Chopin und Geiselnahmen

Alan Rusbridger, der ­Chefredaktor des «Guardian», ist auch Amateurpianist. Ein Jahr lang kämpfte er mit einer ­Chopin-Ballade.

Ende gut, alles gut: Alan Rusbridger spielt Chopin.


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«Play It Again»: Der Titel des Buches spielt natürlich auf «Casablanca» an, vor allem aber auf das, was der Klavier­lehrer des Autors fordert, was alle Klavierlehrer der Welt fordern: schwierige ­Stellen immer und immer wieder zu spielen, langsam, taktweise, jede Hand einzeln, bis sie «sitzen». Und von solchen Stellen gibt es in Chopins g-Moll-Ballade viele, eigentlich besteht das ganze Stück aus solchen.

Jedenfalls für einen Laien wie Alan Rusbridger, der zwar, als gebildeter Engländer, einen soliden musikalischen Hintergrund hat mit Chor und Klarinette, der am Klavier auch ein geschickter Vom-Blatt-Spieler ist, wie diese aber eben auch ein Schummler: Hauptsache, man kommt durch. Irgendwann, da ist er schon weit über 50, packt es ihn aber doch. Er will Chopins g-Moll-Ballade lernen, aber richtig: im Tempo, die brillanten Stellen eben brillant, ohne falsche Noten und vor allem auswendig.

Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Zu zahlreich sind die Handicaps: Das Stück ist ein schwerer Brocken, der Autor eben nur ein gehobener Dilettant mit schlechtem Notengedächtnis und vor allem: Er hat überhaupt keine Zeit. Alan Rusbridger ist Chefredaktor (seit 2016 Vorsitzender des Herausgebertrusts) des «Guardian», eines der «leading newspapers», und das Jahr, das zu seinem Chopin-Jahr werden sollte, entpuppte sich als das schwierigste und aufregendste Jahr seiner journalistischen Karriere.

Die Wikileaks-Daten kamen heraus und mussten – international koordiniert – veröffentlicht werden, ausserdem deckte der «Guardian» den Abhörskandal des Murdoch-Blattes «News of the World» auf. Ausserdem vollzieht sich gerade ein epochaler Strukturwandel der Medien, die radikale Veränderung des Geschäftsmodells, das Ende der Informations- und Deutungshoheit durch die klassischen Medien – und viele weitere Ausserdems.

Jeden Morgen 20 Minuten üben

Und Rusbridger immer mittendrin. Er ist ein freundlicher, selbstironischer Engländer, aber auch ein unglaublicher Schaffer und von einer beeindruckenden Selbstdisziplin. Auch nach 18-Stunden-Tagen ringt er sich am nächsten Morgen seine 20-Minuten-Übeeinheit ab, zwängt eine Sitzung mit seinem (sehr strengen) Klavierlehrer zwischen zwei Termine, befragt nebenbei prominente Pianisten von Murray Perahia bis Alfred Brendel zu Details der Ballade und lässt sich von Hirnforschern erklären, was beim Musizieren im Kopf abläuft – und wieso auch ältere Semester noch zu erstaunlichen Lernprozessen in der Lage sind.

Zwischendrin hält er Vorträge, diskutiert mit Verlegern, Kollegen oder Lesern die Zukunft der Zeitung und jettet mal schnell nach Libyen, wo ein Korrespondent entführt worden ist und nun freiverhandelt werden muss. In der bangen Wartezeit entdeckt er in der Hotel­lobby einen verstimmten Flügel – und übt ein bisschen die Ballade.

Rusbridger muss ein sagenhaft sympathischer Mensch sein, sogar als Vor­gesetzter. Sein Buch jedenfalls vermittelt diesen Eindruck. Es ist genau im Detail und entspannt in der Haltung. Und es wirkt enorm anregend, inspirierend und ermutigend – nicht nur für Amateurmusiker und Journalisten: Auch das Unmögliche ist zu schaffen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.01.2016, 18:36 Uhr)

Stichworte

Alan Rusbridger: Play It Again. Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten. Aus dem Englischen von Simon Elson und Katrin Stier. Secession, Zürich und Berlin 2015. 480 S., ca. 33 Fr.

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