Holz spalten für 1.80 Franken pro Stunde

Die Stadt Uster spannt ihre Flüchtlinge seit Juni 2016 flächendeckend für Arbeiten ein. Eine erste Bilanz.

Ustermer Flüchtlinge bei einem Arbeitseinsatz im Wald. Foto: Christoph Kaminski

Ustermer Flüchtlinge bei einem Arbeitseinsatz im Wald. Foto: Christoph Kaminski

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Statt am Bahnhof herumzuhängen, lernen Usters Flüchtlinge vormittags Deutsch und gehen nachmittags einer Beschäftigung nach. Damit möchte die Stadt den Asylbewerbern von Anfang an eine Tagesstruktur geben und sie an die Schweizer Arbeitswelt heranführen. In der Hoffnung, dass sich die Flüchtlinge so besser integrieren und langfristig weniger von der Sozialhilfe abhängig sind. Denn Uster geht davon aus, dass die Asylsuchenden längerfristig in der Schweiz bleiben werden.

Das Beschäftigungsprogramm läuft seit dem letzten Juni, womit sich nun eine erste Bilanz ziehen lässt. Sie fällt laut Jörg Schilter, dem Leiter der Ustermer Asylkoordination, positiv aus. Es sei gelungen, für fast alle erwachsenen Flüchtlinge eine Beschäftigung zu finden. Die Asylbewerber helfen nun unter anderem beim Schneeräumen, führen Malerarbeiten aus und bewachen die Velostation beim Bahnhof. Dazu gezwungen wird zwar niemand, aber der Arbeitseinsatz wird von allen erwartet. Bei Familien mit kleinen Kindern soll mindestens ein Elternteil mitmachen. Meist ist dies der Mann, während die Frau die Kinder betreut.

«Was soll ich sonst machen?»

In der Regel leisten die Flüchtlinge drei bis vier Halbtage pro Woche. Dafür werden sie mit 1.80 Franken pro Stunde entschädigt. Dies ist nicht viel, aber mehr als gar nichts. Kommt hinzu, dass viele Asylbewerber dankbar sind, dass sie etwas zu tun haben und sich nicht langweilen müssen. Etwa Sabah al-Janabi aus dem Irak. «Was soll ich sonst zu Hause machen», fragt er. «Schlafen?» Da zieht er den Arbeitseinsatz im Wald unter der Anleitung eines Zivilschützers vor. Zusammen mit anderen Flüchtlingen schneidet er das Holz eines nahe gelegenen Naturparks mit einer Maschine und spaltet es anschliessend zu Brennholzscheiten. Der Verdienst dafür könnte besser sein, findet al-Janabi. Letztes Jahr habe es noch 2 Franken pro Stunde gegeben, jetzt 1.80 Franken. Das tut der Motivation des Irakers und seiner Kollegen aber keinen Abbruch. Sie freuen sich, dass sie beschäftigt sind.

Hiezu tragen auch die vormittäglichen Deutschkurse bei, die von Montag bis Freitag stattfinden. Durchgeführt werden sie von Freiwilligen, die jeweils einen Tag pro Woche unterrichten und sich untereinander absprechen, um die Lektionen aufeinander abzustimmen. Laut Schilter hat der Elan dieser Helferinnen und Helfer keineswegs nachgelassen. Im Gegenteil. Statt drei Sprachkurse wie zu Beginn würden nun täglich vier parallele Kurse durchgeführt. Auch für die Kinderbetreuung während des Unterrichts finde man nach wie vor genügend Freiwillige.

Das Engagement trägt jetzt erste Früchte. Sprachtests attestieren den Flüchtlingen deutliche Fortschritte, wobei die Besten laut Schilter gute Werte auf dem Sprachniveau A2 erreichen. Das heisst: Sie können sich in einfachen, routinemässigen Situationen verständigen. Dies ist Voraussetzung, um im eigentlichen Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden. Dort, wo man mehr verdient als 1.80 Franken pro Stunde.

«Weniger Konflikte»

Um einen solchen Arbeitsplatz zu bekommen, braucht es nebst Sprachkenntnissen auch einen positiven Asylentscheid. Fast alle der rund hundert Ustermer Flüchtlinge haben aber immer noch Status N. Ihr Fall ist also nicht entschieden. Sie dürfen daher nur unter strengen Bedingungen ausserhalb von Beschäftigungsprogrammen arbeiten. Im Kanton Zürich sind diese Bedingungen besonders restriktiv, was das Finden einer Arbeitsstelle mit Status N fast unmöglich macht. Kommt hinzu, dass die meisten Arbeitgeber ohnehin niemanden einstellen, der das Land vielleicht schon bald wieder verlassen muss.

Bis jetzt haben die Asylbehörden erst in drei Ustermer Fällen entschieden: Eine Person wurde abgewiesen, eine Familie und ein 24-jähriger Iraker sind vorläufig aufgenommen. Dieser junge Mann darf nun gleich einen weiteren Erfolg verbuchen: Er kann bei einem «richtigen» Unternehmen probehalber arbeiten gehen.

Asylkoordinator Schilter glaubt, dass die Tagesstruktur mit Deutschkursen und Arbeitseinsätzen sich auch positiv auf die Gesundheit der Flüchtlinge auswirkt. Zudem komme es zu weniger Konflikten – sowohl unter den Asylbewerbern selbst als auch gegenüber der Bevölkerung. Sieht man die Flüchtlinge beim Reinigen der Strassen, ist deren Akzeptanz eben eine ganz andere, als wenn sie im Park herumhängen. «Ich habe den Eindruck, dass die Flüchtlinge hier integrierter sind als anderswo, wo man auf solche Anstrengungen verzichtet», sagt Schilter.

Bund und Kanton bremsen

Ökonom Rudolf Strahm räumt dem Ustermer Engagement denn auch Pioniercharakter ein. Zwar kennen andere Orte ebenfalls Integrationsprogramme. Derart flächendeckend wie in Uster sind diese aber selten. Etliche Gemeinden haben sich inzwischen in der Zürcher Oberländer Stadt nach deren Erfahrungen erkundigt. Auch sie wollen vermeiden, dass sich die Flüchtlinge ans Nichtstun gewöhnen. Denn langfristig müssen die Städte und Gemeinden für die Sozialhilfe aufkommen.

Kurzfristig fördern der Bund und der Kanton Zürich solche Integrationsbemühungen freilich nicht – zum Bedauern der Ustermer Sozialvorsteherin und SP-Stadträtin Barbara Thalmann. Der Bund zahlt lediglich eine einmalige Integrationspauschale von 6000 Franken. Gleichzeitig übernimmt er während der ersten fünf bis sieben Jahre die Sozialhilfekosten und verringert damit den Anreiz der Gemeinden, die Flüchtlinge schnell ins Arbeits­leben zu integrieren.

Auch für den Zürcher Regierungsrat ist die Erwerbstätigkeit von Asylsuchenden «nicht das vorrangige Ziel». Zum einen fürchtet er sich vor dem Verdrängen anderer Arbeitskräfte. Zum andern will er verhindern, dass sich die Asylsuchenden integrieren, bevor über ihr Gesuch entschieden ist. Dies erschwere bei einem negativen Entscheid bloss die Wegweisung. Bei einem positiven Entscheid jedoch kann sich ein frühzeitiges Gewöhnen an die Schweizer Arbeitswelt durchaus lohnen, wie sich in Uster zeigt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2017, 09:39 Uhr

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Vorbild für andere Gemeinden

Als die Stadt Uster im Frühjahr 2016 über ihr Beschäftigungsprogramm informierte, interessierten sich gleich mehrere Gemeinden aus dem Bezirk Affoltern für das Modell. Sie traten mit Uster in Kontakt, und der Sozialdienst des Bezirks arbeitete in der Folge Vorgaben aus, nach denen seit Herbst verschiedenste Projekte umgesetzt werden.
Die meisten grösseren Gemeinden im Kanton bieten den Flüchtlingen die Möglichkeit, sich mit gemeinnütziger Arbeit zu beschäftigen. Die Einsätze, die oft nur sporadisch und teilweise saisonal abhängig sind, stossen auf reges Interesse. Es sei schön, so der Tenor bei den Flüchtlingen, die Zeit nicht nur mit Essen und Schlafen zu verbringen. Die Einsätze helfen, den Alltag zu strukturieren, und bieten Möglichkeit, Deutschkenntnisse in der Praxis anzuwenden. Die niederschwelligen Arbeiten reichen von Wald- und Gartenarbeit auf öffentlichen Anlagen über Fötzeli-Touren bis hin zu Velovermietungen. Die Asylsuchenden erhalten dafür oft einen Beitrag an ihre Integrationszulage, der von Gesetzes wegen auf 200 Franken monatlich beschränkt ist. Regensdorf zum Beispiel hat gestern ein Programm gestartet, das es zehn Asylsuchenden ermöglicht, halbtags Deutsch zu lernen und halbtags bei Recyclingarbeiten zu helfen. Das Programm kam auf Anfrage der Asylsuchenden selber zustande. Die Gemeinde betreut derzeit rund 130 Flüchtlinge.

Die Stadt Zürich sieht sich im Kanton als Vorreiterin bei den gemeinnützigen Einsätzen für Flüchtlinge. Seit 2003 koordiniert die Asylorganisation Zürich (AOZ) rund 500 Plätze in der Verwaltung und in gemeinnützigen Organisationen. Weiter unterstützt die AOZ rund 30 Gemeinden in der Asylarbeit. Rund 35 Gemeinden haben die Konkurrenzfirma ORS Service AG mit der Flüchtlingsbetreuung beauftragt. Die Mehrheit der Zürcher Gemeinden bietet Sprachkurse für Flüchtlinge an. Diese werden oft von Freiwilligen organisiert und finden grösstenteils mehr als einmal in der Woche statt. Die Teilnahme ist freiwillig.
Sarah Fluck

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