«Nur Kinderärzte sollen Kinder behandeln»Notfallpraxis statt autonomer Notfalldienste
Neuorganisation des Notfalldienstes
Mit Anne Bewer, Markus Zehnder und Patrik Schimert sprach Marianne Bosshard
Markus Zehnder: Ich wurde mittags von der Ambulanz gerufen, die Unterstützung brauchte bei einem stark alkoholisierten Patienten, der sich selber gefährdete. Schliesslich führte ihn die Polizei ins Spital. Als Pädiater fühlte ich mich fehl am Platz.Patrik Schimert: Ich rückte in der Nacht zu einem älteren Herrn aus, der nicht mehr aufstehen konnte und Blut im Stuhl hatte. Zu entscheiden, ob jemand dann ins Spital muss oder ob eine ambulante Versorgung genügt, ist für mich eine der schwierigsten Situationen, weil ich in meinem Praxisalltag nur Kinderpatienten betreue.
Schimert: Ja, es geht uns einerseits darum, dass Erwachsene im Notfall nicht von Kinderärzten behandelt werden müssen.Bewer: Und andererseits können Kinder auch wirklich von Pädiatern betreut werden. Vor allem bei den Säuglingen, die noch nicht sagen können, wo es ihnen wehtut, ist das unbedingt nötig.Zehnder: Der bisherige allgemeine Notfalldienst gewährleistet das in unserem Bezirk nicht. Kinder werden ebenso von Allgemeinmedizinern und Internisten betreut oder zunehmend direkt ins Triemli oder Kinderspital nach Zürich weitergeschickt, wo die Wartezeiten oft lang sind. Mit unserem neuen Kindernotfalldienst möchten wir die Familien in der Region behalten.
Schimert: Auf jeden Fall. Das Bedürfnis nach einem Kindernotfalldienst ist in den vergangenen Jahren extrem gestiegen, zumal die alten Hasen in der Medizin, die Allgemeinpraktiker, die noch eine fundierte pädiatrische Ausbildung genossen, immer rarer werden. Die junge, nachrückende Generation ist zunehmend spezialisierter.Bewer: Es hat auch ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden. Eltern sind heute nicht zuletzt aufgrund der Medien viel stärker verunsichert als früher. Vor zwanzig Jahren wurde die Oma noch um Rat gefragt, heute kommen wir Kinderärzte direkt ins Spiel. Unser Alltag ist oft davon geprägt, besorgte Eltern zu beruhigen.Zehnder: Gerade deshalb wollen wir die Kinder auch im Notfall in der Region betreuen, denn in einem Spital ist der Notfalldienst viel anonymer. Nicht selten gelangen die Eltern danach völlig verunsichert mit etlichen Fragen an uns. Betreuen wir die Kinder von vornherein bei uns, können wir Kosten und Zeit sparen. Wir Kinderärzte im Bezirk Horgen kennen uns sehr gut und pflegen ähnliche medizinische Ansichten.
Bewer: Tagsüber sollten Eltern primär ihren Kinderarzt kontaktieren, denn dieses Vertrauensverhältnis wollen wir nicht stören, und jeder Kinderarzt plant auch Zeit für Notfälle ein. Wir wollen aber dann präsent sein, wenn die Praxen geschlossen sind, das heisst unter der Woche von 18 bis 22 Uhr, wenn erfahrungsgemäss die meisten Notfälle eingehen, am Donnerstagnachmittag, am Wochenende wie auch an Feiertagen. Ab 22 Uhr übernimmt das Triemli-Spital, mit dem wir zusammenarbeiten. Die Notfallnummer bleibt jedoch stets dieselbe: 0848 27 27 27
Schimert: Wenn das Kind in einer lebensbedrohlichen Situation ist, wo es um Minuten geht. Das liegt natürlich immer auch im Ermessen der Eltern. Wenn aber ein Kind lange krampft, blau wird oder bewusstlos ist, aber auch bei einem tiefen Sturz oder bei einem Ertrinkungsunfall, dann braucht es die Ambulanz. In den meisten anderen Fällen können wir die Kinder behandeln.
Zehnder: Nein, die 15 Kinderärzte im Bezirk Horgen werden die Kinder abwechselnd direkt in ihren eigenen Praxen behandeln. Kinder sind immer transportfähig, Hausbesuche machen wir deshalb keine.
Bewer: Das haben wir durchaus diskutiert. Allerdings hat das See-Spital ebenso wenig eine integrierte Kinderklinik wie das Paracelsus-Krankenhaus. Das heisst, die Mitarbeiter haben keine pädiatrische Erfahrung, und die Räume sind nicht kindergerecht, was für einen Kindernotfalldienst unerlässlich ist. Da wir alle noch unseren normalen Praxisalltag zu bewältigen haben und wir unseren Dienst deshalb nicht während 24 Stunden anbieten können, war es für uns wichtig, ein nahes kinderkompetentes Spital im Hintergrund zu haben. Das Triemli ist das.
Von Marianne Bosshard
Ab Mitte 2012 ist der hausärztliche Notfalldienst im Bezirk Horgen neu organisiert. Dann werden alle Fälle in einer Notfallpraxis für ambulante Patienten im See-Spital Horgen gebündelt. Die einzelnen Notfallkreise werden in einem regionalen Dienst zusammengefasst. Wie viele Hausärzte sich am neu organisierten Notfalldienst beteiligen werden, steht laut Markus Gautschi, Direktor des See-Spitals, allerdings noch nicht fest. Das Konzept für die neue integrierte Notfallpraxis sei bereits vom Stiftungsrat des Spitals befürwortet worden und müsse nun noch von den sechs Hausarztvereinigungen im Bezirk abgesegnet werden.
Der Dienst wird lukrativer
Die Bündelung des Notfalldienstes wird auch von der Ärzteschaft im Bezirk mehrheitlich begrüsst, wie der Horgner Internist Boris Nitsche sagt. Dadurch werde er auch für die Ärzte wieder lukrativer, denn schon jetzt gehen viele Patienten im Ernstfall lieber direkt ins Krankenhaus. Notfalldienste, in denen Ärzte wie bisher auf die Patienten warten müssen, seien mit der Notfallpraxis passé. Nicht beteiligen an der neuen Notfallpraxis werden sich die fünfzehn hiesigen Kinderärzte. Bereits am 1. Januar starten sie den ausschliesslich pädiatrischen Notfalldienst. Ihr Notfalldienst wird nicht im Spital angeboten, sondern von den Kinderarztpraxen im Turnus betrieben (siehe Haupttext). Das Pilotprojekt ist vorerst auf ein Jahr beschränkt, der Dienstplan für die ersten sechs Monate steht bereits. Internist Nitsche sieht in der Aufsplittung des Notfalldienstes keine Gefahr, dass der allgemeine Notfalldienst mit dem Wegfall der Kinderärzte überlastet sein wird, denn rund 40 Prozent der Notfälle seien pädiatrischer Natur.
Die Kinderärzte Anna Bewer und Markus Zehnder arbeiten in Horgen, Patrik Schimert (rechts) in Richterswil. Foto: Sabine Rock
Erstellt: 22.11.2011, 06:39 Uhr


