Hintergrund

Ausländische Fachkräfte werden in Zürich sesshaft

Hoch qualifizierte Einwanderer bleiben immer länger im Kanton. Viele wollen nicht weiter in einer englischsprachigen Parallelgesellschaft leben – sie lernen Deutsch und bürgern sich ein.

Gymi für Expats: Zurich International School in Adliswil.

Gymi für Expats: Zurich International School in Adliswil. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Patrick Muller kommt eiligen Schrittes. Den dunklen Mercedes hat er neben den Gartentischen des Terrasse beim Bellevue parkiert. Viel Zeit habe er nicht, sagt Muller. In einer halben Stunde müsse er wieder in seinem Büro in der Enge sein. Der 35-Jährige arbeitet für eine Consultingfirma. Sein Handy piepst ununterbrochen, bis er es nach zehn Minuten abstellt. Muller hat seine Heimatstadt New York vor Jahren verlassen. Nach Stationen auf der Isle of Man, in London, Mailand und Frankfurt ist er nach Zürich gekommen.

Auf den ersten Blick lebt er die typische Biografie eines Expat: hoch qualifiziert und gut verdienend, nirgends und überall zu Hause, immer auf dem Sprung. Doch Muller entspricht nicht mehr dem Klischee eines globalen Arbeitsnomaden, der nach zwei, drei Jahren wieder loszieht. Fünf Jahre lebt er schon in Zürich. «Ich habe studiert, gearbeitet und meinen Horizont erweitert», sagt er. Jetzt sei es an der Zeit, Wurzeln zu schlagen. Muller will in Zürich bleiben, allenfalls gar ein Leben lang. Im August wird er seine Freundin, eine Schweizerin, heiraten.

Aufenthaltsdauer steigt

Muller ist kein Einzelfall. Der Politgeograf Michael Hermann hat in einer Untersuchung herausgefunden, dass die Aufenthaltsdauer der gut ausgebildeten Einwanderer aus Deutschland, Skandinavien, England, Indien und den USA im Kanton Zürich seit Jahren steigt (siehe Grafik): 2000 verliessen mehr als 4 von 10 das Land spätestens nach 10 Jahren. Ein Jahrzehnt später zog nicht einmal mehr jeder Dritte wieder weg. Im gleichen Zeitraum liessen sich auch mehr Menschen einbürgern – vor allem Deutsche. Seit 2007 erlaubt Deutschland die doppelte Staatsbürgerschaft.

Unter Integrationsfachleuten, Headhuntern und Firmenchefs gilt die Faustregel: Nach zwei bis drei Jahren entscheidet sich, wer bleibt und wer geht. Und wer fünf Jahre und mehr in der Schweiz arbeitet, wird ziemlich sicher ganz sesshaft. 110'000 gut und sehr gut Ausgebildete aus den genannten Staaten leben derzeit im Kanton Zürich.

Integration in die Gegenrichtung

Der Politgeograf Hermann beobachtet, dass sich Expats auch immer wohler fühlen. Noch in den 90er-Jahren kamen sich viele verloren vor. Fast jeder konnte eine Geschichte erzählen von falsch deponiertem Altglas, Rasenmähen am Sonntag oder Problemen in der Waschküche. Noch heute kommt es vor, dass man als Ausländer beim Überqueren der Strasse ermahnt wird. Trotzdem ist ihr Alltag entspannter.

Das hat vor allem mit der Sprache zu tun. Englisch wird wie selbstverständlich geredet: im Büro, im Zug, in der Kantine, auf der Strasse. Die Schweizer passen sich an und sprechen mit ihren anglofonen Kollegen reflexartig Englisch. «Wahrscheinlich wollen sie nicht als Provinzler gelten», sagt Hermann. Zürich sei durch die Einbindung in die globale Wirtschaft ein Teil von London, New York und Singapur geworden. Oder, wie es Hermann nennt: «Das ist Integration in die andere Richtung.»

Englisch ist vor allem in den Jahren 2007 bis 2010 zum Normalfall geworden. Jährlich kamen damals rund 80'000 gut und sehr gut Ausgebildete in den Kanton. In dieser Zeit etablierten sich auch Organisationen, die Expats zusammenbringen. Patrick Muller avancierte bei Internations zum Botschafter und Local Scout, sodass er heute Anlässe an den besten Adressen der Stadt organisiert: eine Weindegustation im Metropol, einen Opernbesuch, eine Theateraufführung auf Englisch. Dank Internations besitzt er 600 Kontakte, aufgeteilt auf 50 Nationalitäten.

Seit er seine zukünftige Frau kennen gelernt hat, kommt Muller auch mit Schweizern in Kontakt. Doch er kenne viele Expats, die in einer ausschliesslich Englisch sprechenden Community lebten. Das Forschungszentrum der IBM in Rüschlikon sei ein solches Beispiel: Im Alltag merkt man dort gar nicht, dass man in der Schweiz ist. Es beschäftigt Wissenschafter aus über 45 Ländern. Englisch ist Standard auf der Anlage.

Cocktailparty statt Kirche

«Es gibt die Gefahr, dass Parallelgesellschaften entstehen», sagt die Zürcher Integrationsbeauftragte Julia Morais. Obwohl bildungs- und lohnmässig völlig unterschiedlich, hat sie Gemeinsamkeiten festgestellt zwischen den italienischen Immigranten der 60er-Jahre und den heute hoch Qualifizierten: Damals wie heute gingen viele davon aus, nur kurz in der Schweiz zu arbeiten. Dadurch blieben viele unter sich: Die Italiener organisierten sich im Umfeld der Kirche und eigener Gewerkschaften, die Expats treffen sich an Cocktailpartys.

Eine geschlossene Gesellschaft, die mit dem Land, in dem sie lebt, kaum in Kontakt tritt, gibt es vor allem im Umfeld von internationalen Schulen. Die Zurich International School hat inzwischen Standorte in Kilchberg, Wädenswil, Adliswil und Baden. Auch die Swiss International School (SIS) wächst und expandiert. Eine neue Einrichtung entsteht derzeit in Zug. Der Grund: Mobile Eltern verlangen für ihre Kinder einen internationalen Lehrplan. An der SIS absolvieren sie das International Baccalaureate – ein gutes Diplom, falls die Eltern weiterziehen.

Im Wettbewerb um die Expat-Kinder bieten auch staatliche Schulen das Diplom an: zum Beispiel das Gymnasium am Münsterplatz in Basel. Dort ist mittlerweile jeder dritte Gymnasiast ein Expat-Kind. Die Zürcher Integrationsbeauftragte Morais sieht das mit Skepsis: Das spezifische Angebot für Expats würde die Integration erschweren. Besser sei es, die zweisprachige Matura in Englisch und Deutsch anzubieten wie im Kanton Zürich. Die Bildungsdirektion plant zudem, zusätzliche Kantonsschulen in Uster und am linken Seeufer. Sie rechnet mit steigenden Schülerzahlen – gerade wegen der Kinder von Expats.

Deutschkurse sind beliebt

Ein Indiz dafür, dass die Immigranten länger bleiben wollen, ist die wachsende Nachfrage nach Deutschkursen. Gemäss einer Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften besucht die Mehrheit von ihnen, auch weniger gut Qualifizierte, einen Deutschkurs. Besonders motiviert sind die Englischsprechenden: Nach fünf Jahren in der Schweiz haben 21 von 25 Deutsch gelernt.

Die Integrationsbeauftragte Morais wünscht sich von den Schweizern, dass sie sich gegenüber den neuen Einwanderern stärker öffnen. So wie der Deutschlehrer Christian Langenegger, der in einer ehemaligen Hündelerbeiz auf der Allmend am Zürcher Stadtrand einen Stammtisch initiiert hat. Jeden Donnerstag treffen sich dort 20 Expats, um in ungezwungenem Rahmen Deutsch zu reden – und sich ihre Anglizismen abzugewöhnen: «Ein anderes Bier, bitte» wird augenblicklich in «Könnte ich noch ein Bier haben?» korrigiert.

Viele Expats wollten sich integrieren, sagt Expertin Morais. Dass sie länger bleiben, stellt sie auch anhand der Fragen fest, mit denen die Fachstelle konfrontiert wird: Es geht um Einbürgerung, Schule, Sprachkurse, Scheidung und Vereine – also um Dinge, für die sich interessiert, wer sesshaft werden möchte.

Der Consultant Patrick Muller hat in der Zwischenzeit das Bürgerrecht beantragt – und sich ein Hobby zugelegt, das ihn bereits zu einem typischen Schweizer macht: Er wandert regelmässig. Dabei hat er im Zürcher Oberland auch seine zukünftige Frau kennen gelernt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2013, 06:30 Uhr

Zu- und Abwandeung im Kanton Zürich. (Für Detailansicht auf Bild klicken)

Artikel zum Thema

Qualifizierte Life-Sciences-Fachkräfte

Tiefenhirnstimulation, Pharmakokinetik oder Biochemie – was für viele exotisch klingt, ist für Life-Sciences-Spezialisten tägliches Brot. Sie entwickeln neue diagnostische Methoden und helfen mit, Medikamente und medizinaltechnische Produkte herzustellen und einzuführen. Deren umweltgerechte Herstellung ist ein weiterer Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Mehr...

«Hoch qualifizierte Ausländer gehen wieder, die Problemfälle bleiben»

Die Sesshaftigkeit von Zuwanderern nimmt mit steigendem Bildungsstand ab, sagt der Ökonom George Sheldon am Europa-Forum. Er fordert daher neue ausländerpolitische Steuerungsinstrumente. Mehr...

So will Schneider-Ammann den Mangel an Fachkräften abwenden

Der Wirtschaftsminister hat einen Bericht über die Lage am Arbeitsmarkt vorgestellt. Er fordert Massnahmen in sieben Bereichen, damit der Schweiz nicht die qualifizierten Arbeitskräfte ausgehen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

TA Marktplatz

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ein Ohrenschmaus: Das Glastonbury-Festival mit über 100'000 Besuchern, ging heute nach fünf Tagen zu Ende.Ein Zuhörer beim Verlassen des Geländes (26. Juni 2017). Revellers and detritus are seen near the Pyramid Stage at Worthy Farm in Somerset during the Glastonbury Festival in Britain, June 26, 2017. REUTERS/Dylan Martinez
(Bild: Dylan Martinez) Mehr...