Saufen und fahren

Die Stiftung Roadcross hat ein drastisches Mittel gewählt, um Neulenker auf das Alkoholverbot aufmerksam zu machen: Sie liess Jugendliche betrunken zum Fahrtest antreten. Einige becherten bis zum Erbrechen.

Mit Puppe kollidiert: Ein angetrunkener Partygast beim Fahrtest in der Antischleuderschule Regensdorf.

Mit Puppe kollidiert: Ein angetrunkener Partygast beim Fahrtest in der Antischleuderschule Regensdorf. Bild: Reto Oeschger

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Es ist ein irritierendes Bild, das sich am Samstag am späten Abend vor dem Theorielokal der Antischleuderschule in Regensdorf bietet. Offensichtlich angeheiterte Jugendliche lümmeln vor dem Gebäude herum, Bässe wummern, Gelächter, es werden Bierdosen und Gläser mit bunten Getränken herumgereicht. Fruchtsaft ist darin bestimmt nicht.

Was die Jugendlichen da tun? Sie warten, bis sie endlich Auto fahren dürfen. Angeheitert, wie sie sind. «Die dümmste Party der Welt» nennt sich der Anlass. Aufgezogen hat ihn die Strassenopfer-Stiftung Roadcross. Das Ziel: Die Neulenker sollen am eigenen Leib, aber in einem sicheren Rahmen spüren, wie es sich anfühlt, mit Alkohol im Blut zu fahren. Was sie erleben, wird gefilmt und veröffentlicht. Damit will Roadcross darauf aufmerksam machen, dass Neulenker ab 1. Januar 2014 keinen Alkohol mehr trinken dürfen. Bis sie nach drei Jahren den definitiven Fahrausweis bekommen, sind ihnen nur noch 0,1 Promille erlaubt.

Die gut 80 jungen Leute sind für den Anlass eigens mit einem Car von Zürich nach Regensdorf gefahren worden. Und haben dort als Erstes einen Gratis-Welcome-Drink mit Wodka und Pfirsichlikör erhalten. Danach sind Bier und Shots für vier Franken erhältlich, härtere Drinks kosten bis zehn Franken.

«Ethisch fragwürdig»

Gegen zwei Stunden dauert die Party, bis die ersten Fahrtests beginnen. In Dreiergruppen treten die jungen Leute an, begleitet von einem Fahrlehrer. Die erste Runde scheinen alle recht gut zu bewältigen. Rechtzeitig stoppen beim Rotlicht, Slalom fahren, geradeaus beschleunigen: Alles kein grosses Problem. Doch in der zweiten Runde passiert es. An einem Gerüst, das sich über die Fahrbahn spannt, wird überraschend eine Puppe vor das fahrende Auto gezogen. 50 Stundenkilometer beträgt die Geschwindigkeit im Moment, als die Puppe 24 Meter entfernt auftaucht. Ein kurzer Bremsweg, aber im nüchternen Zustand machbar. Das zeigten Tests im Voraus. Doch jetzt passiert in neun von zehn Fällen das: Reifen quietschen, ein dumpfer Aufprall, dann schleudert die Puppe durch die Luft. Nur ein einziger Junglenker kann rechtzeitig bremsen.

Die Sache mit der Puppe war bis zum Abend geheim. Dennoch ist der Anlass im Voraus kritisiert worden, so etwa von Suchtfachleuten vom Blauen Kreuz. Pressesprecher Henrik Viertel sagt: «Leuten Alkohol auszuschenken, nur um so etwas zu testen, ist ethisch fragwürdig. Und es ist unnötig: Es gibt ja Simulatoren und Schwipsbrillen, die einen guten Eindruck geben, wie man betrunken fahren würde.» Vor allem aber gebe es mit Sicherheit Leute, die den Parcours bestünden, so Viertel. «Die denken dann möglicherweise: ‹Ich kann ja auch betrunken fahren.›»

Genau deshalb, kontert Roadcross-Geschäftsführerin Valesca Zaugg, habe man die Puppe eingebaut: Damit möglichst niemand den Parcours bestehe. «Wir wollten eine Situation schaffen, die der Realität entspricht», so Zaugg. Deshalb auch die Party, deshalb keine Kontrolle, wer wie viel trinkt. Ein Film mit Schauspielern sei weniger glaubwürdig und weniger eindrücklich, ebenso der Simulator, sagt Zaugg.

Wenig Einsicht

Unberechtigt sind die Befürchtungen des Blauen Kreuzes allerdings nicht. Die jungen Leute, mit denen der TA nach dem Test gesprochen hat, beteuern zwar, sie würden nie angeheitert fahren. Allerdings weniger aus Einsicht als vielmehr aus Angst davor, erwischt zu werden. «Mein Fahrausweis und mein Auto sind mir zu wichtig», sagt ein 19-jähriger Testfahrer, und eine gleichaltrige Lenkerin meint: «Ich will ja keine Probleme mit der Versicherung.» Gekommen sind sie, um einmal auszuprobieren, wie es sich anfühlt, betrunken zu fahren. «Es reizt eben schon», sagt ein Jugendlicher. «Und besser, man fährt legal einmal angetrunken als illegal.»

Und haben sie jetzt neue Einsichten gewonnen? «Es war eindrücklich», sagt die 19-Jährige, «jetzt weiss ich, warum ich betrunken nicht fahren sollte.» Sie habe auf dem Parcours ihre liebe Mühe gehabt. Die männlichen Testfahrer hingegen behaupten, sie hätten die zwei Runden «locker» bewältigt. Bis auf die Sache mit der Puppe natürlich. Einer gibt offen zu, ohne Puppe hätte ihm der Fahrtest eher bestätigt, dass er auch beschwipst fahren könnte. Viele bezweifeln, dass sie nüchtern schneller hätten bremsen können.

Derweil zeigt sich im Partyraum noch eine ganz andere Realität: die Realität feiernder Jugendlicher. Je länger die Verbleibenden warten müssen, desto weniger kommen sie noch für den Fahrtest infrage. Vor dem Theorielokal ist die Stimmung zeitweise gereizt. Eine Vierergruppe verzieht sich verärgert, ihr ist die Geduld ausgegangen.

«Äh ... 1994.»

Ein Jugendlicher wird von einer Sanitäterin aus dem Übungsgelände geführt. Sie setzt sich mit ihm auf ein Mäuerchen, wärmt seine Hände, fühlt den Puls, stellt Fragen: «Welches Datum haben wir heute?» «Ou Sie, mit Daten bin ich schlecht.» «Dann kannst du mir wenigstens sagen, welche Jahreszeit ist?» «Äh . . . 1994.» «Ich habe dich nicht nach einer Jahreszahl gefragt, ich möchte die Jahreszeit wissen.» «Sommer?» Dann übergibt er sich. Der junge Mann soll nicht die einzige Alkoholleiche bleiben. Um halb eins wird die Party vorzeitig beendet; die restlichen teils ziemlich betrunkenen jungen Leute werden per Car zurück nach Zürich gebracht.

Trotzdem bezeichnet Roadcross-Pressesprecher Stefan Krähenbühl den Anlass als Erfolg. Er ist überzeugt, dass die Stiftung mit dem Film, der in etwa einer Woche erscheinen soll, viele Jugendliche erreichen wird. Dass ein junger Mann den Fahrtest bestanden habe, sei für das Ganze «irrelevant». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2013, 21:15 Uhr

Fahrtest der Stiftung Roadcross.

Kommentar von Liliane Minor

Bechern mit Roadcross

Wer eine Botschaft verkaufen will, der muss auffallen. Das gilt auch – oder sogar verstärkt – bei der Prävention. Mit der «dümmsten Party der Welt» ist die Stiftung Roadcross jedoch weit übers Ziel hinausgeschossen.

Nur schon die Grundidee ist fragwürdig: Da werden Jugendliche für einen Fahrtest zum Trinken animiert. Um sie darauf aufmerksam zu machen, dass Alkohol am Steuer nichts zu suchen hat. Den Fahrtest absolvieren dürfen aber nur zehn von mehr als achtzig Teilnehmenden, zwanzig weitere sind Beifahrer. Und der Rest? Statisten, die sich langweilen und teils bis zum Erbrechen saufen. Und das in der Obhut von Roadcross.

Das ginge ja, wenn der Lerneffekt nicht anders zu erreichen wäre. Aber Roadcross überschätzt hier den Wert der eigenen Erfahrung. Denn es ist ja gerade eine Tücke der Trunkenheit, dass man kaum mehr abschätzen kann, ob man ohne Alkohol anders reagieren würde. Simulatoren sind dem überlegen: Man fährt wie betrunken, weiss aber genau, wie es nüchtern ginge. Weil man nüchtern ist.

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