Rubbeln für Gott
Von Christian Brönnimann, Bern
Eine abgedeckte Fläche freirubbeln und auf einen Gewinn hoffen – das Prinzip von Rubbellosen ist simpel. Fast zu simpel für eine Institution wie die Kirche, könnte man meinen. Doch zu genau diesem Mittel greifen die reformierten Landeskirchen der Kantone Zürich, Bern, Solothurn und Aargau, um gegen den Mitgliederschwund anzukämpfen. Ab Ende August wollen sie eine halbe Million Lose unter die Leute bringen. Die Gewinner erhalten ihren Gewinn nicht in die eigene Tasche, sondern können ihn einem selber ausgewählten, kirchlichen Angebot spenden.
«Via Spiellust wollen wir das Interesse der Leute wecken», erklärt Frank Worbs, Aargauer Kirchensprecher und Initiator der Aktion, den Hintergedanken. Vor allem kirchenferne Personen sollen mit den Losen, «die auf den ersten Blick überhaupt nichts mit der Kirche zu tun haben», angesprochen werden. Sie sollen die Vielfalt der gemeinnützigen Angebote der Kirche kennen lernen. Denn um einen Gewinn einzulösen, muss eine Internetsite besucht werden, auf welcher alle Angebote aufgelistet sind.Die gut gemeinte Kampagne löst Irritationen aus. Nur gut jede Vierte der rund 500 Kirchgemeinden in den vier Kantonen beteiligt sich daran. Bei den anderen sind die Vorbehalte zum Teil gross. Die Aktion sei «billig aufgemacht», sagt etwa Suzanne Rieder, Kirchenpflegerin in Kloten. Die Rubbellose erinnerten eher an Migros oder Coop denn an die Kirche. Insgesamt sei das Ganze nicht richtig durchdacht.
Falsche Wirkung befürchtet
Ähnlich tönt es im bernischen Burgdorf. Die Art und Weise, wie die Lose daherkämen, sei «fast ein wenig peinlich», meint Kirchgemeindesekretärin Susanne Baumgartner. In ihrer Kirchgemeinde befürchte man, dass die Aktion eine kontraproduktive Wirkung habe und dass die Leute von den Losen abgeschreckt würden. Dagegen klingt der Grund, weshalb die Kirchgemeinde Baden nicht mitmacht, schon fast banal: Wenn die Kirche in einer Casinostadt mit einem Glücksspiel für sich werben würde, dann wäre dies nur schwer vermittelbar, sagt Kirchgemeindeschreiber Daniel Reuter. Die Kampagne wecke falsche Assoziationen.
Es hagelt Absagen
Solche und weitere Vorbehalte kennt Nicolas Mori, Sprecher der Zürcher Landeskirche, nur zu gut. In seinem Kanton haben vier von fünf Kirchgemeinden der Aktion eine Absage erteilt. Es sei eine «gewisse Enttäuschung da», dass nicht mehr Gemeinden für das Vorhaben gewonnen werden konnten, sagt Mori. Zum Teil fehle die Bereitschaft, neue Wege zu suchen, um die Leute zu erreichen. Von einigen Kirchenvertretern habe er gar hören müssen, dass mit den Glückslosen die Spielsucht gefördert werde. Das sei etwas übertrieben. Besser verstehe er, wenn die Ästhetik der Kampagne beanstandet werde, denn diese sei tatsächlich grell, sagt Mori. Dominiert wird die Kampagne von der Signalfarbe Gelb.
Neben den inhaltlichen Bedenken haben laut Mori viele Kirchenvertreter aber auch zwei ganz pragmatische Gründe dafür angegeben, die Aktion nicht zu unterstützen: fehlende Zeit und zu kurzfristige Anfrage.Die Kampagne entworfen hat die Zürcher Werbeagentur Wirz. Initiator Frank Worbs beziffert die Kosten auf rund 200 000 Franken. Auch Worbs hätte sich erhofft, dass etwas mehr Kirchgemeinden teilnehmen, wie er unumwunden zugibt. Die Kampagne sei vielerorts nicht richtig verstanden worden, sagt er. Die reformierten Kirchen müssten noch üben, gemeinsam aufzutreten; die persönlichen Ansichten würden traditionellerweise sehr hoch gewichtet, und manchmal sei es schwierig, über den eigenen Schatten zu springen. Dass die Aufmachung der Aktion polarisiere, damit habe er aber gerechnet. sagt Worbs. Gerechtfertigt sei die ungewohnte Machart, weil sie sich an eine kirchenferne Zielgruppe richte.Der Dachverband der reformierten Kirchen, der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK, unterstütze die Kampagne grundsätzlich, sei aber nur in der Aufbauphase involviert gewesen, erklärt Sprecher Simon Weber. Die unterschiedlichen Reaktionen erstaunten ihn nicht, denn: «Ist eine Kampagne nicht umstritten, dann ist sie fad.»
Erstellt: 04.07.2011, 22:50 Uhr


