eine Hürde, dennoch fielen seine Dribbelkünste professionellen Talentsuchern auf. Er kam zu den Junioren von Newell's Old Boys, jenem Verein, in dem Maradona seine Karriere beendet hatte. Sein Vater Jorge vermittelte ihm Zahlen und Fakten des Fussballs, sodass er schon bald die Aufstellungen wichtiger Spiele und die Statistiken grosser Spieler auswendig kannte.

Als ein Rekrutierer des berühmten Klubs River Plate aus Buenos Aires an der Taufe seiner Schwester, Marisol, auftauchte, spürte die Familie Messi, dass der Durchbruch bevorstand. Der elfjährige Leo reiste in die Hauptstadt für medizinische Tests. Eine Woche später wurde Vater Jorge im Hauptquartier von River Plate erklärt: «Ihr Sohn ist ein ausgezeichneter Spieler mit unglaublichem Talent. Aber es gibt ein Problem. Er leidet unter einem hormonellen Mangel und wird unseren Analysen zufolge nicht grösser als 1,40 m werden. Er hat schon fast zu wachsen aufgehört.»

Nur 1,32 m gross – mit elf

Es gebe dagegen eine Behandlung, sagten die Fussballfunktionäre Messi senior. Doch sie kostete 900 Dollar im Monat, Unkosten, die weder River Plate noch Newell's übernehmen wollten. Jorge und Celia Messi kämpften aber bereits damit, den Unterhalt ihrer sechsköpfigen Familie bestreiten zu können. Und die argentinische Wirtschaft befand sich zu jenem Zeitpunkt im freien Fall. Ein Albtraum. «Ich benötigte eine ärztliche Behandlung, die nicht warten konnte», erinnert sich Messi. «Ich war mit elf nur 1,32 m gross. Es musste etwas unternommen werden.»

Der Plan sah so aus: Die Familienersparnisse in Spritzen für Lionel umwandeln und Kontakte zu europäischen Klubs suchen, die vielleicht bereit wären, die Extrakosten für ein junges Ausnahmetalent zu übernehmen. Die Messis hatten Verwandte in Katalonien, so reisten Jorge und Leo hin und erreichten, dass er für ein Testspiel beim FC Barcelona empfohlen wurde.

Brillant und ausgesprochen mutig

Der Rest ist Geschichte. Bei seinem ersten Auftritt in einem viel zu grossen Barça-Shirt schoss er fünf Tore. «Dieser kleine Kerl mit langem Haar betrat die Garderobe und setzte sich neben mich», erinnert sich Cesc Fabregas, der heute für Spanien und Arsenal spielt, aber mit Messi und Pique zusammen im Juniorenteam von Barça gross geworden ist. «Er war sehr ruhig, aber schloss sich uns schon bald bei Computerspielen und dergleichen an. Auf dem Feld war er brillant und ausgesprochen mutig. Zu einem Cupfinalspiel bei den Junioren trat er mit einer Maske an, die ihn vor Gesichtsverletzungen schützen sollte. Aber die Maske störte ihn so sehr, dass er sie einfach abnahm, auf die Seite warf und zwei Goals machte.»

Die Wachstumshormone wirkten, auch wenn Messi mit 1,69 m noch immer ungewöhnlich klein ist für einen erfolgreichen Fussballprofi. Seit er in der ersten Mannschaft von Barcelona spielt – sein Debüt hatte er mit 16 –, hat er mit viel Arbeit die Muskulatur des Oberkörpers aufgebaut. Er scheint über die Muskelzerrungen hinweg zu sein, die ihn als Teenager regelmässig plagten. In der katalonischen Kapitale wird er auch psychologisch gut betreut. Für Paparazzi ist er ein frustrierendes Objekt, ein Vollprofi, der meist zu Hause bleibt und früh ins Bett geht. Für die Klatschmedien ist seine kindliche Hingabe an den Fussball, neben der wenig anderes Platz hat, ein uninteressantes Thema.

Der Stille und das Grossmaul

In Argentinien aber wird er als seltsam entrückter Superstar gesehen. Weil er die Heimat schon als Junge Richtung Spanien verlassen hat, ist seine Laufbahn von seinen Landsleuten nicht auf den Fussballplätzen von Buenos Aires, sondern im Fernsehen verfolgt und bewundert worden. Er war in der Nationalmannschaft bisher weit weniger effektiv als beim FC Barcelona. Und das bedeutet, dass er von einigen Argentiniern mit einem gewissen Argwohn betrachtet wird. Den Messi des Klubfussballs, Kataloniens kleinen Messias, in einen WM-Sieger zu verwandeln, ist eine Herausforderung für Messi selber wie für Maradona. Die beiden Männer mögen einander ähneln in der Art, Goals zu schiessen, aber von der Art her sind sie grundverschieden. Der eine ist zurückhaltend und scheu, der andere ein Grossmaul und nach Aufmerksamkeit heischend. Keine andere Beziehung wird in den kommenden Wochen schärfer beobachtet werden.

Übersetzung: mak

* Ian Hawkey ist Fussballkorrespondent der britischen «Sunday Times» in Spanien.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2010, 06:20 Uhr

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2 Kommentare

Bruno Waldvogel-Frei

11.06.2010, 08:34 Uhr
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Die religiösen Schlagzeilen sind ein schlapper Ersatz dafür, wer und was der Messias und der Heilige Geist wirklich sind. Sorry, aber da kann ich als Christ nur laut lachen. Der Fussballgott mag wohl etwas Emotionen wecken - je nach Verlauf eines Spieles. Aber er schenkt weder ewiges Leben noch Freude im Heiligen Geist. Fussballfreude hin oder her: abpfeifen! Messi wünsche ich trotzdem Erfolg. Antworten


Marco Affolter

11.06.2010, 11:21 Uhr
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Da sieht man mal wieder wie blind viele Fans sind. Messi ist doch seit knapp drei Jahren schon der beste Spieler der Welt. Nur wenige haben aber damals Kenntnis davon genommen. Warum? Leider spielt eben auch im Fussball Image, Coolness und Look eine grössere Rolle als Können. Beckham/Ronaldo konnten Messi punkto Talent nie annähernd das Wasser reichen, hatten/haben wohl aber gleich viel Erfolg... Antworten