Die ü-Pünktli-Posse

Wie es kam, dass Felix Schaad und Claude Jaermann, die Väter des EVA-Comics, wegen eines T-Shirts und eines Computerfehlers zu Terrorverdächtigen wurden.

Alarm bei der Bank: Aus dem Südanflug wurde im Computer ein Sudan-Flug.

Alarm bei der Bank: Aus dem Südanflug wurde im Computer ein Sudan-Flug. Bild: PD

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Die folgende Geschichte, werte Leserinnen und Leser, entspricht vollumfänglich der Wahrheit. Dies wird hier deshalb so explizit betont, weil sie eigentlich viel zu beknackt ist, um wahr zu sein.

Item. Jedenfalls begann sie, wie die meisten absurden Storys beginnen – nämlich erschreckend harmlos. Konkret sassen Felix Schaad und Claude Jaermann – ihres Zeichens Zeichner und Texter des weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten und beliebten EVA-Comics – an einem lauwarmen Junimorgen im lauschigen Garten, schlürften Limetteneistee und dachten halblaut über künftige Abenteuer ihrer vollschlanken Heldin nach.

Die T-Shirts – ein Sommerhit

Plötzlich, erzählt Claude Jaermann im Gespräch, seien sie beide gleichzeitig von einem Sonnenstrahl an der Nasenspitze gekitzelt worden. Worauf sie sich komischerweise wiederum beide gleichzeitig am Riechorgan gerieben hätten – und zwar genau so, wie dies der kleine Wickie tat (das ist der clevere Bengel aus der 70er-Jahre-Fernsehserie «Wickie und die starken Männer»), wann immer er einen genialen Einfall, Fluchtplan etc. benötigte. Und wahrhaftig zeigte die Handbewegung auch bei den zwei Vätern von EVA Wirkung: Unversehens hatten sie den Geistesblitz, auf den Sommer hin ein Fan-Shirt auf den Markt zu bringen. Und da man sich im Zeitungscomic zu jenem Zeitpunkt ausführlich mit dem grenzenlosen Thema «Fliegen» (Drohnen, Südanflüge usw.) beschäftigte, wurde entschieden, als Sujet eine stilistisch einwandfrei fliegende EVA auf ein blaues Shirt zu drucken und dieses mit dem witzigen Titel «Südanflug» zu versehen.

Man habe beim Stoff und bei den Farben auf eine umweltfreundliche Produktion geachtet und eine Auflage von 600 Stück in Auftrag gegeben, sagt Schaad. Bestellen konnte man die adretten Shirts über Inserate, die im «Tages-Anzeiger» geschaltet wurden. Wer interessiert war, musste bloss einen Coupon ausschneiden und einsenden, die Bestellung ging direkt an den Vertrieb, mit dem die beiden seit Jahren eng zusammenarbeiten. Dieser ist unter anderem auch für den Versand der von Schaad und Jaermann im Eigenverlag veröffentlichten Bücher zuständig.

Weg wie Glaces

Die Aktion sei sofort gut angelaufen, berichtet Autor Jaermann, die Shirts fanden Anklang und gingen weg wie Glaces (warme Weggli passt hier nicht wirklich, schliesslich befinden wir uns in der Chronologie der Story gerade im Hochsommer). So weit, so gut. Doch die Erde drehte sich weiter, die Hitze ging, der Herbst kam, und als die Blätter vergilbten, bekam auch die Geschichte eine andere Tönung.

Im September nahmen Jaermann und Schaad mit dem Vertrieb Kontakt auf und baten dessen Buchhaltung, eine erste Tranche der T-Shirt-Einnahmen zu überweisen. Die Buchhaltung gab den Überweisungsauftrag mit dem Vermerk «Geld für T-Shirts Südanflug» an die Bank weiter, alles schien seinen Lauf zu nehmen. Schien, tat es aber nicht. Denn das computerisierte Zahlungsverkehrssystem der Bank konnte dummerweise keine ü-Pünktli darstellen – also wurde aus dem Wort «Südanflug» im Computer flugs das Wort «Sudanflug»! Der Sudan, das ist allseits bekannt, hat in den letzten Jahren eher den Terrorismus als den Tourismus forciert, zudem hat der internationale Strafgerichtshof gegen Sudans diktatorischen Machthaber Omar al-Bashir einen Haftbefehl erlassen wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen.

Realität torpediert Fiktion

Genau aus diesem Grund setzte die besagte Bank das Stichwort «Sudan» in ihrem Computer auf den Index – was bedeutet, dass alle geplanten Geldtransaktionen, die im Zusammenhang mit dem nordostafrikanischen Staat stehen, intern automatisch Alarm auslösen. Und so kam es, dass die bis dahin gänzlich unbescholtenen Herren Schaad und Jaermann von ihrem Vertrieb die höchst schockierende Nachricht erhielten, die Bank hege bei ihnen wegen dieses Sudanflug-Geldtransfers «Verdacht auf terroristische Aktivitäten».

Er könne sich nicht erinnern, wann er letztmals derart spontan habe losprusten müssen, sagt Jaermann: «Wir spielen im Comic ja gern mit dem Stilmittel des Absurden, doch in diesem Fall hat die Realität die Fiktion geradezu torperdiert. Auf eine solch brillant durchkomponierte Posse wären wir selber wahrscheinlich niemals gekommen.» Das «Problem» war dann nach ein paar Telefonaten behoben; der Geldbetrag wurde anstandslos überwiesen, der Terrorverdacht war vom Tisch – zumindest offiziell: «Ob unsere Namen nicht doch noch in einer NSA-Akte dunkelrot markiert sind, wissen wir natürlich nicht», sagt Felix Schaad und lacht.


Ein paar Dutzend der geschichtsträchtigen «Südanflug»-Shirts gibt es noch.
Sie kosten 45 Franken (Grössen: S, M, L, XL), bestellen kann man sie per Mail
an eva@tagesanzeiger.ch oder über die Website www.cartoon.ch/shop.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.12.2013, 10:17 Uhr)

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