Menschenkot in der Masoalahalle

Die Pflanzen im Zürcher Zoo wachsen seit einiger Zeit verdächtig schnell. Ein Zürcher Start-up weiss, warum.

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Manchmal entsteht aus menschlichem Kot ein Bananenwald. Im Frühling 2016 rodeten Zooarbeiter im Zürcher Masoala-Regenwald einen Bambushain. An derselben Stelle wurden dann junge Bananenbäume gepflanzt. Schon nach wenigen Monaten erreichten sie eine stattliche Grösse, und viele gelbe Früchte hingen unter den dicken Blättern. «Wir waren überrascht, wie schnell die Pflanzen gewurzelt haben», sagt Martin Bauert, Kurator der tropischen Anlage im Zoo Zürich.

Der Grund für das schnelle Wachstum hat einen Namen: Terra preta – portugiesisch für schwarze Erde. Ein besonders fruchtbares Bodensubstrat, hergestellt aus Kompost, Aktivkohle und – eben – menschlichem Kot. In der Masoalahalle ist der Anteil von Terra preta sichtbar. Überall dort, wo die Regenwaldpflanzen ein bisschen grüner sind und der Boden ein wenig dunkler ist als sonst, wurde die schwarze Erde verwendet.

Vor eineinhalb Jahren startete der Zoo einen ersten Versuch. «Die Bodenvegetation hat seither stark zugenommen», sagt Bauert. Deshalb soll künftig der gesamte künstliche Regenwald auf Grundlage der schwarzen Erde gedeihen. Auch im Elefantenpark wird Terra preta demnächst zum Einsatz kommen. Die Tiere werden dann über einen Boden schlendern, der menschliche Exkremente enthält. Die Dickhäuter dürften sich darob kaum stören. Terra preta riecht nicht unangenehm.

«Wir möchten ein Tabu brechen»

Tobias Müller weiss das aus eigener Erfahrung: Er ist gelernter Zimmermann, Tüftler, Tausendsassa. Gemeinsam mit seinen Freunden Marc Haueter, Torsten Much und Anja Lippuner gründete er 2015 die Firma Greenport, die den Zoo mit dem Bodensubstrat beliefert. «Wir möchten mit unseren Produkten ein Tabu brechen», sagt Müller. Die Leute seien zurückhaltend, wenn es um die umweltfreundliche Verwertung menschlicher Exkremente gehe. Dabei handle es sich um einen natürlichen Kreislauf: Kot wird zu Erde, Urin zu Dünger, und es entsteht die Basis für neue Nahrungsmittel.

Um an die Rohstoffe heranzukommen, entwarf das Zürcher Start-up eine mobile Trockentoilette: das Greenport. Der 38-jährige Müller führt durch das Lager in Birmensdorf ZH. Hier, in einer alten Scheune, stehen die Toiletten dutzendfach. Es gibt die Variante Einzelkabine, zwei verschiedene Grössen Urinal und eine rollstuhlgängige Version. Es sind Miettoiletten für Open Airs, Märkte, Foodfestivals oder Hochzeiten. «Auch bei einer Scheidungsparty kam die Trockentoilette schon zum Einsatz», sagt Müller.

Die WCs werden von Hand aus Tannenholz gefertigt. Sie bringen eine rustikale Gemütlichkeit mit, die der günstigeren Konkurrenz aus Plastik abhandenkommt. «Wir wollten ein stilles Örtchen schaffen, auf dem es sich verweilen lässt. Ein WC mit Charme», sagt Müller. Die Tür ziert ein ausgeschnittenes Herz, und das transparente Dach sorgt für freien Blick in den Himmel; Sterne gucken und dabei den Darm entleeren. Das kommt an: Eineinhalb Jahre nach der Firmengründung sind die Produktionskosten von 200’000 Franken amortisiert. «Miet-WCs sind ein Milliardenmarkt. Wenn wir nur schon einen kleinen Anteil davon erhalten, sind wir zufrieden», sagt Müller. Die Firma plant künftig mehrere Partnerableger. Vorerst in der Schweiz, später vielleicht auch im Ausland.

Keime, Viren und Hormone werden verbrannt

Der gewinnträchtige Kreislauf wird in Gang gesetzt, sobald sich jemand aufs WC setzt: Was hinten rauskommt, landet in einem Container. Der Kot wird von Müllers Team abtransportiert und in eine Pyrolyseanlage gebracht. Die Pyrolyse ist die thermo-chemische Spaltung organischer Verbindungen. Das nährstoffreiche Material wird auf 800 Grad erhitzt. Durch den Brennvorgang werden giftige Keime, Viren oder Hormone zerstört. Wertvolle Nährstoffe, Spurenelemente und Wasser bleiben erhalten. Es entsteht Aktivkohle mit hoher Speicherkapazität, die Giftstoffe aus dem Boden aufnimmt und Wasser oder CO2 an die Erde abgibt. Die Kohle wird danach mit Kompost und Bodenlebewesen ergänzt.

«Wir bringen den Kot dahin zurück, wo er hingehört – in die Natur», sagt Müller. Damit macht Greenport im Kleinen das, woran sich die Wissenschaft die Zähne ausbeisst: die Rückgewinnung wertvoller Stoffe aus dem Klärschlamm. Die Menschheit müsse sich ernsthaft überlegen, wie sie Exkremente sinnvoller nutzen könne, sagt Müller.

Die Highlights des Impact Journalism Day. Quelle: TA

Jährlich fallen in der Schweiz rund 200’000 Tonnen Klärschlamm an. Früher wurde er als Dünger in der Landwirtschaft verwendet. Schwermetalle wie Blei oder Zink, Überreste von Reinigungs- und Arzneimitteln sowie Viren und Bakterien gerieten so in die Lebensmittelproduktion der Landwirtschaft. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) intervenierte im Jahr 2006. Seither wird der potenzielle Rohstoff ungenutzt in Schlamm- und Kehrichtverbrennungsanlagen verbrannt.

Gemäss einer Bafu-Studie könnten jährlich rund 6000 Tonnen Phosphor aus Klärschlamm und dessen Asche gewonnen werden – ein hochwertiger Nährstoff, der für die Düngerproduktion verwendet werden kann. Zurzeit fehlt für das Recycling grosser Mengen allerdings die gesetzliche Grundlage. Ändert sich das nicht, besteht weiterhin ein irreversibler Verlust nährstoffreicher Rohstoffe. «Ein ökologischer Irrsinn», sagt Müller.

Wissen, das Tausende Jahre alt ist

Zurzeit ist die jährliche Herstellung von Terra preta auf 200 Kubikmeter begrenzt. Das kleine Start-up praktiziert, was eigentlich auch flächendeckend möglich wäre. Allerdings hat die Firma das Rad nicht neu erfunden. Greenport wurde aus der Not geboren. Vor sieben Jahren kaufte Müller ein Grundstück, dessen Humusschicht abgetragen war – totes Land. «Ich wollte es innert vernünftiger Zeit wieder fit machen.» Er recherchierte im Internet und stiess auf eine dunkle, fruchtbare Erde, die den Hochkulturen im Amazonasbecken einst das Überleben sicherte: ein Gemisch aus Kohle, Kompost, Knochen, Fischgeräten und menschlichen Fäkalien. Müller fühlte sich inspiriert und fing an zu experimentieren. Greenport war geboren. «Wir profitieren von einem Wissen, das während Tausenden Jahren aufgebaut, später jedoch wieder vergessen wurde», sagt er.

Der Kreis der Nachhaltigkeit war bei Greenport damit noch nicht geschlossen. Wohin mit dem Urin? Die Antwort wurde im letzten Jahr gefunden: in die Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag). Der ETH-Ableger in Dübendorf brachte im Februar 2016 Aurin auf den Markt – einen Dünger aus Urin. Greenport liefert nun flüssiges Rohmaterial, die Eawag vollzieht den biologischen Prozess. Aus 10 Liter Urin entsteht etwa 0,5 Liter hochwertiger Pflanzendünger. «Das war das Puzzleteil, das uns noch fehlte», sagt Müller. Entstanden ist die vermutlich grünste Toilette der Welt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2017, 13:57 Uhr

Initiatoren:
Tobias Müller, Marc Haueter, Torsten Much und Anja Lippuner

Projekt:
Greenport, Schweiz

Website:
www.greenport.ch

Autor:
Martin Sturzenegger, «Tages-Anzeiger»

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