Zürich

Inseratefirma legt 600 Firmen herein und droht nun mit Betreibung

Von Ruedi Baumann. Aktualisiert am 29.09.2011 37 Kommentare

Eine scheinbar amtliche Hochglanzbroschüre enthält zusammengeklaute Inserate von Zürcher Betrieben. Die ausgetricksten Gewerbler erhalten jetzt Drohbriefe.

Geklaut und ausgetrickst: Mit einer scheinbar amtlichen Hochglanzbroschüre wurden Zürcher Betriebe hereingelegt.

Geklaut und ausgetrickst: Mit einer scheinbar amtlichen Hochglanzbroschüre wurden Zürcher Betriebe hereingelegt.

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Wenigstens die erste Seite der «Informationsbroschüre für den Kanton Zürich» sieht prächtig aus: ein blauer Zürichsee, Schneeberge am Horizont, ein Schweizer Kreuz und das Zürichwappen. Dann aber nimmt die Qualität abrupt ab. Auf 295 Seiten werden aus Wikipedia kopierte Texte über den Kanton Zürich wild mit 600 Inseraten vermischt. Diese stammen von Grossfirmen wie Bombardier und BMW über Hunderte von Blumenläden, Garagen, Modegeschäften und Restaurants bis zu Arztpraxen, Architekten und Dorfläden. Die Inserate sind das peinliche Gebastel eines Anfängers nach der ersten Computerlektion, unscharf, geschmacklos und fehlerhaft.

Dass an dieser dicken Hochglanzbroschüre etliches faul ist, merkt man spätestens auf Seite 5. Da ist die Hilfskraft, welche die Texte reinkopiert hat, wohl etwas verrutscht. In der Tabelle mit den grössten Gemeinden hat Illnau-Effretikon 354'308 Einwohner und Schlieren 95'943. Zürich wurde offenbar mit Illnau und Schlieren mit Winterthur verwechselt. Hinter der Broschüre steht die Firma mit dem provokativen Namen Incom Solutions Ltd. in London. Diese generiert ihr Einkommen, indem sie pro Inserat bis 4000 Franken verlangt. Die angeblich 3500 gedruckten Broschüren sind auf den Gemeindekanzleien längst entsorgt worden.

Aus Weiach wird Weichach

Noch schludriger wurde in der Internetausgabe gepfuscht (www.incomsls.net). In einzelnen Bezirken ist fast jede zweite Gemeinde falsch geschrieben: «Kronau», «Weichach» oder «Laufen-Uhrwiesen» sind noch die lustigsten Fehler. Rita Fuhrer – fehlerfrei buchstabiert – ist nach wie vor SVP-Regierungsrätin. Peinlich sind diese Fehler vor allem auch, weil sie mittlerweile bald zwei Jahre alt sind und 2009 vertraglich versprochen wurde, dass die Broschüre «zweimal im Jahr veröffentlicht» wird.

Der Trick mit den sogenannten Informationsbroschüren ist schon ein paar Jahre alt; und er funktioniert immer noch. Firmen erhalten über Fax einen Anzeigenauftrag. Darin wird ein halbseitiges Inserat für 2496 Franken offeriert. Unter viel Kleingedrucktem muss sich der «Kunde» für eine von drei Varianten entscheiden. Weil alle mit der Offerte möglichst nichts zu tun haben wollen, kreuzen sie die vermeintlich harmloseste an und unterschreiben: «Läuft nach Vertragslaufzeit automatisch aus.»

Dabei übersehen viele das auf dem Fax kaum lesbare Kleingedruckte: «Der Antrag wird für zwei Werbejahre geschlossen.» Eine TA-Umfrage bei 30 geschädigten Personen ergibt immer das gleiche Bild. Der Fax wurde «im Stress» unterschrieben, häufig half eine deutsche Verkaufsberaterin namens «Frau Glück» in forschem Ton nach. Alle «Inserenten» versichern, dass das Inserat ohne ihr Wissen zusammengebastelt wurde.

«Ich bin sonst nicht so bescheuert»

Einer der Geprellten ist der Kilchberger Arzt und Urologe Christian Crott. «Ich bin sonst nicht so bescheuert», sagt er, «damals aber war ich dermassen im Stress, dass ich einfach unterschrieben habe.» Christine Strebel vom Platten- und Keramikgeschäft Strebel in Buchs erinnert sich: «Die deutsche Verkaufsberaterin bestätigte mir mehrfach, dass es sich um das Gelbe Telefonbuch handle.» Zwischen dem Arzt und der Geschäftsfrau gibts aber einen Unterschied: Der Urologe bezahlte 1600 Franken, Christine Strebel blieb standhaft.

Von den 600 Betrogenen hat wohl die grosse Mehrzahl nicht bezahlt. Der Ablauf ist bei allen gleich: 2009 bis im November 2010 wurden sie von der Firma DeBi Advice in Berlin mit Rechnungen und immer höheren Mahnkosten bedrängt. Dann schaltete sich Rechtsanwalt Nippold aus Berlin ein und drohte mit gerichtlicher Betreibung. Nach dem ersten Artikel im «Tages-Anzeiger» vom 13. November 2010 gab der deutsche Rechtsanwalt Ruhe.

Aus 1596 wurden 6323 Franken

Seit zehn Tagen werden die «Inserenten» jetzt wieder unter Druck gesetzt, diesmal durch die Direct Inkasso GmbH aus Wohlen. Im Falle des Plattengeschäfts Strebel wurden die 1596 Franken für ein Mini-Inserat verdreifacht und um 1500 Franken für Zins- und Mahnkosten aufgestockt – macht 6323 Franken. Sämtliche Telefone nach Wohlen werden entweder nach Deutschland umgeleitet oder in Deutsch beantwortet. «Als ich mit der Polizei drohte», hängte die Dame schnell auf», sagt Christine Strebel.

Ernst Meierhofer, Redaktionsleiter des «K-Tipp», empfiehlt, auf keinen Fall zu zahlen. Dem deutschen Geldeintreiber mit Briefkasten im aargauischen Wohlen sei zwar zuzutrauen, dass er betreibe, worauf jedoch Rechtsvorschlag erhoben werden könne. Meierhofer sagt: «Mir ist bei Inseratenschwindel kein einziger Fall bekannt, der je vor ein Gericht gekommen wäre.» Denn im Falle der Zürcher Hochglanzbroschüre gibt es Hunderte von Zeugen, die bestätigen würden, wie sie hereingelegt wurden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2011, 22:46 Uhr

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37 Kommentare

Andreas Meier

29.09.2011, 07:46 Uhr
Melden 47 Empfehlung

Solche Typen gehören bestraft. Sie unterminieren eines der höchsten Güter der Gesellschaft: das Vertrauen. Antworten


Peter Roediger

29.09.2011, 07:44 Uhr
Melden 27 Empfehlung

Dazu kann man nur eines gesagt werden:
Jeden Morgen steht ein dummer auf, man muss ihn nur finden!
Antworten



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