Auferstanden aus Wasser und Schlick

Das Rietberg-Museum zeigt die Funde aus den versunkenen ägyptischen Städten Thonis und Kanopus. Die Ausstellung ist überwältigend.

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«Oh Ägypten! Oh Ägypten! Von deiner Gedankenwelt werden nur Mythen bleiben, die deinen Nachfolgern unglaublich erscheinen werden», seufzte der römische Dichter Apuleius. Die Römer adaptierten und amalgamierten ja vieles Ägyptische (Cäsar vereinigte sich sogar in corpore mit einer ägyptischen Königin und zeugte einen Sohn), aber ihre Vorstellungswelt war ihnen bereits fremd. Trotzdem behielt Apuleius unrecht. Heute wissen wir, dank der Hieroglyphen­entzifferung, dank Ägyptologie und Archäologie, dank der modernen Ausgrabungstechniken fast alles, was man über diese ferne Hochkultur wissen kann.

Neuerdings sogar Unterirdisches: Seit 2000 gräbt ein Team um den Franzosen Franck Goddio in der Bucht von Aboukir, östlich von Alexandria, die beiden versunkenen Städte Thonis (griechisch: Herakleion) und Kanopus aus. Sie waren in der Spätphase des Pharaonenreichs blühende Handelsmetropolen, maritime Eintrittspforten nach Ägypten, Begegnungsstätten der Völker und Kulturen, wichtige Stätten des Osiris-Kults. Im 8. Jahrhundert versanken sie im Meer – und lebten nur in der Erwähnung antiker Autoren wie Herodot fort.

Zerstückelter Gott

Was Goddio und seine Experten vom Institut Européen d’Archéologie Sous-Marine (IEASM) in den letzten Jahren mit eigens dafür entwickelten Verfahren und Instrumenten aus Wasser, Schlamm und Müll geborgen haben, ist sensationell. Die 250 Objekte, die das Rietberg-­Museum jetzt, nach Paris und London, als dritte und letzte Station zeigen kann, ergänzt um rund 40 Leihgaben ägyptischer Museen, gehören zum Aufregendsten, was seit vielen Jahren – wenn nicht: jemals – aus der Antike in Zürich zu sehen war. Es ist, so Rietberg-Direktor Albert Lutz beim Presserundgang, die «aufwendigste und teuerste» Schau, die das Museum je ausgerichtet hat.

Die Präsentation wird dem Anspruch gerecht, den die Qualität der Objekte, von der Kolossalstatue bis zum daumennagelgrossen Schmuckstück, stellt. Dass man im Rietberg-Museum einen Gang in die Unterwelt antritt, passt, auch wenn man trocken bleibt, nicht nur zum Ausgrabungsort, sondern auch zum thematischen Zentrum: dem Osiris-Kult. Denn jener mythische Gott, der von seinem Bruder Seth ermordet und zerstückelt, von seiner Schwester-Geliebten Isis wieder zusammengesetzt und zu neuem ­Leben erweckt wurde und mit ihr Horus zeugte, Stammvater der Pharaonen: Osiris wurde nach seiner Auferstehung zum Herrn der Unterwelt.

Der Osiris-Mythos, eine Art Gründungslegende Ägyptens, ist uralt; schon im Mittleren Reich wurde er zelebriert, in der Spätphase fast flächendeckend im Land, besonders aber in Kanopus und Herakleion. Dort fanden jedes Jahr 30 Tage dauernde Zeremonien statt, regelrechte Passionsspiele, die in der Ausstellung detailliert dokumentiert und erklärt werden. Unter anderem stellten Priester zwei Osiris-Puppen her: die eine aus Nilschlamm und Gerstenkörnern, die in einen offenen Sarkophag gelegt wurden, bis die Gerste keimte und spross; dann wurde dieser «Osiris vegetans» in Leinen gewickelt und bestattet. In das Material der anderen Scheinmumie mischten die Priester zermahlene Edelmetalle und Edelsteine; alle diese Ingredienzien sind in Vitrinen ausgestellt, ebenso wie zahlreiche Ritual-Utensilien: Schöpfkellen, Siebe, Pfannen, Votivgaben, Amulette und Ringe.

70 Boote ausgegraben

Zu den Zeremonien gehörte eine rituelle Bootsfahrt auf dem 3,5 Kilometer langen Kanal zwischen beiden Städten. Rund 70 Boote haben die Archäologen inzwischen ausgegraben. Eine zehn Meter lange Barke, vielleicht die, auf der die Osiris-Puppen transportiert wurden, ist im Schlamm belassen, aber in voller Grösse an der Wand fotografisch reproduziert worden. Ein überwältigender Eindruck, wenn man noch der kleinsten Muschel auf die Schale rücken kann.

Überhaupt erlaubt die Ausstellung, was bei fernen Kulturen besonders wichtig ist: Nähe. Statuen, Stelen und Sarkophage sind zugänglich bis fast zum Nasenstüber; die kostbaren Kleinigkeiten aus Gold, Silber und Bronze hinter Glas, manchmal mit Lupen vergrössert.

Nähe entsteht aber auch durch Vermittlung. Der Mix aus Objekt, Erläuterungstexten und Kartografie funktioniert hervorragend. Neben jeder Vitrine, die Funde aus einem bestimmten Heiligtum versammelt, zeigt eine Karte, wo dieser Tempel lag. Verschiedene Filme erzählen, wie die Objekte entdeckt wurden: Halbe Götter, die aus dem Untergrund ragen, stecken den Besucher mit dem Rausch der Schatzsuche an.

Das erste Négligé

Die Blütezeit von Thonis und Kanopus war die Endzeit eines Reiches, das mehrere Jahrtausende umfasste – nur China kann da mithalten. 332 v. Chr. eroberte Alexander der Grosse Ägypten und gründete Alexandria, das den beiden Handelsmetropolen bald den Rang ablief. Der Einfluss des Hellenismus machte sich auch künstlerisch bemerkbar, was man etwa an der Statue der ­Arsinoë aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. sehen kann, auch ohne Kopf ein sehr individuelles, verteufelt attraktives Frauenzimmer. Der unbekannte Künstler hat es geschafft, dem nackten Körper aus schwarzem Granit ein Nichts an Faltenwurf überzuziehen: vielleicht das erste Négligé der Modegeschichte.

Umgekehrt machte der Osiris-Mythos seinen Weg in die Nachbarwelten. Griechen und Römer adaptierten ihn, Isis und Osiris wurden im ganzen Imperium verehrt (eine späte Spur findet sich in Mozarts «Zauberflöte»), und auf die Parallele der Auferstehung von Osiris und Christus ist schon oft hingewiesen worden. Und, so fern uns die Legende von Zerstückelung und Wiederzusammensetzung erscheint: Kann da nicht, wenn er es als Splattermovie betrachtet, auch der Popkultur- und Trash-Fan unserer Tage andocken?

Damit kein Missverständnis entsteht: Dies ist keine aktualisierende oder gar ranschmeisserische Ausstellung. Sie widmet sich mit Ernst, Sorgfalt und Vermittlungskunst einer fernen Welt. In der sind die Vorstellungen von Leben und Tod, Zeit und Ewigkeit, Werden und Vergehen anders als unsere, sind die Grenzen zwischen Schwester und Geliebter, Gott und Pharao, Realien und Symbolen fliessend. Faszinierend, in diese Welt einzutreten.

Bis 16. 7. Katalog 250 S., 32 Fr. ­Dazu gibt es ein begleitendes Rahmenprogramm

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2017, 10:53 Uhr

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