Wie die Sterbehilfe wieder in Verruf kam

Die Sterbehilfeorganisation Dignitas steht seit Jahren in der Kritik. Ein Überblick über die Ereignisse, die letztlich zu den Sterbehilfe-Verbotsinitiativen führten.

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Von Liliane Minor

Zürich – Schon die Gründung von Dignitas begann 1998 mit einem Eklat: einem Streit darüber, wem Exit Sterbehilfe leisten sollte. Auf der einen Seite standen jene, die für eine restriktive Regelung plädierten, auf der anderen Seite Ludwig Minelli und einige Mitstreiter, die auch Suizidbegleitungen für psychisch Kranke und nicht in der Schweiz wohnhafte Menschen durchführen wollten. Die Positionen blieben unvereinbar, Minelli verliess mit einigen Gleichgesinnten Exit und gründete Dignitas.

Seither lebt der ehemalige Journalist und Jurist für seine Mission. Er verlangt das umfassende Recht auf einen begleiteten Suizid für alle, selbst gesunde Menschen, wenn sie auch nach ausführlicher Beratung keinen Sinn mehr sehen im Weiterleben. Das ist rechtlich heikel: Beihilfe zur Selbsttötung ist zwar straffrei, wenn sie nicht aus selbstsüchtigen Beweggründen erfolgt. Aber die Ärzte dürfen das Rezept für das tödliche Medikament NaP nur an körperlich todkranke Menschen ausstellen. Voraussetzung sind mindestens zwei Konsultationen.

An die Öffentlichkeit gezerrt

Minelli will das ändern. Dass er mit seinen Bemühungen aneckt und die Gefühle anderer Menschen verletzt, nimmt er in Kauf. Immer wieder provozierte er Schlagzeilen, etwa als er ankündigte, Dignitas wolle eine gesunde Frau zusammen mit ihrem Mann sterben lassen. Oder als er Suizide mit Helium durchführen liess. Und wenn Minelli selbst nicht provozierte, dann zerrten ihn andere an die Öffentlichkeit.

2007 bis 2009 überschlugen sich die Ereignisse. Auslöser waren zwei Zeitungsberichte, die Dignitas in ein schiefes Licht rückten. Im einen klagte der Sohn einer Verstorbenen, die eigens aus England zum Sterben angereist war, über unwürdige Umstände. Im zweiten berichteten Zeugen über zwei Sterbende, die einen längeren Todeskampf zu ertragen hatten statt einfach friedlich zu entschlummern. Beweise für die Vorwürfe sah die Öffentlichkeit nie, auch ähnliche Fälle wurden keine bekannt. Minelli wies die Anschuldigungen scharf zurück.Die Folgen der beiden Berichte waren für Dignitas allerdings dramatisch. Der Verein verlor die bisherige Sterbewohnung in Zürich und fand längere Zeit keine Bleibe. Das war problematisch, weil Dignitas hauptsächlich Menschen aus dem Ausland in den Tod begleitet.

Suizide im Auto und im Hotel

Bei der Suche nach einer neuen Sterbewohnung spielte Minelli keine glückliche Rolle. Zuerst mietete Dignitas mitten in einem Wohnquartier in Stäfa eine Wohnung, musste sie nach Protesten aus der Nachbarschaft aber wieder aufgeben. Die Sterbehelfer wichen auf Hotelzimmer aus, ein paar wenige Male starben Suizidwillige auch im eigenen Auto. Das führte zu Gerüchten, Dignitas kläre die Fälle im Voraus nicht sorgfältig ab – ein Vorwurf, der sich nicht erhärten liess. Fortan schlug Dignitas aber Misstrauen entgegen. Ein Sterbezimmer in einer Industrieliegenschaft in Schwerzenbach musste der Verein ebenso wieder aufgeben wie eines in einem Gewerbehaus in Wetzikon. Die Folge dieser Schlagzeilen sind die beiden Initiativen, über die am 15. Mai abgestimmt wird.

Minelli fand schliesslich doch noch eine Bleibe für seinen Verein: Seit 2009 betreibt Dignitas im Industriegebiet von Pfäffikon ein Sterbezimmer. Dort ist der Verein heute akzeptiert, obwohl der Gemeinderat anfangs keinen Hehl aus seiner Ablehnung gemacht hatte. Anwohner gaben den Medien schon nach wenigen Wochen zu Protokoll, man merke von Dignitas überhaupt nichts.

Buchhaltung nicht offengelegt

Dennoch blieb Dignitas in den Medien. Immer wieder tauchten Vorwürfe auf, Minelli verdiene an den Sterbewilligen. Derzeit läuft ein entsprechendes Rechtsverfahren. Nachweisen konnte man dem Dignitas-Chef bislang nie etwas. Dass der Verdacht dennoch immer wieder auftaucht, liegt auch daran, dass der Chef sich weigert, die Vereinsbuchhaltung offenzulegen, weil diese Privatsache sei. So ist nicht bekannt, wie sich die Kosten von 6000 Franken für Vorbereitung und Durchführung einer Sterbehilfe genau zusammensetzen.

Heute begleitet Dignitas pro Jahr knapp 100 Menschen in den Tod. Mehr als doppelt so viele melden sich zwar für einen assistierten Suizid an, nehmen die Hilfe dann aber doch nicht in Anspruch. Und etwa 1000 Menschen lassen sich jährlich beraten.

(Erstellt: 17.04.2011, 21:25 Uhr)

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