Die ungebrochene Lust an der Gemeinsamkeit

Brett- und Gesellschaftsspiele müssen weder Computer, Apps noch Konsolen fürchten. Die Branche boomt – auch dank Kleinverlagen.

Domino reloaded: Bruno Cathala erfand Kingdomino. Foto: Keystone

Domino reloaded: Bruno Cathala erfand Kingdomino. Foto: Keystone

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Es geht darum, Ländereien einzusammeln und sich so ein ­grosses Königreich zu schaffen: «Kingdomino» heisst das Spiel des Jahres 2017. Gestern verlieh eine Kritikerjury dem Legespiel des französischen Spieleerfinders Bruno Cathala den begehrten Titel, weil sein Spiel das althergebrachte Domino auf eine neue Ebene hebe.

Aus Alt mach Neu gewissermassen, das liegt im Trend. Auch Klassiker wie Monopoly oder Eile mit Weile werden immer wieder in neue Kulissen gesteckt, ohne aber ihren Kern zu verändern. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, dass den Machern von Brett- und Gesellschaftsspielen nichts wirklich Neues mehr einfällt, wäre grundverkehrt.

Nicht nur Kids spielen

Ausgerechnet im Zeitalter von Spielkonsolen und Spiel-Apps ­erfreut sich das Bewegen von Figuren auf meist bunten Pappdeckeln, das Würfeln und Auf- oder Abdecken von Karten unvermuteter Popularität. 2016 boomten auf dem wachsenden, 460 Millionen Franken schweren Schweizer Spielwarenmarkt mit einem Zuwachs von fast elf Prozent vor allem Spiele und Puzz­les.

Marktführer im deutschsprachigen Raum ist Ravensburger, doch daneben gibt es viele kleine, oft sogar winzige Spieleverlage. Meist sind Enthusiasten am Werk wie bei jenem Pegasus-Verlag im hessischen Friedberg, der Kingdomino vertreibt. Seine Gründer Karsten Esser und Andreas Finkernagel sind von klein auf begeisterte Spieler und waren erst 19 und 21 Jahre alt, als sie 1993 ihre Firma gründeten.

Spielen ist übrigens längst nicht mehr nur Kindersache. Es gibt Händler, die veranstalten Männerabende mit Modellbahn-Autorennen und anderen Geschicklichkeitsspielen und verzeichnen dabei grossen Andrang.

Der Spieltrieb ist uralt

Die grosse Nachfrage nach Brett- und Gesellschaftsspielen habe damit zu tun, dass das Digitale «etwas an Schwung verloren hat», sagt Wolf Günthner vom deutschen Spielwaren-Herstellerverband DVSI. «Am besten laufen Spiele, die von Grosseltern bis zu den Enkeln von allen gemeinsam gespielt werden können», sagt Hermann Hutter vom Verbund der Spieleverlage, der auch Händler ist.

Jährlich kommen Hunderte neue Spiele auf den Markt, von denen jedoch wenige so schnell zum Klassiker werden wie «Die Siedler von Catan», «Code Names» oder «Exit», das gestern zum Kennerspiel des Jahres gekürt wurde. Um die vielen Neuerscheinungen herum hat sich eine quirlige Szene aus vornehmlich Jugendlichen und Erwachsenen entwickelt, die sich in Spielclubs und Fachmessen trifft und auf speziellen Internetforen austauscht. Für Hermann Hutter ist all dies kein Wunder. «Der Spieltrieb steckt schliesslich in uns allen», sagt er. «Und das schon seit ­Jahrtausenden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2017, 23:10 Uhr

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