Die Klinik Hirslanden schickt Patienten weiter

Ein allgemein versicherter Notfallpatient kritisiert die Zürcher Privatklinik, weil sie ihn nicht operiert, sondern ins Spital Zollikerberg überwiesen hat. Hirslanden erklärt den Fall mit Kapazitätsengpässen.

Nur elf Notfallbetten hatte die Klinik Hirslanden bisher – nun wird die Zahl verdoppelt.

Nur elf Notfallbetten hatte die Klinik Hirslanden bisher – nun wird die Zahl verdoppelt. Bild: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr P. ist empört. Er fühlt sich von der Privatklinik Hirslanden schlecht behandelt, weil diese ihn für eine dringende Operation in ein öffentliches Spital weiterschickte. Herr P. hat sich deshalb an die Patientenstelle gewandt. Diese vermutet eine Verletzung der Aufnahmepflicht, welche die Klinik hat, seit sie auf der Zürcher Spitalliste ist. Unter dem Titel «allgemein versichert = abgeschoben» macht sie den Fall in ihrem neusten Bulletin öffentlich.

Herr P. war wegen starker Schmerzen am After zum Arzt gegangen. Dieser diagnostizierte einen akuten Abszess und meldete den Patienten für eine Ultraschalluntersuchung im Notfall der Klinik Hirslanden an. Gegen Mittag traf Herr P. dort ein. Vor Schmerz konnte er nicht mehr sitzen, und er hatte Fieber. Nach zwei Stunden Warten wurde er endlich in eine Kabine geführt und erhielt eine Infusion. Nach weiteren zwei Stunden untersuchte ein Spezialist schliesslich seinen Darm.

Der Facharzt war «sehr nett» und «verständnisvoll», heisst es im Bericht der Patientenstelle. Er sagte dem Kranken, dass er sofort operiert werden soll. Herr P. wurde in die Kabine zurückgebracht. Kurze Zeit später kam eine Ärztin und teilte ihm mit, dass er als Allgemeinversicherter nicht im Hirslanden operiert werden könne. Laut Patientenstelle mit der Begründung, sämtliche dafür vorgesehenen Betten seien besetzt. Er könne sich im nahe gelegenen Spital Zollikerberg behandeln lassen, beschied man dem Patienten, er sei dort angemeldet. Am gleichen Abend wurde Herr P. im Zollikerberg operiert.

Konkurrenz ist misstrauisch

Herr P. findet das Verhalten der Klinik Hirslanden ungeheuerlich. Er kritisiert eine Zweiklassenmedizin. Zu Recht?

Die Privatklinik hat in Spitalkreisen seit langem den Ruf einer Rosinenpickerin. Sie schiebe aufwendige, wenig lukrative Patienten gern an öffentliche Spitäler ab, namentlich ans Unispital, hört man immer wieder, ohne allerdings Belege für den Vorwurf zu erhalten. Vor diesem Hintergrund hat die Gesundheitsdirektion eine Meldestelle geschaffen, als sie die Klinik Hirslanden 2012 auf die Spitalliste aufnahm. Der Listenplatz bedeutet, dass die Klinik neu einen Kantonsbeitrag für all ihre Patientinnen und Patienten erhält. Im Gegenzug muss sie eine Reihe von Auflagen erfüllen; an erster Stelle ist sie verpflichtet, alle Patienten, unbesehen ihrer Versicherungsklasse, aufzunehmen.

Falls Personen vom Hirslanden abgewiesen oder sonst wie schlecht behandelt würden, könnten sie sich bei der Meldestelle beschweren. Wie eine Anfrage des TA ergab, haben dort zwar einzelne Patienten angerufen, ein Verstoss gegen die Aufnahmepflicht sei aber nicht festgestellt worden. Hansjörg Lehmann, Leiter Spitalplanung auf der Zürcher Gesundheitsdirektion, kennt keinen Fall eines Allgemeinpatienten, der abgewiesen wurde. Hingegen musste die Klinik Hirslanden in letzter Zeit öfters Notfallpatienten an andere Spitäler überweisen, weil ihre Kapazitätsgrenze in den Operationssälen oder auf den Bettenstationen erreicht war. Direktor Daniel Liedtke hat die Fälle gezählt: Von April bis Juli traf es 39 Patientinnen und Patienten. Davon waren 16 allgemein, 6 halbprivat und 17 privat versichert. Insgesamt wurden in den vier Monaten rund 3000 Notfallpatienten behandelt. Liedtke betont: «Auf unserem Notfall wird niemand aus versicherungstechnischen Gründen abgewiesen.»

Das Spital Zollikerberg bestätigt dies. Seit Anfang 2012 verzeichnete es im Schnitt monatlich vier bis fünf Einweisungen mit Absender Klinik Hirslanden. Rund die Hälfte davon seien Zusatzversicherte, sagt Zollikerberg-Direktorin Orsola Vettori. «Eine Triagierung mit Schwergewicht Grundversicherte ist nicht auszumachen.»

Eine andere Sache ist, wie die Privatklinik mit jenen Patienten umgeht, die für einen geplanten Eingriff kommen. Da macht sie durchaus Unterschiede zwischen den Versicherungsklassen. «Ein Allgemeinpatient wartet in der Regel länger», sagt Liedtke. Das sei aber auch in den öffentlichen Spitälern so. Wie viel länger? Was ist vertretbar? Das sei eine ethische Frage, meint Liedtke. Im Hirslanden müssten die Allgemeinpatienten in der Regel nicht mehr als doppelt so lang wie die Privatpatienten warten. Ein Monitoring stelle das sicher.

Die Vorteile der Privatpatienten

Zusatzversicherte haben noch andere Vorteile. So können sie ihren Arzt selber auswählen, und sie dürfen beim Operationstermin mitbestimmen. Man nimmt Rücksicht auf ihre geschäftlichen und privaten Termine. Für Hansjörg Lehmann von der Gesundheitsdirektion ist es gerechtfertigt, dass diejenigen, die mehr zahlen, auch mehr Wahlmöglichkeiten haben in jenem Bereich, der über die medizinische Notwendigkeit hinausgeht. «Aber nicht in Ordnung wäre es, wenn Allgemeinpatienten monatelang auf einen Eingriff warten müssten, während die Zusatzversicherten innert Tagen drankommen.» Lehmann sagt, die Klinik Hirslanden als solche sei sich der Problematik bewusst. «Allerdings scheinen sich einzelne Belegsärzte noch nicht auf die neue Ära des Nebeneinanders von Allgemein- und Privatpatienten eingestellt zu haben.»

Juni/Juli waren Krisenmonate

Der Anteil der Allgemeinversicherten unter den stationären Hirslanden-Patienten ist in den letzten Monaten stark gestiegen. 2012, im ersten Jahr als Listenspital, betrug er lediglich 11 Prozent. Dieses Jahr nun liegt er bisher bei durchschnittlich 15 Prozent, im Monat Juni sogar bei 20 Prozent. Noch mehr Allgemeinpatienten hat die neue Herzklinik, wie Liedtke sagt, nämlich deutlich mehr als 30 Prozent. Und auf der Notfallstation sind etwa die Hälfte der Patienten allgemein versichert.

Die Kapazitätsengpässe beim Operieren sind mit der Eröffnung des Enzenbühltraktes im Mai behoben worden. Bei den Betten wird es laut Liedtke Herbst. Aktuell stehen 276 Betten zur Verfügung, ab Oktober werden es 325 sein. Allgemeinpatienten werden auf einer separaten Station mit 52 Betten in Zweierzimmern untergebracht oder, wenn diese voll belegt sind, auf einer gemischten Abteilung zusammen mit Halbprivatpatienten. Ebenfalls in Ausbau ist die Notfallstation, ihre Kapazität wird von 11 auf 22 Plätze verdoppelt. Das sei dringend nötig, sagt Liedtke und gesteht: «Juni und Juli waren punkto Kapazitätsmanagement Krisenmonate.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.08.2013, 07:27 Uhr)

Artikel zum Thema

Das günstigste Zürcher Spital steht in Dielsdorf

Das preiswerteste Spital im Kanton kostet 8155 Franken pro stationären Patienten. Die teuerste Klinik kommt auf über 12'000 Franken. Dies ergibt ein Fallkostenvergleich der Gesundheitsdirektion. Mehr...

Spital baut für 165 Millionen

Mit einer Grossinvestition soll in Wetzikon das Spital mit neuen Ein- und Zweibettzimmern ausgestattet werden. Die entstehenden Kosten werden vollumfänglich von der Gesundheitsversorgung Zürcher Oberland getragen. Mehr...

Werde ich «blutig» aus dem Spital entlassen?

Seit Anfang Jahr sind die neue Spitalfinanzierung mit Fallpauschalen und die neue Zürcher Spitalliste in Kraft. Das muss man wissen, wenn eine Operation bevorsteht, man im Spital liegt oder bald wieder heimkehren darf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Vergleichsdienst

Mit unserem Vergleichsdienst finden Sie die geeignete Krankenkasse.
Jetzt vergleichen.

Marktplatz

Blogs

Outdoor Der Traum vom Fliegen
Mamablog Und was jetzt?
Sweet Home 5 Rezepte gegen Fernweh

Die Welt in Bildern

Trainieren ohne Schweiss: Basketballer Dwight Howard muss sich für ein Werbeshooting mit künstlichen Schweissperlen besprühen lassen. (29. September 2014)
(Bild: David J. Phillip) Mehr...