Der grosse Unbekannte

Martin Abele von den Grünen ist der neue Gemeinderatspräsident und damit der höchste Zürcher. Der Fast-Zweimetermann wirkte bislang eher im Hintergrund – jetzt freut er sich auf das Rampenlicht.

Martin Abele vor seinem Büro beim Schaffhauserplatz.

Martin Abele vor seinem Büro beim Schaffhauserplatz. Bild: Dominique Meienberg

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Sein Amtsjahr begann mit einem Skandälchen. Martin Abele, der heute Abend zum Gemeinderatspräsidenten gewählt wird, lud die Bevölkerung zum traditionellen Umtrunk auf die Rathausbrücke ein – und nicht, wie sonst üblich, an seinen politischen Wohnsitz nach Wiedikon. «Unverständlich», fand der Quartierverein. Dabei passt der Entscheid zu Abele, der sich selbst als «Grenzgänger» bezeichnet: «Ich bin nirgends wirklich verwurzelt und fühle mich stets da zu Hause, wo ich gerade wohne.» Seit fünf Jahren ist das eine Dreier-WG beim HB. Vorher lebte er 17 Jahre in Wiedikon, ehe sein Haus einem Neubau weichen musste.

Aufgewachsen ist Martin Abele, ausgesprochen mit langem A, im Berner Seeland. Nach der Matura am Gymnasium Biel arbeitete er als «Bursch» einige Monate auf dem Bauernhof, half bei der Kirschenernte und mistete – als Konfessionsloser – auch sonntags. Nach einem Sprachaufenthalt in Spanien bestritt er eine Saison im Clubhotel, wo er Touristen zu Morgengymnastik und Spielen ohne Grenzen am Pool animierte. Beide Erfahrungen seien für ihn wertvoll gewesen. Das Leben auf dem Hof lehrte ihn, dass er im wahrsten Sinne des Wortes nicht für seinen Traumberuf Bauer geboren war. Als Animateur konnte er seine extrovertierte Seite ausleben. Eine Seite, die ihm als «höchster Zürcher» zugutekommen wird. Er freue sich auf die repräsentativen Pflichten, sagt der 1,92-Meter-Mann, der sich mit Ausdauersport fit hält, blonde Mèches trägt und bei besonderen Gelegenheiten zum Digestif gerne mal einen Zigarillo pafft.

Seit 19 Jahren glücklich liiert

1990 kam Martin Abele nach Zürich, um Soziologie, Sinologie und Japanologie zu studieren. Als Vorstandsmitglied bei Pink Cross engagierte er sich in der Schwulenpolitik und setzte sich auf nationaler Ebene für die Rechte gleichgeschlechtlicher Paare ein. Abele selbst ist seit 19 Jahren glücklich liiert. Sein Partner lebt in Luzern, die beiden führen eine Wochenendbeziehung. Heirat, sagt Abele, sei kein Thema: «Wir wissen, dass wir zusammengehören, da braucht es keinen Trauschein, der das besiegelt.»

Nach Jahren als Präsident der Stadtzürcher Grünen wurde Abele 2006 in den Gemeinderat gewählt. Dort trat er bislang nicht als Politiker auf, der den parlamentarischen Schlagabtausch sucht und geniesst. Das mag damit zusammenhängen, dass er die ersten vier Jahre als Mitglied der Geschäftsprüfungskommission bestritt und seit 2010 als Vertreter der Grünen im Büro den Ratsbetrieb organisiert. Beiden Ämtern fehlt das Rampenlicht.

Eine Umfrage bei Ratskollegen fällt denn auch schwierig aus. Kaum jemand mag sich äussern über den – so scheint es – unbekannten Kollegen. Dass Abele in der Vergangenheit selten im Fokus stand, sei fürs Amt des Ratspräsidenten aber nicht unbedingt ein Nachteil, findet SP-Fraktionschefin Min Li Marti: «Auf den Bock gehören keine Rampensäue und Scharfmacher.» Es brauche dafür jemanden mit der Fähigkeit, mit allen auszukommen, mit einem Sinn für Abläufe und Formales. Auch Martis Gegenspieler im Parlament, SVP-Fraktionschef Mauro Tuena, sagt, er kenne Abele kaum. «Ich weiss nur, dass er definitiv grün ist, was ich natürlich bedaure.»

Martin Abeles Politik gründet auf dem Dreisäulenmodell der Nachhaltigkeit: Ökologie, Soziales und Wirtschaft. Er kämpfte (und unterlag) als Junger gegen die N5 zwischen Biel und Solothurn und macht sich seit jeher für den Atomausstieg und ein besseres Velonetz in Zürich stark. Privat fährt er kein Auto, bereist Europa im Zug und sagt von sich, dass er zwar noch nicht ganz 2000-Wattkonform lebe, jedoch ein reines Gewissen habe. Als grössten Erfolg in der Lokalpolitk bezeichnet Abele den reduzierten Winterdienst, welcher auf einen seiner Vorstösse zustande kam.

Als Mitglied der Geschäftsleitung des Markt- und Sozialforschungsbetriebs GFS Zürich steht Martin Abele in ständigem Kontakt mit der Privatwirtschaft. Diese sei wichtig für den Wohlstand. Sorge bereitet ihm hingegen der «extreme Verdrängungswettbewerb» in Zürich. Der Platz für all jene, die hier arbeiten, kreativ sein oder wohnen wollten, werde immer knapper. Wer sich da nicht wehren könne, falle durch die Maschen. Radikale Lösungen, wie sie die EcopopInitiative vorschlägt, seien aber ein «komplett falscher Ansatz», so Abele. Für Hausbesetzungen, wie sie derzeit etwa in einer Liegenschaft in Altstetten stattfinden, zeigt er Verständnis. Er betrachtet sie als «Aufruf, nicht mit Immobilien zu spekulieren». Zur Binz hat er aber ein ambivalentes Verhältnis. Lange Zeit sei es ein gutes Projekt gewesen, nun hätten die Besetzer viele Sympathien verspielt: «Dass sich die Bewohner nie von den Randalen im März distanziert haben, ist ein grosser Fehler.»

Ufert es aus, greift er ein

In seinem Amtsjahr will Martin Abele nicht als «Chef» auftreten. Er strebt jedoch eine «konsequente Ratsleitung» an, bei der die Debatte den nötigen Raum bekommt. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Albert Leiser (FDP) ist es nicht sein Ziel, die Traktandenliste möglichst schnell abzuarbeiten. «Wenn die Diskussion ausufert, werde auch ich die Rednerliste schliessen.» Er freue sich auf die Herausforderung und wolle dereinst als sympathischer Ratspräsident in die Geschichte eingehen. Und danach? Reizt ihn die Exekutive, der Stadtrat? Martin Abele, der im Oktober 50 Jahre alt wird, schüttelt den Kopf. Er suche keinen 150-Prozent-Job. «Ich will Zeit für mich und meinen Partner haben.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2013, 09:59 Uhr

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