Ein lebenslanger Kampf gegen den Rausch
Von Olivier Leu
Illnau-Effretikon – In Hermann T. Meyers Wohnung stehen zwei dicke Ordner. Darin hat der Alkoholkritiker Hunderte Zeitungsartikel und Leserbriefe gesammelt. «Wichtige alkoholpolitische Entwicklungen der letzten Jahrzehnte sind hier dokumentiert», sagt Meyer.
Besonders fällt ihm auf, dass in der Schweiz kaum Kritik laut werde, die sich gegen die Alkoholbranche richte. Das sei im Ausland oft völlig anders. In einigen Ländern gebe es gesetzliche Preisregulierungen, um den Konsum zu reduzieren. Hier seien sogar die Medien auf der Seite der Industrie. «Alkohol gilt als cool und wird von allen Seiten schöngeredet.»
130 000 Kinder leiden mit
Laut Sucht-Info Schweiz leiden in der Schweiz 130 000 Kinder unter dem Alkoholkonsum ihrer Eltern. Die Weltgesundheitsorganisation hat eine globale Alkoholstrategie entwickelt und Empfehlungen herausgegeben. «Doch anders als beim Tabakkonsum, den mittlerweile viele Staaten streng regulieren, interessiert sich bei uns scheinbar kaum jemand ernsthaft für eine striktere Alkoholpolitik», sagt Meyer.
Der Illnau-Effretiker lebt seit seiner Jugend abstinent. Sein Vater war Alkoholiker und landete eines Abends auf dem Heimweg von der Beiz in einem Bachbett. Dort griff ihn zufälligerweise ein Mann auf, der in einer Abstinentengruppe tätig war. Dieser Gruppe schloss sich dann die ganze Familie an. Später gründete Hermann T. Meyer eine eigene Jugendgruppe. «Wäre ich nicht diesen Weg gegangen, wäre ich wahrscheinlich bei Greenpeace oder dem WWF gelandet – Einsatz für Solidarität und Gerechtigkeit waren mir immer wichtig.» Die Schule und die Kirche seien damals das Einzige gewesen, was dem Jungen Halt gespendet hat.
Webseite – ein Halbtagesjob
Meyer leitete später unter anderem auch ein Nachsorge-Projekt für Leute, die ihre Sucht überwunden haben. «Die physische Heilung ist nur die eine Seite, noch schwieriger ist die psychische.» Die Webseite www.alkoholpolitik.ch führt Meyer als Halbtagesjob. «Nach zehn Jahren ist nun aber ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören», sagt er.
Die Frage, ob er sich im Kampf für eine gesundheitsorientierte Alkoholpolitik aufgerieben habe, verneint er entschieden. Er sei nach wie vor überzeugt, dass die Alkoholindustrie stärker reguliert werden müsse, um die Menschen zu schützen. Aber das sei gerade in liberalen Kreisen ein rotes Tuch. Natürlich sei jeder für sich selbst verantwortlich, er habe auch nichts gegen ein Feierabendbier oder ein Glas Wein zum Essen. Der freie Wille habe aber Grenzen, wenn es um das Wohl der Mitmenschen gehe.Seit dem Zweiten Weltkrieg habe es die Alkoholindustrie geschafft, immer mehr Leute zum Trinken zu bringen. Damals hätten die Frauen für den grössten Zuwachs gesorgt – seit der Jahrtausendwende seien es die Jugendlichen. «Das Recht auf einen Rausch ist für viele wichtiger als das Recht auf Gesundheit», sagt der Illnau-Effretiker. Er ist überzeugt, dass der Einsatz weitergehen muss. Darum wünscht er sich jemanden, der seine Webseite übernimmt. «In jedem Fall werde ich sie aufgeschaltet lassen», sagt Meyer. Denn das von ihm gepflegte Archiv ist für Fachpersonen und Interessierte immer aktuell. «Ich möchte aber wieder einmal in die Ferien fahren können, ohne ständig einem Internet-Anschluss hinterherzurennen.»
Erstellt: 02.06.2011, 21:50 Uhr


