Der Scheindoktor

Der Informatik-Direktor des Zürcher Unispitals tritt ab und legt seinen Doktortitel nieder. Er hat sich seinen Abschluss bei einer amerikanischen «Titelmühle» besorgt.

Der Eingangsbereich des Unispitals Zürich, wo der IT-Spezialist mit dem gekauften Doktortitel es bis zum Direktor schaffte. Foto: Sabina Bobst

Der Eingangsbereich des Unispitals Zürich, wo der IT-Spezialist mit dem gekauften Doktortitel es bis zum Direktor schaffte. Foto: Sabina Bobst

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Zürich – Manchmal macht ein einziger Buchstabe den ganzen Unterschied. Als Dr. Jürgen Müller am Zürcher Unispital seinen Job als Direktor antritt, schreibt das Spital, Müller habe einen Abschluss an der «UC Berkeley» gemacht. «UC» steht für «University of California». Die Eliteschmiede gehört weltweit zu den besten Hochschulen, 22 Nobelpreisträger haben auf ihrem Campus geforscht.

Das US-Doktor-Diplom Müllers liegt dem TA vor. Im Dokument fehlt an entscheidender Stelle ein e: Der Abschluss aus dem Jahr 2004 wurde nicht von der UC Berkeley ausgestellt, sondern von einer «University of Berkley», gegründet in Berkley, Michigan. Das ist ein Vorort von Detroit, 3340 Kilometer vom Campus der UC Berkeley entfernt. IT-Spezialist Müller ist seit 2008 am Unispital. Rita Ziegler, Vorsitzende der Direktion, hat ihn geholt. Er soll die Informatik auf Vordermann bringen. Weil er seinen Job gut macht, wird er zum Direktor für Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) ad interim befördert. Per 1. September 2009 verschwindet der Temporärzusatz. Damit ist der 49-jährige Deutsche Herr über 129 Vollzeitstellen und ein Budget von 47 Millionen Franken.

Bis zu 12'500 falsche Diplome

Die «University of Berkley» entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Scheingebilde, das vom klingenden Namen der UC Berkeley profitieren will. Dahinter steckt ein Amerikaner namens Dennis Globosky, der wegen dieses Schwindels bereits ein Verfahren im Bundesstaat Pennsylvania am Hals hatte, von wo aus er sein Geschäft betrieb. 2005 warf ihm der Generalstaatsanwalt von Pennsylvania vor, bis zu 12 500 falsche Diplome und Titel verkauft zu haben und damit 34 Millionen Dollar Umsatz gemacht zu haben.

Die echte UC Berkeley versuchte mehrmals, sich gegen die Aktivitäten der falschen Uni zu wehren, allerdings erfolglos, wie die «Los Angeles Times» schrieb. Globosky wurde schliesslich zu einer Strafzahlung von 75'000 Dollar verpflichtet und musste versprechen, mit Bürgern des Bundesstaats Pennsylvania nie wieder Geschäfte zu machen.

Im Internet ist die University of Berkley als «Degree Mill» bekannt, als «Titelmühle», bei der man sich ohne grossen Aufwand einen Titel kaufen kann. Zahlreiche Konsumenten-Webseiten warnen, dass ein an dieser «Uni» erworbener Titel in der Praxis unnütz ist. In einigen Bundesstaaten ist es gar strafbar, den Titel zu führen, zum Beispiel in Texas.

Die Webseite «University of Berkley» ist entlarvend. Die Hochschule wirbt damit, dass ein Student in zwei Wochen zum Titel kommen kann: «Es kann sein, dass Sie Ihren Abschluss bereits haben, ohne es zu wissen!» Lebenserfahrung, Hobbys und selbst das Ausfüllen der Steuererklärung lassen sich an die Ausbildung anrechnen. Ein Doktortitel ist für 3895 Dollar zu haben.

Keine Qualitätskontrolle

Gemäss Auskunft der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten ist die University of Berkley in den USA nicht von einer vom Council for Higher Education Accreditation anerkannten Organisation akkreditiert. Die University of Berkley unterliegt deshalb keiner Qualitätskontrolle, und der akademische Wert eines Abschlusses dieser Hochschule ist «zweifelhaft».

Der Auszug aus einer offiziellen US-Studienabgänger-Datenbank zeigt: Müller war vom 1. August 1997 bis zum 1. Mai 1998 an der «echten» UC Berkeley eingeschrieben. Aber: «No Degree – Enrollment Only» spuckt die Datenbank aus. Kein Abschluss, nur Einschreibung. Als der TA Müller und das Unispital mit diesen Fakten konfrontiert, lautet die Antwort: Jürgen Müller werde seinen Doktortitel per sofort niederlegen und das Unispital per Ende November verlassen. Auf eigenen Wunsch.

Aus einer schriftlichen Stellungnahme Müllers geht hervor. dass er seine Doktorarbeit nicht in den USA, sondern in Deutschland geschrieben hat. Zuerst als Assistent an der Uni Passau, danach drei Jahre lang nebenberuflich. Um die Arbeit abzuschliessen, hätte er seinen Job für ein Jahr unterbrechen müssen, «was mir nicht möglich war». Deshalb habe er «auf Hinweis und Empfehlung» seine Doktorarbeit an der University of Berkley zur Anerkennung vorgelegt. Er habe rund 3000 Dollar für Gebühren und Übersetzung bezahlt und dafür den «Doctor of Science» erhalten. Müller will nicht gewusst haben, dass er seine Arbeit bei einer «Titelmühle» eingereicht hatte. Er schreibt: «Ich bedaure, dass ich es an der notwendigen Sorgfalt bei der Auswahl der Universität zur Erlangung und bei der Führung des Titels habe missen lassen. Ich entschuldige mich beim USZ und allen Mitarbeitenden für die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden sind.»

Für weitere Fragen steht Müller nicht zur Verfügung. So bleibt ungeklärt, wer an der Schein-Uni seine Doktorarbeit betreut, korrigiert oder bewertet haben soll. Hinweise auf eine Publikation des Texts sind nicht zu finden. Ebenso bleibt offen, wie es möglich sein soll, eine Arbeit mit dem hochspezifischen Thema «Sequenzialisierungsstrategien zur optimalen Ablaufplanung von medizinischen Prozessen in Rehabilitationskliniken» ohne weiteres von einer Hochschule an eine andere zu verpflanzen.

Müllers Doktorvater an der Universität Passau ist inzwischen emeritiert. Mathematikprofessor Klaus Donner erinnert sich aber: «Jürgen Müller war wissenschaftlicher Mitarbeiter bei mir.» Donner weiss nichts von Müllers Promotion in den USA. Als dieser die Uni Passau verlassen habe, sei seine Doktorarbeit ungefähr zu einem Viertel fertig gewesen. «Ich konnte ihn nicht weiter anstellen, da die Reha-Klinik, an der sein Projekt angesiedelt war, in Konkurs ging.» Müller hätte seine Promotion bei ihm fortsetzen können, aber darauf verzichtete dieser. Donner sagt, es sei bei einvernehmlicher Trennung «nicht üblich», das Betreuungsangebot zu ignorieren und diesem gegenüber Informationen über eine eingereichte Dissertation vorzuenthalten.

Das Unispital merkte nichts

Peter Hasler, Präsident des Spitalrats, schweigt zum Fall. Ebenso Spitalchefin Rita Ziegler. In einer Erklärung des Spitals heisst es, intern sei klar gewesen, dass Müller nicht an der Eliteuni UC Berkeley promoviert habe. Im Lebenslauf sei die University of Berkley korrekt angegeben. Als der Spitalrat Müller zum Direktor ernannte, habe aber der Verfasser des Communiqués die beiden Hochschulen verwechselt und geschrieben, dass Müller einen Abschluss der «UC Berkeley» besitze. Ein solcher Irrtum unterlief auch Jürgen Müller selbst: Auf seinem (inzwischen korrigierten) Profil der Plattform Xing gab er an, an der «UC Berkley» promoviert zu haben – ein Mix aus echter und falscher Uni.

Dass die University of Berkley eine «Titelmühle» ist, bemerkte das Unispital nicht. Es prüft Doktortitel laut Stellungnahme nur bei jenen Angestellten, für deren Job ein Abschluss obligatorisch ist. Also namentlich bei Ärzten. Bei Müller gab es keinen Check. Nun bedauert das Spital, dass «diese Umstände» zu Müllers Abgang führten. Fachlich habe er immer überzeugt – er habe seine Direktion «mit strategischem Weitblick» und «hohen Fachkenntnissen» geleitet.

Müllers gekaufter Titel hätte schon früher auffliegen können. Dem TA liegen E-Mails eines Whistleblowers vor, der mit dem Fall vertraut ist. Darin prangerte er den Titelkauf bereits im März 2013 an. Die Mails sollten an Rita Ziegler gehen, Müllers direkte Vorgesetzte. Sie kamen aber laut Unispital-Sprecher Gregor Lüthy nie an, weil Müller den nicht am Spital tätigen Whistleblower auf eine Blockierliste gesetzt hatte. Deshalb konnte dieser von seinen externen Adressen aus keine Nachrichten mehr ans Spital senden. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.08.2013, 06:22 Uhr)

In der Schweiz nicht geschützt

In der Schweiz kann sich jeder Doktor nennen – im Gegensatz zu Deutschland. «Der Titel ‹Dr.› ohne irgendwelche Zusätze ist grundsätzlich nicht geschützt», sagt Christina Baumann vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation in Bern. Das Führen eines falschen Titels allein ist deshalb auch nicht strafbar. «Anders ist es, wenn ein falscher Titel gegenüber einem Kunden oder Arbeitgeber benutzt wird, um diesen zu täuschen», sagt Baumann. Dann stehen Straftatbestände im Raum, zum Beispiel Betrug. Im Fall Müller plant das Unispital allerdings keine Strafanzeige.

Ohne Studium Organe transplantiert

196 Operationen, darunter Organtransplantationen, führte der Assistenzarzt durch. Zusätzlich begleitete er Notfalleinsätze im Helikopter. Unter Kollegen im deutschen Erlangen galt der 29-Jährige als Wunderkind, bis ihn ein anonymer Tipp entlarvte: Das Arztdiplom aus Oxford war gefälscht. Die Nachwuchshoffnung entpuppte sich als Bankkaufmann, der sich in der Freizeit und im Zivildienst medizinische Kenntnisse angeeignet hatte. Ein Gericht verurteilte ihn 2009 zu dreieinhalb Jahren Gefängnis.

Die Medizin wirkt besonders anziehend für Menschen, die sich mit erfundenen Titeln hochmogeln. Der jüngste Schweizer Fall betrifft eine Kaderfrau der Psychiatrischen Dienste Bern, die ihren Ärztin- und Professorin-Titel fälschte. Im Berner Oberland flog 2006 ein selbsternannter Rettungssanitäter auf, weil er unfähig war, einen Knaben zu intubieren. In Basel wurde 2002 ein Mann ohne Arztausbildung ertappt, der Hunderte von Drogensüchtigen behandelt hatte. Mehrere Eingriffe sollen zum Tod der Patienten geführt haben.

Nationalrätin: Titel aberkannt

Die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann darf den Titel «Dr. med» in der Schweiz nicht verwenden, was sie bis 2012 tat. Estermann studierte in der Slowakei, wo sie das Medizinstudium ohne Forschungsarbeit abschloss. Erst eine solche berechtigt zum «Dr. med».

Berühmt ist der Fall des deutschen Postboten Gert Postel, der als Psychiatrie-Oberarzt Gutachten verfertigte und Vorträge hielt. Niemand schöpfte Verdacht. Nur weil ihn eine Mitarbeiterin erkannte, scheiterte er 1997.

Auch ausserhalb der Medizin wird geschummelt: 2001 wurde an der Uni Zürich eine Dozentin für Psychopathologie überführt, die sich Privatdozentin nannte, ohne die dafür notwendige Habilitation verfasst zu haben.

Unlauterer Wettbewerb dank unzutreffenden Titeln wird in der Schweiz mit einer Busse oder mit Gefängnis von bis zu drei Jahren bestraft. In den Gerichtsverfahren gegen Titelschwindler wird als Motiv oft ein «ausgeprägtes Geltungsbedürfnis» aufgeführt. Einige Betrüger wie der Erlanger Arzt oder Gert Postel schreiben sich politische Motive zu. Postel sagte: Seine Geschichte beweise, dass anerkannte Titel nicht mehr seien als heisse Luft.

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