Medizinhistoriker erhöhen den Druck auf die Uni Zürich

Der Fall Mörgeli hat Fragen zur Begutachtung von medizinischen Dissertationen aufgeworfen. Nun erlässt der Fachverband Medizingeschichte Empfehlungen, denen die Uni Zürich nicht genügt.

Von Christoph Mörgeli betreute Doktorarbeiten haben eine Qualitätsdebatte ausgelöst.

Von Christoph Mörgeli betreute Doktorarbeiten haben eine Qualitätsdebatte ausgelöst. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Die Wogen gingen hoch, als die Fernsehsendung «Rundschau» Christoph Mörgeli (SVP) vorwarf, er habe Doktortitel fürs Abschreiben verliehen. Plötzlich interessierte sich die halbe Schweiz für die Qualitätssicherung bei Dissertationen. Und es wurde offensichtlich, dass dies nicht an allen Universitäten gleich streng gehandhabt wird.

Besonders im Fokus steht wegen Mörgeli die Medizinische Fakultät der Uni Zürich. Sie sieht nebst dem Doktorvater respektive der Doktormutter keinen weiteren Gutachter vor. Anders handhaben dies die Universitäten von Bern und Lausanne: Damit dort eine Dissertation akzeptiert wird, braucht es einen zweiten Gutachter, der erst nach Einreichen der Doktorarbeit von einer Dissertationskommission ernannt wird. Dieser Zweitgutachter bleibt sowohl für den Doktoranden als auch für den Doktorvater anonym. Dies hat den Vorteil, dass er unbefangen urteilen kann. Er muss bei einer allfälligen negativen Beurteilung nicht befürchten, dass ihm dies vergolten wird, wenn seine Kollegen die Dissertationen seiner Doktoranden begutachten.

Den Zürcher Medizinprofessoren scheint dies zu aufwendig zu sein. Stattdessen legen sie die Dissertationen nach der Gutheissung durch den Doktorvater zwei Wochen lang im Dekanat zur Einsicht auf. Erhebt kein anderes Fakultätsmitglied Einspruch, gilt die Arbeit als angenommen. Wie oft Einsprache erhoben wird, ist nicht bekannt. Es ist auch nicht überliefert, dass die Medizinprofessoren zwecks Einsicht in die Dissertationen vor dem Dekanat Schlange stehen würden.

Um dennoch nicht alles dem Doktorvater zu überlassen, hat die Medizinische Fakultät der Uni Zürich ein «Dissertationsoffice» geschaffen. Dieses überprüft die Arbeiten darauf, ob die formalen Kriterien eingehalten werden. Und ein Dissertationsbeauftragter schaut die Werke inhaltlich an. Ein Gutachten erstellt er aber nicht. Die Mediziner unterscheiden sich damit von anderen Fakultäten der Uni Zürich – etwa der Philosophischen. Dort werden sehr wohl zwei Gutachten verlangt.

Externes Gutachten empfohlen

Auch in Deutschland ist es verschiedentlich zu Diskussionen über die Qualität von Dissertationen gekommen. Der Fachverband Medizingeschichte hat daher «Empfehlungen zur Qualitätssicherung» erarbeitet. In diesem Verband sind die Medizinhistoriker aus Deutschland, Österreich und der Schweiz organisiert. An deren Mitgliederversammlung vom vergangenen Wochenende in Mainz haben sie die Richtlinien einstimmig und «per acclamationem» verabschiedet, wie die Verbandsvorsitzende Mariacarla Gadebusch sagt.

Darin steht unter Punkt 5: «Für die Qualitätssicherung zentral ist die nachvollziehbare Trennung von Betreuung und Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten. Der Fachverband empfiehlt daher, für die Beurteilung medizinhistorischer Doktorarbeiten Gutachten von Medizin- und Wissenschaftshistorikern (-innen) anderer Fakultäten einzuholen.» Durch diese Forderung nach einem Gutachter einer anderen Universität sind die Richtlinien noch strenger als die Regeln der Berner und Lausanner. Inwiefern dies praktikabel sei, müsse sich weisen, sagt Gadebusch. Allenfalls müsse man die Empfehlungen diesbezüglich noch anpassen.

Völlig klar erscheint der Verbandsvorsitzenden aber, dass der Doktorvater respektive die Doktormutter nicht gleichzeitig das (einzige) Gutachten schreiben kann. Die aktuelle Promotionsverordnung der Uni Zürich sei mit den Empfehlungen des Fachverbands «nicht kompatibel».

Zumindest in der Anfangsphase war auch Christoph Mörgelis einstiger Chef, Flurin Condrau, an der Erarbeitung der Richtlinien beteiligt. Schrieb er doch im Akademischen Bericht 2011 des Medizinhistorischen Instituts: «Der neue Direktor (damals Condrau selber, inzwischen wurde er vorübergehend von der Institutsleitung entbunden; Anmerkung der Redaktion) wurde vom Fachverband Medizingeschichte gemeinsam mit Volker Hess (Berlin) sowie Fritz Dross (Nürnberg-Erlangen) gebeten, schriftlich zur Sicherung der Qualität medizinischer Doktorarbeiten Stellung zu äussern.»

Welche Haltung Condrau damals einnahm und ob er auch an der Endfassung der Richtlinien mitgearbeitet hat, ist nicht bekannt. Entsprechende Fragen des TA mochte er nicht beantworten. Auch nicht, ob und allenfalls wie er als Mitglied des Fachverbands Medizingeschichte die Empfehlungen an der Uni Zürich einfliessen lassen will.

Sicher ist aber, dass Condrau kein Freund von Billigdissertationen ist. Nach seinem Amtsantritt im Februar 2011 weigerte er sich, von Mörgeli betreute Doktorarbeiten zu begutachten. Dies wäre nötig gewesen, weil Mörgeli als blosser Titularprofessor nicht dazu ermächtigt war. Als solcher musste er das zuständige Fakultätsmitglied beiziehen, also Condrau.

Schliesslich fand man einen Ausweg, indem Condraus Vorgänger Beat Rüttimann in die Lücke sprang. Dieser segnete die fraglichen Dissertationen im Rahmen einer «Übergangslösung» ab, jedenfalls einen Teil davon. Andere Doktoranden schafften es nicht, ihre Arbeit bis Ende Januar 2012 – dem Ende der Übergangslösung – fertigzustellen. Laut Rüttimann ging die letzte Dissertation am 31. Januar 2012 um 17 Uhr ein. Sie wurde in einer Art Notfallübung noch am selben Abend begutachtet.

Experten untersuchen

Wie reagiert nun die Uni Zürich auf die Empfehlungen des Fachverbands Medizingeschichte? Ihr Sprecher Beat Müller mag sich dazu nicht äussern. Man wolle der unabhängigen internationalen Expertenkommission nicht vorgreifen, welche gegenwärtig die Qualität medizinhistorischer Dissertationen an der Uni Zürich untersuche.

Die dreiköpfige Kommission wurde im April nach der Kritik der «Rundschau» eingesetzt. Sie soll klären, inwiefern die von Mörgeli betreuten Doktorarbeiten den wissenschaftlichen Ansprüchen der Uni Zürich genügen. Resultate sind laut Müller für den August zu erwarten. Möglicherweise regt die Kommission dann auch eine Änderung der Promotionsverordnung an. Aufgrund dieser Empfehlungen werde die Universitätsleitung prüfen, erklärt Müller, ob die Promotionsregeln der medizinischen Fakultät angepasst werden müssten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2013, 07:31 Uhr

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