Wo der Glühwein in Zürich am besten schmeckt

Von Fusel keine Spur: In der Weihnachtszeit werden Tausende Liter Glühwein gestürzt. Der leckerste soll gekürt werden. Unser Test.

Der Glühwein auf dem Werdmühleplatz schmeckt den Testerinnen am besten.<br />Fotos: Dominique Meienberg

Der Glühwein auf dem Werdmühleplatz schmeckt den Testerinnen am besten.
Fotos: Dominique Meienberg

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Der Mann winkt ab. «Niemals, nie und nimmer trinke ich wieder Glühwein.» Er meide ihn seit jenem verhängnisvollen Abend, an dem er zu viel davon getrunken habe. Das Kopfweh am nächsten Tag vergisst er nicht mehr. Er ist überzeugt: «Da ist doch überall Fusel drin.» Das Gespräch auf der Gasse zeigt, was viele von Glühwein denken. Und doch: In Zürich wird der warme Wein derzeit in grossen Mengen verkauft – so viel wie nie zuvor. Allein auf dem Sechseläutenplatz trinken die Besucher rund 2500 Liter Glühwein am Tag. An insgesamt 36 Tagen schenken die Weihnachtsstände dort gut 90'000 Liter aus. Was ungefähr 450 vollen Badewannen entspricht.

Diese Zahl schätzt Markus Lichtenstein, der den Markt mitorganisiert. Sie überrascht ihn selbst: «Mit so viel habe ich nicht gerechnet.» Ursprünglich dachte er an 10'000 Liter roten und 10'000 Liter weissen Glühwein. Dass es im Lauf der letzten Tage mehr geworden sind, kostete ihn einige Nachtschichten und viele Stunde zusätzlicher Organisation. Er lässt den Glühwein bei einem Winzer im Wallis im grossen Tank produzieren. Diesen musste er überzeugen, viel mehr herzustellen als geplant. Lichtenstein beteuert: «Wir verwenden nur guten Wein und keinen Zucker.» Er setzt auf spanischen Tempranillo und Macabeo aus der Manduria, beide jung, Jahrgang 2014. Den Geschmack von Orange, Brombeere, Zimt fügt er mittels Duftstoffen bei. Gesüsst wird mit Traubenmostkonzentrat.

Beliebter deutscher Import

Auch auf dem Werdmühleplatz will man nichts von «Fusel» wissen. «Sicher nicht!», sagt der Verkäufer hinter dem Weihnachtsstand. Sein Chef Beat Seeberger bestätigt ebenfalls: «Wir servieren einen guten Wein.» Geschätzte 10'000 Liter verkauft er davon bis Weihnachten. Er organisiert den Markt mit dem Singing Christmas Tree seit 10 Jahren auf dem Werdmühleplatz. In dieser Zeit sei die Nachfrage nach Glühwein laufend gestiegen – «20 bis 30 Prozent im Jahr». Sein Absatz ist so gross, dass er den Wein im Epilepsie-Zentrum kochen lässt. Dort können sie 700 Liter Glühwein am Tag herstellen. Seeberger gerät ins Schwärmen, wenn er von seinem Glühwein erzählt. «Wir verwenden frische Orangen und Zitronen und legen diese eine Nacht lang im Wein ein.»

Der Boom des Glühweins kam mit den Weihnachtsmärkten aus Deutschland. Dort ist das Trinken von warmem Wein seit Jahrzehnten Tradition. In der Schweiz ist es ein importiertes Glück, das immer mehr Anhängerinnen und Anhänger findet. Bei einem Glühweintest an den fünf Orten Usteristrasse, Hauptbahnhof, Sechseläutenplatz, Niederdorf und Werdmühleplatz sieht man meist Menschen vor den Ständen Schlange stehen. Die geheimen Rezepte verraten will niemand. Auch Shaban Semsedini behält es für sich. Er führt den Stand beim Stüssihof im Niederdorf und versichert, sein Glühwein gebe garantiert kein Kopfweh. «Einige Gäste trinken fünf, sechs Becher am Abend und kommen am nächsten Tag wieder.»

Das müssen allerdings geübte Trinker sein. Am Morgen nach dem Glühweinabend spürten beide Testerinnen den Kopf und die schwere Zunge.


Die getesteten Kriterien sind: Ist der Glühwein hausgemacht? Wie schmeckt er, worin wird er serviert, wie ist sein Preis und das Ambiente rundherum? Verliehen haben wir den fünf Glühwein-Hotspots bis maximal fünf Punkte.


Das Rezept
Der Glühwein des Gastrokritikers

Für 4 Personen

1 Flasche jungen, fruchtigen Blauburgunder (Pinot noir) aus der Schweiz
1 Orange, davon der frisch gepresste Saft
2 Stangen Zimt
2 Stück Gewürznelken
2 Stück Anissterne
2 Lorbeerblätter
5 bis 6 Pfefferkörner für die Schärfe (falls gewünscht)
Honig nach Bedarf zum Süssen

Auf den Zürcher Weihnachtsmärkten schweigt man lieber über genaue Glühweinrezepte. Deshalb verrät TA-Gastrokritiker Daniel Böniger hier seine ganz persönliche Zubereitungsart. Einmal im Jahr serviert er diesen Glühwein seinen Freunden, wenn sie gemeinsam in den Bergen Silvester feiern und frierend im Freien stehen. Zubereitet ist er schnell: Alle Zutaten mischen und langsam aufwärmen. Achtung: Der Wein darf nicht kochen, sonst verflüchtigt sich der Alkohol. Den Glühwein stets etwas umrühren und probieren. So schmeckt man sofort, ob ein Gewürz zu dominant ist. Ist das der Fall, sollte man es sofort herausfischen. Bei rund 60 Grad servieren. (meg)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.12.2015, 23:34 Uhr

Usteristrasse

Klebriges Agglo-Benzin

Für den Stand des Glühwein-Hüsli, ein Gebastel aus goldener Glitzerfolie, sprechen die ausgesprochen freundliche Bedienung und die kurze Schlange beim Anstehen. Das zieht Bürolisten aus der Agglomeration an, die sich hier noch rasch zum Feierabendglühwein treffen. Kitschiges Weihnachtsambiente sucht man vergeblich. Der Stand steht gleich neben dem hell erleuchteten McDonald’s-Eingang, aus den Boxen klatscht ein Eurodance-Beat, ab und zu quietscht ein Tram Richtung Bahnhofstrasse vorbei. Und der Glühwein? So süss, dass die Zunge am Gaumen klebt. Aber immerhin selbst gemacht. (mir)

Preis pro Becher: 5 Franken, Stand an der Usteristrasse, gleich neben dem McDonald’s.

3 Punkte

Sechseläutenplatz

Wein aus schönen Bechern

Im Wienachtsdorf auf dem Sechseläutenplatz trifft sich derzeit «tout Zurich». Der Markt – inklusive Eisfeld, gedimmter Lichterketten und echter Schäfchen – ist Event-Management vom Feinsten. Schöne Menschen trinken aus schönen Bechern Wein, der schmeckt wie – nun ja, warmer Wein. Der Anbieter, die Zürcher Weinfirma Smith?&?Smith, verzichtet nämlich auf Zucker und würzt nur dezent. Das ist zwar gut für die Linie, aber schade für das weihnächtliche Empfinden. (mir)

Preis pro Becher: 6.50 Franken, verschiedene Stände im Wienachtsdorf am Sechseläutenplatz.

4 Punkte

Werdmühleplatz

Der Testsieger aus der Grossküche

Hier schmeckt der Glühwein am besten. Er ist dunkelrot, nicht zu süss, beim ersten Schluck ein wenig sauer, sonst kräftig. Es lohnt sich, eigens für einen Becher den kleinen Weihnachtsmarkt auf dem Werdmühleplatz zu besuchen. Organisator Beat Seeberger lässt den warmen Wein in der Grossküche des Epilepsie-Zentrums in Zürich brauen. Er sagt stolz, dass er mit dem Erlös den Singing Christmas Tree finanziere, der 80'000 Franken koste. Auf diesem stehen Abend für Abend Kinder- und Schulchöre und singen Weihnachtslieder. Überhaupt ist hier die Stimmung mit Musik, Knusperhäuschen und Racletteduft am weihnachtlichsten. Überraschend: Man hört viele Sprachen, Englisch, Spanisch, Österreicher Dialekt. (meg)

Preis pro Becher: 6 Franken, Weihnachtsmarkt Werdmühleplatz beim Singing Christmas Tree.

5 Punkte

Hauptbahnhof

Unspektakuläres Massenprodukt

Der Glühwein aus dem roten Papierbecher riecht beissend. Er schmeckt süffig, süss, ist etwas wässrig. Kurz gesagt: unspektakulär. Dieser Wein wird als Massenware in Deutschland produziert, in die Schweiz transportiert und an verschiedenen Weihnachtsmärkten ausgeschenkt. Mit fünf Franken pro Becher gehört er zu den günstigsten Glühweinen. Extra an den Hauptbahnhof reisen muss man dafür nicht, höchstens, um den Swarovski-Baum daneben zu bewundern. Die Stimmung ist flau. Denselben Glühwein wie im Hauptbahnhof schenkt übrigens auch die Pyramide am Stadelhofen aus. (meg)

Preis pro Becher: 5 Franken, verschiedene Stände am Christkindlimarkt im HB, Teststand von den Gleisen aus gesehen rechts neben dem Swarovski-Baum.

2 Punkte

Niederdorf

Gebraut neben dem Stüssihof

Shaban Semsedini verkauft kleinere Mengen als die anderen Glühweinstände an den Hotspots in der Stadt. An einem wirklich guten Samstag schenke er 300 Liter aus, sagt er. Seinen Wein erhitzt er im Niederdorf hinter dem Weihnachtshäuschen neben dem Stüssihof – jeden Tag frisch. Man schmeckt, dass es kein Massenprodukt sein kann. Semsedinis Glühwein ist zwar etwas süss, dafür erkennt man darin die Orange und den Zimt. Vor seinem Stand hat es deutlich weniger Leute als am Sechseläutenplatz, am späteren Abend fehlt die Menschenschlange. (meg)

Preis pro Becher: 5 Franken, Châlet Migraine, beim Stüssihof, Niederdorf.

3 Punkte

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