WM 2010

Spanien – Champion einer zwiespältigen WM

Von Thomas Schifferle, Johannesburg. Aktualisiert am 12.07.2010 48 Kommentare

Ein Tor von Iniesta entschied die erste afrikanische WM. Nun zieht die Fifa weiter, mit einer Milliarde Dollar an Gewinn und lässt ein Land hinter sich, das unverändert zerrissen ist.

1/28 Matchwinner Andres Iniesta mit dem WM-Pokal.
Bild: Reuters

   

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Sie spielten nicht so, als wären sie wirklich die Besten der Welt. Am Ende aber besiegten sie Holland: Durch einen Treffer von Iniesta in der 116. Minute gewannen die Spanier zwei Jahre nach der Europameisterschaft auch ihre erste Weltmeisterschaft. 84 490 Zuschauer sahen in Johannesburg kein Spiel, das finalwürdig war, dafür waren die Holländer zu sehr nur auf Zerstörung aus. Den Spaniern war das schliesslich egal.

So endete eine WM, die sportlich alles andere als denkwürdig war, irgendwie symptomatisch. Viele Spiele erstickten in Taktik und Vorsicht, in der Angst vor dem Verlieren, in der Unfähigkeit, selbst aktiv zu sein.

Verteidigen, Zerstören

Es gab zu wenige Mannschaften wie Spanien, wie Deutschland, wie Holland, die mit Talent gesegnet waren, um ein Spiel bestimmen zu können. Es gab zu viele wie die Schweiz, denen es an spielerischer Klasse fehlte und die darum auf das bauten, was ein Trainer seinen Spielern auf dem Reissbrett vorgeben kann: auf die Organisation, aufs Verteidigen, Zerstören. Den Rest sollte das Glück richten. Es gab zu viele wie Italien, England, Brasilien, jene grossen Nationen, deren Auftritte in Enttäuschungen endeten. Frankreich lebte ohnehin in einer eigenen Welt, wo es ausser Dekadenz nichts gab.

Natürlich, die neuen Deutschen verblüfften, weil sie England und Argentinien spielerisch vorführten. Diego Maradona füllte seine Coachingzone mit Leidenschaft aus. Xavi spielen zu sehen, war ein Ereignis. Carles Puyols Kopfball im Halbfinal stand für den beispielhaften Willen, alles für den Sieg zu tun. Thomas Müller, die Entdeckung des Turniers überhaupt, brachte die Portion Unbeschwertheit ein, die so sehr fehlte, und als er nach dem Spiel vor laufenden Kameras fragte, ob er seine Omas grüssen dürfe, bewies er, dass er mit seinen 20 Jahren vom Fussballgeschäft noch unverdorben ist. Und die Schiedsrichter waren längst nicht so schlecht, wie sie nach einer kurzen heftigen Serie gravierender Fehlurteile gemacht wurden. Das bleibt sportlich in Erinnerung nach 64 Spielen. Es ist wenig, bedenklich wenig.

«Yes, South Africa can»

Südafrika war ein guter Gastgeber, freundlich, entspannt, voller Hingabe. Er verlor sich organisatorisch nicht im Chaos. Er genoss es, sich um Gäste kümmern zu können, die sich so benahmen, wie sich Gäste normalerweise zu benehmen haben. Und ja, es jubelte sich nach diesen 30 Tagen gleich selbst zu, wie es die Zeitung «The Star» frei nach Obama tat: «Yes, South Africa can.» – «Wir können es»: Diese paar Worte brachten mehr als nur die Erleichterung darüber zum Ausdruck, dass Südafrika nicht versagt hat, einiges mehr. Sie stehen für den Stolz, den grossen Test vor den Augen der ganzen Welt bestanden zu haben. Sie waren erfüllt von neuem Selbstvertrauen. Von Zukunftshoffnung.

Aber sie haben wenig mit der Realität zu tun, nichts mit den Problemen, die an der Südspitze des Schwarzen Kontinents den Alltag eines 50-Millionen-Volkes zur Last machen. Für die WM wurde sozusagen eine künstliche Welt geschaffen, «eine weisse Mondbasis», wie der Autor Rian Malan es zornig nannte. Hier lief alles, hier gab es alles, hier gab es Zehntausende von Polizisten, die glauben machten, es gebe auf einmal keine Kriminalität mehr. Hier liess sich dem Luxus frönen, Geld verschwenden und sorgenlos eine Party feiern, die den südafrikanischen Staat rund 55 Milliarden Franken kostete.

Ein Feigenblatt, höchstens.

Heute zieht der Weltfussballverband Fifa mit seinem Turnier weiter, nimmt eine Milliarde Dollar an Gewinn mit und lässt ein Land hinter sich, das unverändert zerrissen ist, gezeichnet von den Spuren der Apartheid, gelähmt von offiziell 23 Prozent Arbeitslosigkeit. Die Fifa mag sich darin gefallen, dass sie in Südafrika das Förderungsprogramm «Football for Hope» geschaffen hat. Es ist ein Feigenblatt, höchstens.

Zehn Fussballstadien, milliardenteure Prunkbauten, hochgezogen neben Bretterbuden, stehen für den Traum auf ein besseres Leben. Sie können nicht mehr sein als ein Symbol für unerfüllte Sehnsüchte. Die Sorgen in diesem Land sind zu gross, zu erdrückend, als dass ein einmonatiger Besuch von Fussballern nachhaltig etwas ändern könnte. An der Armut, am Mangel an Bildung, Arbeitsplätzen, Wohnungen. An Leben wie jenem von Patricia, die in einer Kapstadter Township weiterhin jeden Tag während 15 Stunden Schafsköpfe auskochen muss, um irgendwie zu überleben. Am Leben jener Zeitungsverkäufer, die sich mitten in einem Johannesburger Luxusviertel im Kampf um einen Standplatz mit faustgrossen Steinen bewerfen.

Südafrika wird Südafrika bleiben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2010, 06:32 Uhr

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48 Kommentare

Werner N Staub

12.07.2010, 08:06 Uhr
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Besser ein Feigenblatt als gar keines. Die FIFA resp. die Weltmeisterschaft kann nie etwas radikal verändern. Doch immerhin wurde während vier Wochen auf ein Land fokusiert, das es verdient hat, dass der Event dort stattfand. Warten wir es ab, ob Südafrika dadurch ein Stücklein weiter kommt. Und die FIFA wird das Geld nicht horten, sondern in viele Projekte stecken zum Wohle auch der Jugend. Antworten


Marc Steinlin

12.07.2010, 10:38 Uhr
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Ach ja, und die, die die historische Gelegenheit nutzen wollen, ihr Image von Südafrika nachhaltig zu ändern, es gibt noch alternativen zu westlicher Medienhetze gegen dieses wunderbare Land. ZB. sagoodnews.co.za/ Ich war und bleib jeden Tag stolz, die Schweiz gegen ein so grossartiges Land eingetauscht zu haben! Ich freu mich auf die Zukunft hier... Antworten