WM 2010

Machtkampf bei den Deutschen

Von Philipp Selldorf, Centurion. Aktualisiert am 06.07.2010

Der verletzte Stammcaptain Michael Ballack fand keinen Zugang zum deutschen Team, das gar seine Rolle infrage stellt.

Streit um die Captainbinde: Philipp Lahm (r.) ist nicht bereit, das würdevolle Amt wieder an Michael Ballack abzutreten.

Streit um die Captainbinde: Philipp Lahm (r.) ist nicht bereit, das würdevolle Amt wieder an Michael Ballack abzutreten.
Bild: Reuters

Umfrage

Streit um die Captainbinde: Soll Michael Ballack in die deutsche Nationalmannschaft zurückkehren?

Ja

 
26.8%

Nein

 
73.2%

1219 Stimmen


Artikel zum Thema

Als der Deutsche Fussball-Bund kurz vor 18 Uhr die Nachricht bekannt gab, war er schon am Flughafen in Johannesburg. Fünf Tage nachdem er in Südafrika eingetroffen war, reiste Michael Ballack bereits wieder heim. Den ursprünglichen Plan, bis zum möglichen Final bei der Nationalmannschaft zu bleiben, habe der Captain ausser Dienst verworfen, um die Konditions- und Aufbauarbeit in Deutschland nach seinem Bänderriss fortzusetzen, so der DFB.

Ob die medizinischen Erfordernisse der einzige Beweggrund für die Abreise sind, darf bezweifelt werden. Gestern Vormittag gab Ballacks Stellvertreter Philipp Lahm im Mannschaftshotel in einer Interviewrunde bekannt, dass er nicht vorhabe, die von Ballack übernommene Captainbinde nach dem Turnier zurückzugeben. «Ich werde meine Captainbinde nicht freiwillig abgeben», sagte Lahm – eine Äusserung, die den Charakter einer Kampfansage hat und auch als solche verstanden werden soll.

98 Länderspiele hat Michael Ballack für Deutschland bestritten, doch nach den Erfahrungen, die er während der fünf Tage in Südafrika gesammelt hat, ist es fraglich, unter welchen Umständen er seine Karriere im Nationalteam fortsetzen soll. Es ist offensichtlich, dass in der Mannschaft, die bei diesem Turnier die Fussballwelt aus den Angeln hebt, verschiedene Spieler meinen, dass sie ihren alten Anführer nicht mehr dringend brauchen.

Zuschauer unter Feiernden

Nicht nur Lahm scheint zu dieser Fraktion zu gehören, er hat offenkundig die Unterstützung des Mannschaftsrates. Ihm gehören Mertesacker, Klose, Schweinsteiger und Friedrich an. Ballack musste sich während der Zeit in Südafrika bei seinem alten Team wie ein Aussenseiter vorkommen, er kam in ein intaktes, seit sechs Wochen gewachsenes Gefüge und fand, gelinde ausgedrückt, keinen Zugang. Bei den Feiern am Rande des Sieges gegen Argentinien in Kapstadt hatte er unter allen Deutschen die undankbarste Rolle. Während die Mannschaft jubelte, stand er wie ausgesperrt am Rande.

Mit der Entscheidung, nach Südafrika zu reisen, hat sich Ballack offenbar keinen Gefallen getan. Auch wenn Bundestrainer Joachim Löw lobte: «Wir fanden es toll, dass Michael uns besucht und unterstützt hat. Wir würden uns darum natürlich freuen, wenn er im Falle des Final-Einzugs nochmals beim Team dabei wäre.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2010, 08:53 Uhr