WM 2010

Hiqui-Haca statt Tiqui-Taca

Von Stefan Wyss (Si) , Johannesburg. Aktualisiert am 12.07.2010

Am Ende feierten die Spanier. Doch eine Fiesta war der Final für die Fans im Stadion und auf der ganzen Welt vor den TV-Schirmen nicht.

1/28 Matchwinner Andres Iniesta mit dem WM-Pokal.
Bild: Reuters

   

Viele Fouls und Gehässigkeiten machten den Traum vom Traum- Final kaputt. Referee Howard Webb hatte drei Tage vor seinem 39. Geburtstag alle Hände (mit Karten) voll zu tun.

Der Engländer Howard Webb ist kein Schiedsrichter, der schnell die Karten aus der Brusttasche zieht. Im WM-Spiel zwischen der Schweiz und Spanien beispielsweise kam er mit nur vier Verwarnungen aus. Im Champions-League-Final zwischen Inter Mailand und Bayern München zeigte er sogar nur dreimal Gelb. Nein, Howard Webb ist nicht der Lucky Luke unter den Referees.

Der Polizist aus Rotherham in den Midlands, der sein Geld seit fünf Jahren als Profi-Schiedsrichter verdient, bei der South Yorkshire Police in Sheffield aber noch immer als Sergeant angestellt ist, galt vielmehr als der geeignete Unparteiische für den WM-Final. Die Raffinesse der Spanier und die Power der Holländer würden nicht durch kleinliche Pfiffe gestört werden. Soccer City sollte ein würdiges Endspiel erleben. Die beiden besten Mannschaften sollten ihre offensiven Stärken ausleben können. Ein Traumfinal eben, für Romantiker und Gourmets.

Brutale Einlage von De Jong

Doch es kam anders. Schon bald war die Atmosphäre im kühlen Stadion hitzig und vergiftet. Gesundheitsgefährdend sprang Mark van Bommel dem Spanier Andres Iniesta nach 16 Minuten in die Beine, eine Viertelstunde später streckte Nigel De Jong Xabi Alonso mit einer Kung-Fu-Einlage nieder. Der holländische Mittelfeld-Terrier glich in dieser Aktion plötzlich nicht mehr nur äusserlich der beissenden Box-Legende Mike Tyson.

Wüste Aktionen zeigten vor allem die Holländer, aber nicht nur sie. Auch Sergio Ramos langte gehörig zu, und selbst der exemplarisch faire spanische Abwehrchef Carles Puyol wurde verwarnt - für sein erst sechstes Foul im gesamten Turnier. So musste Howard Webb tun, was er nicht gerne und sonst nicht oft tut. Er zückte gelbe Karte um gelbe Karte. Fünf schon in der ersten halben Stunde, bis zum Ende des Spiels erhöhte sich die Zahl auf 12. Zudem sah John Heitinga in der Verlängerung die Gelb-Rote Karte. Webb sanktionierte mit vier Ausnahmen jeweils ein überhartes Einsteigen.

Sogar Del Bosque gestikulierte

Das «Joga bonito» war kaum zu sehen in diesem Spiel, das (fast) die ganze Welt sah. Es war wenig «Tiqui-Taca», dafür umso mehr «Hiqui-Haca». Nach schwungvollen spanischen Startminuten war das Spiel zertreten, der Fluss gestoppt. Zahlreiche Spanier haderten daher mit dem Schiedsrichter und dem Gegner. Zu Recht. Niemand in Holland hätte sich beklagen können, wenn die «Elftal» schon zur Pause nur noch zu neunt auf dem Rasen gestanden hätte.

Selbst dem ruhigen Vicente Del Bosque wurde es irgendwann Mitte der zweiten Halbzeit zu bunt. Er stand auf und sprach wild gestikulierend auf Howard Webb ein. Wenn der besonnene Coach der Spanier sich so verhält, ist dies untrügliches Zeichen, dass etwas aus dem Ruder läuft. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.07.2010, 00:42 Uhr