Und was ist mit den Letten-Kindern?

Ein Danke an Zürich, Mitgefühl und offene Fragen: Reaktionen zur Platzspitz-Serie.

Die Serie «Das Platzspitz-Trauma» löste grosse Diskussionen aus: Fixer auf dem Letten 1994.

Die Serie «Das Platzspitz-Trauma» löste grosse Diskussionen aus: Fixer auf dem Letten 1994. Bild: Pascal Le Segretain/Corbis

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Als man den Letten schloss, verschwand die Drogenszene aus der Öffentlichkeit. Die Menschen aber blieben, und auch die Drogen – auch wenn der Heroinkonsum ab Mitte der Neunzigerjahre stetig abnahm. Heute werden vermehrt andere Drogen an anderen Orten und in anderen Formen konsumiert. Statt Heroin sind es vor allem Kokain, Crack und die sogenannten Partydrogen.

Gleich geblieben ist aber die Tragik, wenn Menschen in die Sucht abrutschen – für Angehörige und Freunde ist das meistens bitter und schmerzlich. Für Aussenstehende oft unverständlich und beängstigend. Das zeigten zahlreiche Leserreaktionen. Inhaltlich gab vor allem die Rolle von Kantonsarzt Gonzague Kistler nochmals zu reden. Er hatte den Stadtzürcher Ärzten und Apothekern Mitte der Achtzigerjahre verboten, saubere Spritzen abzugeben – mit dem Resultat, dass Aids und andere Krankheiten sich unter den Fixern sehr rasch ausbreiteten und viele daran starben. Dies sorgt noch heute für Wut.

Randständig, aber anständig

Viel Rückmeldung gab es von Leuten, die direkt oder indirekt von Sucht betroffen sind. Bemerkenswert an den Leserreaktionen ist das Mitgefühl und Verständnis, das man den Süchtigen auch heute noch mehrheitlich entgegenbringt. Vielen war wichtig zu betonen, dass auch Süchtige ein Anrecht auf menschenwürdige Behandlung haben. «Viel zu oft heben sich die Menschen von den Suchtbetroffenen ab und schauen auf diese herunter. Ja, diese Menschen sind randständig, doch nur weil sie von ihren Mitmenschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden», schreibt etwa eine Leserin auf Facebook.

Deutlich wurde in der Diskussion auch, dass die Suchtproblematik auch auf institutioneller Ebene ein schwieriges Thema bleibt. Nach wie vor gibt es viele Aspekte, die noch einer besseren Klärung bedürfen, denn auch Heroin- und Methadonprogramme allein sind nicht der Weisheit letzter Schluss. Da wäre zum Beispiel die Frage, wie man mit langjährig Süchtigen umgeht, wie eine Kommentatorin bemerkt: «Und vergesst sie nicht! Ihr seht sie kaum noch in der Stadt, aber sie sind noch da!! Und zunehmend fehlen Einrichtungen für unsere ‹alten› süchtigen Menschen!»

Hilfsindustrie ohne Plan

Doch nicht alle haben Mitgefühl. Es gab auch Stimmen, die gerade von Süchtigen mehr Eigenverantwortung verlangen und die Behörden kritisieren, welche Fixer als Opfer der Gesellschaft behandeln. Besonders brisant ist auch die Frage, wie die Behörden mit den Kindern Süchtiger umgegangen sind – und noch immer umgehen. Dass es hier noch einiges aufzuarbeiten gibt, bemerkt nicht nur eine Leserin. Besonders eindrücklich griff das Buch «Platzspitzbaby» das Thema auf. Autorin Franziska K. Müller kritisierte in verschiedenen Artikeln, dass die Hilfsindustrie sich ausschliesslich auf das Wohl der Süchtigen konzentriert. Die Bedürfnisse der Kinder, die bei solchen Eltern leben und oft vernachlässigt oder misshandelt werden, würden aber allzu oft ausgeblendet.

Berührend waren nicht zuletzt die Reaktionen jener, die damals auf dem Platzspitz und Letten abstürzten und es überlebt haben. Viele meldeten sich per Facebook und deuteten an, es sei alles noch viel schlimmer gewesen. Auch Dank an die Stadt Zürich gibt es, von einer Leserin, die sich Mitte der Achtzigerjahre mit HIV ansteckte, heute fünfzig ist – und gesund: «Werde der Stadt Zürich ewig für die Hilfe dankbar sein, weil sie mir eine therapeutische Massnahme ermöglicht hat. Ich hätts sonst nicht geschafft.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.05.2014, 16:01 Uhr

Das Platzspitz-Trauma

Die riesige offene Drogenszene in den Achtziger- und Neunzigerjahren zählt zu den grössten sozialen Katastrophen Zürichs und der Schweiz überhaupt.

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