Klein-Padua am Pfannenstiel

Auch heute werden wieder weit über hundert Menschen nach Egg pilgern, um Antonius von Padua um Beistand zu bitten. Denn immer dienstags wird das Dorf auf der Forch zum Wallfahrtsort.

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Von Helene Arnet

Egg – Sie war schon ab und zu auf der Forch unterwegs, aber das Schild hat sie noch nie gesehen: «Pilgerkirche». Hier? Fern vom Jakobsweg. Sie folgt dem Wegweiser und kommt in eine andere Welt.

Dienstag, 13.30 Uhr: In der Antoniuskirche etwas abseits vom Dorfkern in Egg sitzen einige Frauen und beten laut den Rosenkranz. Pfarrer Alfred Suter sagt: «Der Pilgergottesdienst mit vorgängiger Andacht beginnt erst um 14.20 Uhr, doch manche kommen schon früher, um sich einzustimmen.» Pfarrer Suter, einst Ortspfarrer von Seuzach, ist seit dreizehn Jahren Wallfahrtspfarrer und Ortspriester von Egg. Ein besonnener Mensch mit einnehmendem Lächeln. Er habe sich schon an die vielen Leute gewöhnen müssen, die oft von weit her kommen, um die Gottesdienste zu besuchen. Klein-Padua wird die Kirche zuweilen genannt, denn sie ist dem heiligen Antonius von Padua gewidmet und gilt als besonders spiritueller Ort.

Seit 1930 finden in der Antoniuskirche jeden Dienstag zwei Pilgermessen statt. Und die ganze Woche durch treffen Gläubige ein, um Antonius um Beistand zu bitten. Manchmal im Car aus dem Wallis oder der Innerschweiz. 1933 war von 70 000 Pilgern die Rede – gegen 20 000 sind es auch heute noch. Hildegard Kühne, die neben der Kirche wohnt, hat mit ihrem Mann einst die Bahnstation Egg betrieben. Sie erinnert sich, dass die Forchbahn früher am Dienstag Extrawagen für die Pilger anhängte.

Wie geht das 8000-Seelen-Dorf im Zürcher Oberland mit dem Pilgersturm um? Gemeindepräsident Rolf Rothenhofer sagt: «Wir haben im Dorf kein Problem mit den Pilgern.» Auch der Verkehr sei kein Thema. «Sie kommen ja vor allem unter der Woche und tagsüber.»

Kniefall vor dem Altar

14.15 Uhr: «Heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder», tönt es aus vielen Kehlen. Pater Leo Müller, der heute Andacht und Gottesdienst hält, schwenkt das Weihrauchfass. Als er vor dem Altar niederkniet und mit der Andacht beginnt, erfüllt der würzige Geruch den ganzen Kirchenraum. Gesänge und Gebete wechseln sich ab. Erbauliche Worte vom Priester. Und immer wieder das Knarren der Kirchentür, weil noch mehr Leute eintreffen. Manche zünden, bevor sie sich setzen, eine Kerze an. Ein Mann lässt sich im Mittelgang auf die Knie fallen und berührt mit der Stirn den Boden. Eine Frau betet vor dem Glasfenster, auf dem Antonius mit dem Jesuskind abgebildet ist. Sie küsst ihre Fingerkuppen und berührt damit die Hände des Jesuskindes.

Um 14.45 Uhr sieht sie Jesus

Um 14.45 Uhr kommt Maggy Vogts ersehnter Moment. Die aus dem Iran stammende Christin erzählt nach dem Gottesdienst: «Gegen Ende der Andacht sehe ich jeweils das Gesicht von Jesus Christus. Er ist so schön.» Im Herzen trage sie ihn immer bei sich. Aber hier oben, in Egg, sehe sie ihn auch. Deshalb kommt die Modeberaterin aus Benglen, wenn immer es ihre Arbeit erlaubt, nach Egg. «Das ist ein sehr spiritueller Ort. Hier kann ich auftanken.»

Hat Pfarrer Suter auch schon Jesus gesehen? Er lächelt. Solch religiöse Erfahrungen seien etwas sehr Persönliches. Die Wand im Treppenhaus, das zur Orgelempore führt, ist gepflastert mit Votivtafeln. «Antonius hat geholfen», steht auf den meisten. Werden hier Wunder gewirkt? Spektakuläre Gebetserhörungen habe er in seiner Amtszeit nicht erlebt, sagt Alfred Suter. «Gelegentlich erzählen mir Leute, dass sie gesund geworden seien oder eine Stelle gefunden hätten. Oder sie schreiben es ins Fürbittbuch.» Ob man dies auf das Wirken des Heiligen zurückführen wolle, sei jedem selbst überlassen.

Sind die Pilger, die nach Egg kommen, spezielle Katholiken? Pauschalisieren will Pfarrer Suter nicht, doch: «Pilger sind tendenziell eher konservative oder auch suchende Katholiken, die Kirchgemeindemitglieder eher progressive.» Und wie bringt er das unter einen Hut? «Wir pflegen eine Mitte.» Und: «Bei uns geht es ums Evangelium und nicht um Kirchenpolitik.»

Kurz vor 15 Uhr beginnen die Glocken zu läuten. An die hundert Gläubige sitzen in der Kirche. Pater Leo spricht über die Einheit der Kirche. Dann hebt er das Fürbittebuch hoch und bittet Gott um Erhörung der in vielen Sprachen verzeichneten Anliegen. Bei der Kommunion nehmen manche Gläubigen die Hostie nicht in die Hand, sondern lassen sie sich auf die Zunge legen.

Pilgern für Leib und Seele

Nach dem «Gehet hin in Frieden» hat Pater Leo noch nicht Feierabend. Die Gläubigen versammeln sich vor dem Altar, um den Antoniussegen entgegenzunehmen. Mit einer in ein goldenes Gehäuse eingelassenen Reliquie berührt er die Wange der Gläubigen und spricht Segenssprüche. Währenddessen singen die Wartenden im steten Umlauf «Sankt Antonius, hilf auch mir!». Zwanzig Minuten später ist der letzte Segenswunsch gesprochen, die Autos fahren ab, und Modest und Irene Degonda sind startklar. Seit der Pensionierung des Mannes vor vierzehn Jahren pilgert das Ehepaar aus Horgen fast jeden Dienstag nach Egg. Mit der Fähre über den See, über Land in der Regel zu Fuss. Das Meilemer Tobel hinauf über den Pfannenstiel, ein Marsch von fünf Stunden. Sie sind nicht das, was man gemeinhin Frömmler nennt. Es fehle ihnen etwas, wenn sie an einem Dienstag nicht nach Egg kommen könnten. «Das ist gut für Leib und Seele», sagt Irene Degonda schlicht. Und hat Antonius schon geholfen? Ihr Mann sagt verschmitzt: «Wir wissen ja nicht, was wäre, wenn wir nicht hierherkämen.»

Antonius hat geholfen

Die Veloroute, die von Konstanz über Egg nach Meilen führt, heisst Pilgerroute, was bis vor kurzem fast ein Etikettenschwindel war, liegt doch einzig das Kloster Fischingen am Weg. Doch neuerdings ist die Wallfahrtskirche in Egg signalisiert. Und so fand die Pilgerroute einen weiteren Pilgerort. Wer will, kann sagen: Antonius hat geholfen.

Wallfahrtsgottesdienst jeden Dienstag: 9 Uhr Messe mit Segen, 14.20 Uhr Andacht, 15 Uhr Pilgermesse mit Antoniussegen. www.antoniuskirche-egg.ch

Pater Leo erteilt in der katholischen Kirche Egg den Pilgern mit einer Reliquie des heiligen Antonius von Padua den Segen. Foto: Reto Oeschger

(Erstellt: 31.01.2012, 06:41 Uhr)

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