Im Liegen die Weltspitze erklommen

Lukas Weber aus Zürich ist in seiner Kategorie der beste Handbiker der Welt. Selbst Velofahrer haben es schwer, mit dem Behindertensportler mitzuhalten

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Von Kai Müller, Weiningen

Die meisten Passanten drehen sich noch einmal um. Sie schauen neugierig, interessiert, teils verwundert, wenn Lukas Weber in seinem Handbike knapp über Bodenhöhe an ihnen vorbeifährt, dazu im Trikot der Schweizer Nationalmannschaft. «Ich glaube, die Leute erkennen Handbiken gar nicht als Behindertensport. Viele verwechseln es mit dem Liegevelo», sagt der 41-Jährige. Der Unterschied ist jedoch frappant: Weber treibt sein dreirädriges Gefährt mit den Armen an, er ist querschnittgelähmt. Dass er fast waagrecht darin liegt, hängt mit der fehlenden Rumpfstabilität zusammen.

Später sitzt Weber in seinem Rollstuhl, für das Gespräch in einem Restaurant in Weiningen hat er sich Jeans und ein T-Shirt übergestreift. Der Mann mit den kräftigen Oberarmen hat viel zu erzählen, seine Geschichte ist facettenreich, sie handelt von einem tragischen Unfall, von Durchhaltevermögen, unbändigem Ehrgeiz und Erfolg. Das jüngste Kapitel beschreibt seinen Vorstoss an die internationale Spitze der Handbiker. Lukas Weber ist in der Kategorie H 2 (Lähmung der Beine und teilweise Lähmung des Rumpfes) die aktuelle Nummer 1 der Welt.

Goldkandidat für London 2012

Zwei Wochen ist es her, dass der in Höngg wohnhafte Weber seine Ausnahmestellung beim Auftakt des Paracycling-Weltcups, der letztes Jahr eingeführt wurde, bestätigte. Er gewann in Sydney das Strassenrennen (45,4 km) und das Zeitfahren. Der Sieg beim Kampf gegen die Uhr hat ihn überrascht, weil er sich gegen den italienischen Spezialisten Vittorio Podesta durchsetzen konnte. Nach 11 Kilometern auf dem technisch anspruchsvollen Kurs betrug sein Vorsprung gerade einmal 80 Hundertstel. «Geringe Abstände sind üblich bei uns», sagt Weber und verweist auf die letztjährige WM in Kanada, als er mit nur zwei Sekunden Rückstand auf Bronze Vierter wurde. Im Strassenrennen sollte es dann aber zu Platz 3 und der ersten Medaille an einem internationalen Grossanlass reichen. Weber war als Führender des Rankings angereist, deshalb sagt er heute: «Ich hatte mir mehr erhofft.»

Die nächste Chance auf einen WM-Titel erhält er im September in Dänemark. Zwar stehen dazwischen noch zahlreiche Welt- und Europacuprennen an, das Ziel ist aber schon formuliert: Ein Podestplatz soll es werden. Weber lächelt, dann präzisiert er: «Mindestens Silber.» Zu seinen ärgsten Konkurrenten gehören die Nationalmannschaftskollegen Jean-Marc Berset und Heinz Frei, die auf den Weltranglistenplätzen 2 und 3 folgen. Nicht umsonst flachst Weber: «Die Gegner bekommen Angst, wenn sie ein Schweizer Kreuz sehen.» Frei, die 53-jährige Behindertensportikone, sieht in Weber einen Goldanwärter für die Paralympics 2012 in London. «Er ist nicht nur körperlich, sondern auch mental und taktisch stark. Er hat gelernt, ein Rennen zu lesen.» Weber attestiert sich selber die Fähigkeit, sich quälen zu können, relativiert aber: «Das kann jeder Spitzenfahrer.»

Unfall am 11. September

Dass Weber mittlerweile um internationale Titel kämpft, war nicht abzusehen. Als Drilling geboren, wuchs er im aargauischen Obersiggenthal auf, absolvierte die Kantonsschule Baden, spielte 1.-Liga-Volleyball, studierte später Physik an der ETH, arbeitete danach als Informatiker. Dann kam der Tag im Jahr 1999, der 11. September, der sein Leben für immer verändern sollte. Auf dem Heimweg vom Ausgang, Alkohol war nicht im Spiel, wie er betont, ging der damals fast 30-Jährige aus dem Sattel seines Velos, um kräftiger in die Pedale zu treten. Die Zahnräder griffen nicht, Leerlauf, Weber rutschte ab und prallte mit voller Wucht gegen einen Pfosten. Es folgte ein zweiwöchiger Überlebenskampf, «weil auch Rippen und Lunge stark beschädigt waren».

Früher war der Jahrestag speziell, mittlerweile vergisst ihn Weber regelmässig, wenn es wieder September wird. Er hat akzeptiert, nie mehr laufen zu können. «Ich mache mir keine Illusionen.» Fragen wie «warum gerade ich?» stellt er sich nicht, an Schicksal oder höhere Mächte glaubt er nicht. «Der Unfall war absolut sinnlos.» Im Alltag kommt er gut zurecht, doch manchmal vergleicht er seine Flexibilität mit früher. «Besonders, wenn etwas länger dauert wegen meiner Behinderung. Ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch.»

Mit bis zu 80 km/h

2005 drehte Weber seine ersten Runden im Handbike. Kompromisse wollte er von Beginn an keine eingehen. «Halbe Sachen sind nicht mein Ding. Ich sagte mir: Ich will so weit kommen, wie es nur möglich ist.» Zwei Jahre dauerte die Angewöhnungszeit an das neue Fortbewegungsmittel, heute trainiert er maximal 25 Stunden pro Woche, in einer Einheit legt er je nach Trainingsphase bis zu 150 Kilometer zurück. Selbst der Winter hält ihn nicht von Fahrten im Freien ab. «Auf drei Rädern kann nicht viel passieren. Heuer habe ich es bei Schnee bis nach Regensberg geschafft.» Die meisten Konkurrenten weichen in den kalten Monaten auf die Rolle aus, weshalb Weber in Rennen bei schlechten Witterungsbedingungen Vorteile hat.Eine seiner drei Trainingsrunden führt um den Greifensee, und der Spitzensportler geniesst es, wenn Hobbyfahrer, die er überholt, versuchen, sich an sein Hinterrad zu hängen und dann die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens einsehen müssen. «Das stärkt mein Selbstvertrauen», sagt er spitzbübisch und ist sich sicher: «Ich hänge praktisch jeden Velofahrer ab.» Im Flachen bringt er es in dem über 10 000 Franken teuren, 11,5 kg schweren Handbike auf einen Schnitt von 40 km/h, geht es bergab, wird es dank der aerodynamischen Lage auch mal doppelt so schnell. Der Ehrgeiz lässt es nicht zu, dass Weber seinerseits passiert wird. Bei Einheiten, die er in geringerem Tempo fahren muss, bannt er diese Gefahr. «Dann wähle ich eine andere Strecke, auf der weniger Leute unterwegs sind.» Velofahrer, die ihn «geschnappt» haben, könne er an einer Hand abzählen.

30 000 Franken pro Saison

Um sein Hobby zu finanzieren, arbeitet der Informatiker als Freelancer für verschiedene Firmen, «40 bis 50 Prozent, im Winter mehr, im Sommer weniger». Eine Saison verschlingt rund 30 000 Franken, und Weber ist froh, sein «teures Hobby» nicht selber finanzieren zu müssen. Er profitiert vom neuen Förderungsprogramm «Para Top Athlete» von Rollstuhlsport Schweiz. Daneben setzt er sich auch auf Funktionärsebene ein, ist Teil der Technischen Kommission von Rollstuhlsport Schweiz und der Paracycling-Kommission des Radsport-Weltverbands UCI. Das Engagement geht auf die Paralympics 2008 in Peking zurück. Weber sammelte im Athletendorf Unterschriften gegen Reglementänderungen. Mit Erfolg. Die Aktion beeindruckte die UCI, worauf ihn die Verantwortlichen in das Gremium beriefen. Wie auf den Rennstrecken besitzt er auch dort einen Sonderstatus: Er ist der einzige Athlet unter den vier Mitgliedern.

Erstellt: 20.05.2011, 19:00 Uhr

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