Zürich

«Wirtschaftsvertreter wollen sich nun auch im Spendenparlament sozial engagieren»

Das Spendenparlament tagt heute zum 9. Mal. Pfarrer und Vorstand Christoph Sigrist erklärt, warum der Verein dieses Jahr einen Meilenstein erreicht hat.

Die Sitzung des Spendenparlaments ist öffentlich. Der Rat tagt heute zwischen 17.45 und 20.30 Uhr im Rathaus Zürich. Dabei werden insgesamt 90 000 Franken an sechs Integrationsprojekte vergeben. Das Spendenparlament wurde 2006 als Verein nach dem Hamburger Vorbild gegründet. Der Vorstand des Rates besteht aus mindestens fünf Mitgliedern, präsidiert wird er derzeit von Pfarrer Christoph Sigrist. Das Parlament befindet zweimal jährlich darüber, welche Projekte der Rat unterstützen soll. Parlamentarier wird, wer 500 Franken bezahlt und von der Mehrheit des Vorstands aufgenommen wird, bei juristischen Personen beträgt der Beitrag 2500 Franken. Der Rat hat über 100?Mitglieder und wächst stetig.(saz)

Mit Christoph Sigrist sprach Samira Zingaro

Herr Sigrist, warum braucht Zürich ein Spendenparlament?

Aus drei Gründen. Als Grossstadt ist Zürich darauf angewiesen, die sozialen Kräfte zu stärken. Es laufen zudem viele gute Integrationsprojekte, denen es immer an Geld fehlt. Letztlich schlägt das Spendenparlament eine Brücke: Es stellt den Kontakt her zwischen denen, die Geld besitzen, und denen, die Geld brauchen. Gerade in diesem Punkt haben wir dieses Jahr einen Meilenstein erreicht.

Inwiefern?

Bislang waren vor allem Einzelpersonen Parlamentsmitglieder. Nun haben wir eine Stiftung für die Firmen gegründet. Bereits konnten wir unter anderem Swiss Life, PricewaterhouseCoopers, die Bank Wegelin & Co. sowie die Hans- Konrad-Rahn-Stiftung für den Förderbeirat gewinnen. 200 000 Franken kamen schon zusammen. Die Stiftung hilft uns, das Spendenparlament langfristig zu sichern und mehr Mitglieder zu gewinnen. Unser Verein wird für die Wirtschaftsvertreter interessant. Sie wollen sich nun sozial auch hier engagieren.

Sind das nicht Lippenbekenntnisse? Die Stiftungsbeiträge sind doch für solche Firmen Peanuts.

Ich verstehe diesen Einwand. Das ging mir am Anfang auch durch den Kopf. Doch ich habe mit allen Vertretern lange gesprochen. Ich kann Ihnen versichern, es hat seit der Finanzkrise ein Umdenken in den Unternehmen stattgefunden. Ich habe das Gefühl, die Wirtschaftskapitäne nehmen ihre soziale Verantwortung im grösseren Stile wahr.

Welches Projekt liegt Ihnen dieses Jahr besonders am Herzen?

Es sind natürlich alle wichtig, aber um drei herauszupicken: Mir gefällt das Projekt Prisma, das Aktivitäten für behinderte Menschen organisiert, oder das Kafi Klick an der Müllerstrasse. Es ist ein Internetcafé für mittellose Menschen. Wichtig ist auch die Isla Victoria in Winterthur. Dort werden Frauen im Sexgewerbe beraten. Wichtig ist bei allen Projekten die Integration.

Ein viel benutzter Begriff. Was verstehen Sie darunter?

In diesem Fall bedeutet Integration, benachteiligte Menschen mit ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen in die Gesellschaft einzugliedern. Integration ist unser Fundament des Zusammenlebens.

Das Parlament hat früher auch Projekte abgelehnt. Warum?

Ablehnungsgründe waren etwa, dass der Rat zu wenig Geld hatte, oder auch, dass die Projekte polarisierten. Die Debatten widerspiegeln Diskussionen bei der öffentlichen Meinung.

Sie tagen im Rathaus. Hat dies einen besonderen Grund?

An diesem Ort wird diese wichtige Debatte um soziale Themen öffentlich.

Christoph Sigrist

Der Zürcher arbeitet seit sieben Jahren als Pfarrer am Grossmünster. Er lehrt ausserdem an der Theologischen Fakultät der Universität Bern.

Erstellt: 24.11.2010, 21:25 Uhr

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