Ein Start-up will die digitale ID für den Bund entwickeln

Die junge Firma Procivis versucht, sich gegen die Grosskonzerne durchzusetzen.

Heute weist man sich mit Pass und Identitätskarte aus. Im Internet soll das künftig eine App erledigen. Foto: Reto Oeschger

Heute weist man sich mit Pass und Identitätskarte aus. Im Internet soll das künftig eine App erledigen. Foto: Reto Oeschger

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Was in vielen europäischen Ländern längst Normalität ist, ist in der Schweiz nicht möglich: sich über das Internet verbindlich auszuweisen. Geht es nach den Vorstellungen des Bundes, soll sich das bald ändern. In den nächsten Monaten wird vom Bundesrat eine neue Vorlage zur digitalen ID präsentiert. Bis 2020 soll sie umgesetzt sein. Die Stossrichtung ist jetzt schon klar: Der Bund wird selbst keine digitale ID entwickeln. Das sollen private Anbieter übernehmen. Damit die Bürger trotzdem wissen, welcher Firma und damit welchem digitalen Ausweis sie Vertrauen schenken können, werden sich die einzelnen Anbieter vom Bund oder einer privaten Stelle zertifizieren lassen können.

Bereits haben mehrere Grossfirmen damit begonnen, einen digitalen Ausweis zu entwickeln: Die Post treibt zusammen mit den SBB ein entsprechendes Projekt voran. Das gilt auch für die Grossbanken UBS, Credit Suisse und den Telecomkonzern Swisscom, die ebenfalls an einer digitalen ID arbeiten. Zudem besteht mit der Suisse-ID eine bundesnahe Lösung. Sie ist aber trotz Fördermillionen des Staatssekretariats für Wirtschaft gescheitert, wie jüngst ein unabhängiger Bericht zeigte. Eine neue Version soll in diesem Jahr lanciert werden.

Doch damit nicht genug. In diesen Tagen hat das Jungunternehmen Procivis angekündigt, eine digitale ID zu entwickeln. Hinter der Firma steht der Unternehmer Daniel Gasteiger. Er wählt einen anderen Ansatz als die Grossfirmen. «Der Staat hat eine Aufgabe; er kann die digitale Identität nicht der Privatwirtschaft überlassen», sagt ­Gasteiger zum «Tages-Anzeiger».

Estland als Vorbild

Der Ex-Banker hat früher bereits ein Unternehmen für Finanztechnologie gegründet. Nun arbeitet er mit Procivis an einer Plattform, die eine ganze Reihe von behördlichen Dienstleistungen digitalisiert. Mit ihr soll es möglich sein, die Steuererklärung einzureichen, abzustimmen oder sich sogar ins E-Banking einzuloggen. So will er den Schweizer Behörden zeigen, wie eine digitale ID funktionieren könnte.

Gasteiger will die Plattform nicht allein aufbauen. Er will sich einen prominenten Partner ins Boot holen, der ihm bei seinem Vorhaben hilft. Einen Prototypen für die Smartphone-App hat er bereits entwickelt. Er soll aufzeigen, was alles möglich sein könnte. Dazu gehört die digitale Stimmabgabe, das Einreichen der Steuererklärung oder das Anfordern von Handelsregisterauszügen.

Es darf den Bürger nichts kosten

«Die App muss sehr sicher sein, sonst hat sie keine Chance», erklärt der Procivis-Gründer. Dazu soll unter anderem die Blockchain-Technologie einen wichtigen Beitrag leisten. Ihre bekannteste Anwendung ist heute die digitale Währung Bitcoin.

Die App muss aber noch mehr können. Die digitale Identität darf den Bürger nichts kosten, und sie muss möglichst unkompliziert sein. Erfüllt sie diese Kriterien nicht, wird sie zu wenig genutzt und hat damit auch keinen Erfolg.

Prominente Mitstreiter

Gasteigers Schritt ist mutig. Denn das Jungunternehmen Procivis befindet sich damit in direkter Konkurrenz zu den Grossfirmen. Die finanziellen Mittel von Procivis sind im Vergleich gering. Dass sich Gasteiger dennoch Chancen ausrechnet, liegt auch an seinem prominenten Mitstreiter. Der Este Kaspar Korjus ist in seiner Heimat für die staatliche digitale Identität verantwortlich. Estland gilt als vorbildlich, wenn es um die Verbreitung der digitalen ID geht und das Projekt des 28-Jährigen erntet viel Lob. Korjus wurde jüngst von der «Financial Times» auf eine Liste mit 100 Persönlichkeiten gesetzt, die Osteuropa zum Positiven verändern. Ziel von Korjus Initiative ist es, jeden Erdenbürger mit einer digitalen Identität Estlands auszustatten.

Damit könnten sie in Estland beispielsweise über das Internet eine Firma gründen. Desgleichen machen die Pläne von Daniel Gasteiger nicht vor den Landesgrenzen halt: Er will sein Produkt auch im Ausland lancieren. Am besten in einem Entwicklungsland, wo eine ­digitale ID von Grund auf neu entwickelt werden könnte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2017, 23:09 Uhr

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