Fertig abgezockt!

Gehen Sie ins Ausland einkaufen und fühlen sich schlecht dabei? Lesen Sie weiter.

Ein gut gefüllter Einkaufswagen in Weil am Rhein.

Ein gut gefüllter Einkaufswagen in Weil am Rhein. Bild: Doris Fanconi

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In Kolonnen fahren tagtäglich Schweizerinnen und Schweizer ins benachbarte Ausland und geben dort im Laufe eines Jahres 11 Milliarden Franken aus – Geld, das in der Schweiz fehlt. Dem Bund, dem dadurch 500 Millionen Franken Mehrwertsteuer entgehen, wie auch der Wirtschaft. Deshalb schliessen sich nun Grenzstädte aus allen Landesteilen zu einer Allianz gegen den Einkaufstourismus zusammen. Zu einer Lobbygruppe geeint, wollen sie in Bern dafür kämpfen, dass die Gesetze zu ihren Gunsten angepasst werden (TA vom 13. Juni).

Mehr Grenzwächter!

Politiker und Detailhändler suchen bereits seit Jahren nach Wegen, um Schweizer Konsumenten davon abzuhalten, im Ausland einzukaufen. Erst vergangene Woche überwies der Ständerat einen Vorstoss von Werner Hösli (SVP), der den Einkaufstouristen nur noch erlauben will, Waren im Wert von 50 Franken statt wie bis anhin von 300 Franken mehrwertsteuerfrei in die Schweiz zu schaffen.

Andere Politiker forderten den Bund bereits auf, in Berlin vorstellig zu werden und dafür zu sorgen, dass die Einkaufstouristen die deutsche Mehrwertsteuer nur noch dann zurückerhalten, wenn sie im Gegenzug jene in der Schweiz bezahlen. Der Grüne Ständerat Robert Cramer forderte gar ein eigentliches Massnahmenpaket. Dabei soll das Grenzwachtkorps dermassen verstärkt werden, dass es für Einkaufstouristen schwieriger wird, kofferraumweise Waren über die Grenze zu schmuggeln.

Dabei ginge es viel einfacher: Preise runter. Wären die Preise in der Schweiz nur noch 20 Prozent höher als in Deutschland, würden nie so viele Schweizer nach Konstanz oder Waldshut fahren wie heute. Tatsächlich bezahlen sie für manche Produkte sogar dreimal mehr als im Ausland. Die Zahnpaste Colgate Fresh zum Beispiel kostet im Coop Stauffachertor in Zürich 3.15 Franken, im Drogeriemarkt Müller in Konstanz hingegen nur 95 Cents.

Wie erklären das die Politiker ihren Konsumenten? Wohl dass die hohen Schweizer Löhne schuld daran seien. Nur: Coop zahlt seinen Angestellten nicht drei Mal so hohe Löhne wie der deutsche Müller. BAK Basel kam diesen Mai in einer Studie zum Schluss, dass die Schweizer Detailhandelsangestellten zwar durchaus mehr verdienen als jene in den Nachbarländern. Weil sie für ihren Lohn aber auch mehr leisten sind die sogenannten Lohnstückkosten am Ende nur 20 Prozent höher als dort. Vielleicht werden die Politiker darauf erklären, dass die Zahnpaste von Zöllen und höheren Mieten verteuert wird – aber unerwähnt lassen, dass sie Schweizer Mehrwertsteuer mit 8 Prozent deutlich tiefer ist als die deutsche mit 19 Prozent.

Kaufkraft grosszügig abgeschöpft

Was die Preise tatsächlich markant erhöht, ist der sogenannte Schweiz-Zuschlag: Internationale Markenhersteller sind überaus kreativ bei der Preisgestaltung und berücksichtigen dabei nicht nur Zölle oder Löhne, sondern schöpfen auch grosszügig die hohe Kaufkraft in der Schweiz ab. Davon betroffen sind nicht nur Private; auch ein Transportunternehmen muss eine kaputte Lastwagenachse völlig überteuert über den offiziellen Importeur beziehen, der Buchhändler seine Bücher. Dieser Missstand ist seit Jahren bekannt, auf dem politischen Weg ist bis heute jedoch nichts geschehen. Der Nationalrat hat sich 2014 geweigert, überhaupt auf die Revision des Kartellrechts einzutreten. Darauf hat der damalige freisinnige Ständerat Hans Altherr einen Vorstoss eingereicht, um wenigstens die «überrissene Kaufkraftabschöpfung» einzudämmen, wie er in der Begründung schrieb. Denn damit würde zu viel Kapital von Schweizer Firmen ins Ausland abfliessen. Altherrs Vorstoss wartet im Bundeshaus noch heute darauf, dass die Wirtschaftskommission einen Beschluss fasst.

Weiter abzocken lassen?

Ganz offensichtlich gibt es handfeste Interessen, dass der Schweiz-Zuschlag erhalten bleibt. Die Konsumenten haben zwei Möglichkeiten: Sie können sich von den Markenherstellern weiterhin abzocken lassen und bezahlen für die Zahnpasta dreimal so viel wie die Deutschen. So, wie sie auch höhere Roaminggebühren zahlen als sie oder höhere Tarife für Flugreisen.

Oder die Konsumenten tun das, was Schweizer Firmen mit der unterlassenen Revision erschwert wurde: Sie tätigen Parallelimporte. Sie steigen am Samstag in ihr Auto, fahren ins Nachbarland und kaufen ein, ohne einen Schweiz-Zuschlag zu bezahlen. Und erhöhen so den Druck auf die Politik, endlich aktiv zu werden.

Erstellt: 14.06.2017, 15:31 Uhr

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