50 Fragen an den Technopapst

Arnold «Nöldi» Meyer wird 50. Der Technopapst über die Anfänge der Zürcher Clubs, den besten Pornodarsteller und die Songs, die an seiner Beerdigung gespielt werden.

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Arnold «Nöldi» Meyer kam am 3. November 1965 in Konstanz als Sohn eines Psychiaters und einer TV-Journalistin zur Welt, zwei Jahre später wurde Bruder Robert geboren, der sich als DJ und Musikproduzent Minus 8 einen Namen machte. 1978 bastelte Arnold Meyer sein erstes Fanzine, später setzte er sein schon damals immenses Musikwissen als freier Journalist für Publikationen wie «Music Scene», «21i», «Weltwoche» oder «Züritipp» ein. 1987 aber stellte er in der DRS3-Sendung «Let’s Dance» neue House-Maxis vor. Bald darauf fing er an, Dance-Events mitzuorganisieren. In diesem Bereich wurde er zum Pionier, der die nationale Clubmusikszene fortan über Jahrzehnte prägte; zu seinem ­bekanntesten Anlass wurde die Mega-Techno-Party Energy, zu seiner renommiertesten Location das Rohstofflager, das er mit Partnern betrieb.

Der Technopapst ging aber auch immer wieder mal «fremd» – einerseits, indem er mit schrägen Partys seiner Liebe zum Heavy Metal huldigte, andererseits mit der Organisation der Erotikmesse Extasia oder mit der Gründung der Firma Event-Hostessen.

1. Die wichtigste Persönlichkeit, lebendig oder tot?
Ian Curtis von der Band Joy Division aus Manchester. Auch nach über 35 Jahren ist sein Werk stilprägend.

2. Welche Pin-Ups/Poster hingen bei Ihnen im Alter von 15 an der Wand?
In den Spät-70ern waren es Punk- und Post-Punk-Sängerinnen wie Debbie Harrie (Blondie), Siouxsie Sioux, Poly Styrene (X-Ray Spex), die Band Slits, Lydia Lunch, Nina Hagen, sie alle fungierten als Vorbilder. In der «Bravo» gabs von ihnen aber selten Posters. Punk war auch eine feministische Bewegung. Die Pin-ups waren starke Persönlichkeiten, sie waren sexy, spielten aber auch musikalisch eine sehr wichtige Rolle. Ähnlich wie das lustigerweise auch heute mit Beyonce, Rihanna & Co. der Fall ist.

3. Hall of Fame der DJs: Welche fünf Namen gehören zwingend hinein?
In den 70ern und 80ern war Larry Levan im New Yorker Club Paradise Garage stilprägend. Ab Mitte der 80er teilten sich Frankie Knuckles vom Warehouse, Ron Hardy von der Musicbox in Chicago und Derrick May im Music Institute Detroit die Krone. Seither haben unzählige DJs Spuren hinterlassen – bis zu David Guetta, der das DJ-Dasein Ende der Nullerjahre in eine neue Sphäre hievte.

4. Der schlimmste Song aller Zeiten?
«In 100 Years...», die letzte Single 1987 von Modern Talking, die nur noch auf Platz 30 der Charts landete.

5. Der essenziellste Satz, den Sie als Musikjournalist geschrieben haben?
Was triftige Sätze betrifft, machen das andere bessere, Winston Churchill etwa: «If you’re going through hell, keep on going.»

6. Angeblich lassen Sie auch heute noch von Ihrer Mutter zum Essen einladen. Wie kommt das?
Wenn meine in Italien wohnende Mutter einmal jährlich nach Zürich kommt und mein Bruder und ich mit ihr essen gehen, ist es tatsächlich immer ein Kampf, wer am Schluss die Rechnung zahlt. Diesen gewinnt jeweils meine Mutter.

7. Was halten Sie eigentlich von der Bezeichnung «Technopapst»?
Es sind ja zwei Gegensätze: Der Vatikan mit seinen rückständigen, einengenden Regeln – und Techno als Synonym für Ausschweifung, Rausch, Freiheit. Der Begriff Techno ist auch 30 Jahre nach der ersten Model 500-Single «No UFOs» immer noch aktuell. Schlimmer wäre es gewesen, wenn es geheissen hätte «Acid- Jazz-Papst» oder «Trip-Hop-Papst», das wäre dann wirklich out of date heute.

8. Welcher echte Papst war/ist dem Technopapst am sympathischsten?
Papst Franziskus, wobei er zu fest mit angezogener Handbremse fährt, was die Erneuerung der Kirche betrifft, insbesondere auch in der Gender-Frage.

9. Sind Sie reich geworden?
In den ersten Rave-Jahren, als Techno komplett neu war, war die Gewinnmarche hoch, die DJ-Gagen lagen bei einem Bruchteil von heute, und die Nachfrage nach Techno-Parties war viel grösser als das Angebot. Damals konnte man wirklich reich werden damit, doch das Geld hält natürlich nicht Jahrzehnte hin. Als mit den Jahren das Angebot immer grösser und der Markt überflutet wurde, pendelte sich die Marche auf normalem Level ein. Heutzutage sind die Clubs am Kämpfen, einige Clubs legen gar drauf.

10. Ihre erste Single?
1975 kaufte ich in der Schallplatten-Abteilung im Jelmoli die Single «Action» der Glitter-Band The Sweet.

11. Das liebste Kleidungsstück?
Das sind T-Shirts von Bands wie Joy Division, The Clash und The Smiths.

12. Wieso haben Sie eigentlich unglaublichen Erfolg beim anderen Geschlecht?
Da muss eine Verwechslung vorliegen.

13. Was würden Sie für kein Geld der Welt machen?
Ich hätte sicher Skrupel, wenn ich jetzt plötzlich Waffen in Kriegsgebiete verschieben würde.

14. Woran merken Sie, dass Sie älter geworden sind?
Am Song «My Generation» von The Who, der 1965 erschien, in meinem Geburtsjahr: «Hope I die, before I get old.» Wenn man 20 ist, ist 50 ein scheinbar Lichtjahre entferntes Alter. Wenns dann soweit ist, merkt man nicht mehr viel.

15. Ihr Lieblingsrestaurant?
Too many to mention. Nehmen wir spotan das «Morgenstern» im Kreis 4.

16. Wo zeigt sich Ihre Eitelkeit?
Gar nicht. Ich finde das eine überflüssige Eigenschaft.

17. Gibt es einen Gegenstand, der Sie seit 50 Jahren treu begleitet?
Nein, erst seit den 90ern: das Natel C, inzwischen aber zum Smartphone mutiert.

18. Die liebste Sportmannschaft?
Ich bin kein Sport-Fan. Wenn am Radio Sportliches verlesen wird, höre ich weg. Wenn ich aber trotzdem eine Mannschaft wählen müsste, wäre es der FCZ.

19. Ihr letzter Tanz?
Als ich Ende der 70er erstmals in Discos ging, war ich aktiver Tänzer. In Italien erlebte ich Italo-Disco hautnah mit. Anfang der 80er reiste ich mit dem Mofa ins Big Apple nach Altstetten, weil dort die neuesten Import-Maxis aus New York liefen. Es war dann ein fliessender Übergang von der New Yorker Club Music zur Chicagoer House Music, die ab Mitte der 80er DJ Roger Giger im Flamingo spielte, jeden Samstag sechs Stunden am Stück!

20. Der unvergesslichste Rock-Gig?
Ich hatte in den 70ern und 80ern die Ehre, viele Bands, die später Geschichte schrieben, in der Blütezeit ihrer Karriere miterleben zu dürfen: 1981 Kraftwerk im Volkshaus war ein Erlebnis. Ärgerlicherweise verpasste ich aber auch wichtige Gigs: Led Zeppelin, Abba, Pink Floyd und Queen im Hallenstadion.

21. Welche Eigenschaft Ihres Bruder würden Sie gern besitzen?
Keine. Wir sind uns sehr ähnlich, was Interessen und Eigenschaften betrifft.

22. Welcher Song muss zwingend an Ihrer Beerdigung gespielt werden?
Da müsste gewürfelt werden zwischen «Song To The Siren» (This Mortal Coil), «Love Will Tears Us Apart» (Joy Division) und «Enjoy The Silence» (Depeche Mode).

23. Auf welche regelmässig Sünde können Sie nicht verzichten?
Auf Coca Cola, obwohl es viel zu zuckrig und schädlich ist.

24. Der beste Film über Musik?
Immer noch «This Is Spinal Tap» aus dem Jahr 1984, ein fingierter Dok-Film über eine fiktive Heavy Metal-Band von «When Harry Met Sally»-Regisseur Rob Reiner.

25. Ihr Lieblingsgetränk?
Vodka-Red Bull.

26. Welche ist die grösste Leistung Ihres Lebens?
Dass ich ganz früh auf die Karte Techno setzte, eine Stilrichtung, die am Anfang von vielen nicht ernst genommen wurde. Als im Import-Plattengeschäft erste Vinyl-Maxis von Labels wie Music Man und R&S aus Belgien eintrafen, war für mich klar: dies ist die Zukunft.

27. In welchen Schulfächern waren Sie gut, in welchen schlecht?
Gut war ich in allen sprachlichen Fächern, sehr schlecht in den mathematisch-naturwissenschaftlichen. Was dazu führte, dass ich die Matur nicht schaffte und repetieren musste. Doch nach zwei Wochen stieg ich aus – und setzte ab 1986 voll auf Musikjournalismus.

28. Das Beste und das Doofste an Zürich ist . . . 
Der Zürichsee ist das Beste, die Baustellen und der Stau das Doofste.

29. Wenn Sie Politiker wären – welches wäre Ihre Partei?
Es wäre sicher keine rechte Partei.

30. Welches Buch liegt derzeit auf dem Nachttisch?
Die Autobiografie des italienischen Techno-DJs Mauro Picotto. Er hat sie während den Wartezeiten in Flughäfen und Hotels direkt in sein iPhone getippt. Ansonten liegen dort vor allem Zeitungen und Zeitschriften.

31. Bei was würden Sie gern sagen: Ich habs erfunden!
Es sind Erfindungen aus dem Ausland, die ich importiert habe. Beim Kombi-Event Street Parade/Energy im September 1992 stand ganz klar die die Love Parade in Berlin Pate. Ich besuchte sie im selben Jahr zum ersten Mal, zusammen mit Street Parade-Gründer Marek Krynski. Ihn begleitete ich auch zu ersten Behörden-Sitzungen, als es darum ging, den Event als Demonstration bewilligen zu lassen. Wichtig war später auch die «Mayday», die ich im Dezember 1991 in der Halle Weissensee in Berlin erstmals miterlebte. Danach habe ich in Zürich etwas Ähnliches auf die Beine gestellt, mit Hilfe von Thomas Bischofberger und Schoscho Rufener, in der Anfangszeit waren auch noch Bruno Stettler und Ueli Frei mit dabei.

32. Welches ist der talentierteste Pornodarsteller aller Zeiten?
Immer noch Rocco Siffredi, eine starke Persönlichkeit, die wir schon mehrmals an der Extasia-Messe zu Gast hatten, Ende November erstmals in Basel.

33. Der schönste Flecken Erde?
In Asien und der Karibik gibt es unzählige schöne Orte, etwa in Kuba oder Thailand. Aber auch in Europa, insbesondere in Italien.

34. Die wichtigste Nummer auf Ihrem Handy?
Die meiner Freundin.

35. In welchen Momenten ist das Lügen gestattet?
Wenn man in eine Sackgasse gerät und weder ein noch aus weiss, als letzte Chance, um sich selber retten zu können.

36. Nöldi über Nöldi: Eine Selbstcharakterisierung?
Konsensfähig, gutmütig, dankbar, bescheiden.

37. «Early bird» oder Langschläfer?
Zweiteres. Ich denke, dass am falschen Ort «gespart» ist, wenn jemand meint, er müsse nur fünf Stunden schlafen, damit er mehr arbeiten könne.

38. Das grösste verkannte Talent in der Musikgeschichte?
In der Schweiz ist es Tom Gabriel Fischer von der Heavy Metal-Band Triptykon, ehemaliger Bandleader von Celtic Frost. Im Ausland hoch gefeiert, in der Schweiz nur Insidern bekannt. Weltweit betrachtet ist der britische 70er-Jahre-Singer/Songwriter John Martyn, der auf dem Label Island Records 1973 das Meisterwerk «Solid Air» veröffentlichte.

39. Wenn Iron Maiden, Carl Craig und Kendrick Lamar am gleichen Abend spielen: Für wen entscheiden Sie sich?
Es kommt öfters vor, dass ich am selben Abend an mehrere Konzerte und Parties gehe. Da kann auf ein Hip-Hop- oder Heavy-Metal-Konzert ein Techno-DJ-Set folgen. Jedenfalls sind alle drei Künstler in ihrem Bereich hervorragend. Ich würde mich aber doch für Kendrick Lamar entscheiden.

40. Was, das Sie heute noch tun, werden Sie mit 60 nicht mehr tun?
Wenn man die Leidenschaft hat für etwas, kann man es auch mit 60 noch tun. Der englische Radio-Moderator John Peel war ja bis zu seinem Tod im Jahr 2004 neugierig und interessiert an neuen Klängen und Stilen. Und er war da bereits 65 Jahre alt.

41. Sind Sie ein «Tatort»-Gucker?
Nein, ich werde nicht warm mit «Tatort». Alle paar Jahre schaue ich dort mal rein. Ich schaue mir am Sonntag lieber einen Schwarz-weiss- oder Farbfilm-Klassiker auf Arte an. Oder, zu späterer Stunde, «Giacobbo/Müller».

42. Ein sich stetig wiederholendes Alltagsritual?
Das Mittagessen im Restaurant Escherwyss.

43. Wie äussert sich Ihr Aberglaube?
Indem ich nicht im Vorfeld über Projekte spreche, die nicht spruchreif sind.

44. Ich welcher Zeit hätten Sie gern gelebt?
Ich wäre gerne im Jahre 1960 in einem Kino in Rom gesessen. Dann hätte ich zur Originalzeit «Dolce Vita» (Federico Fellini), «L’ Avventura» (Michelangelo Antonioni), und «Rocco e i suio fratelli» (Luchino Visconti) sehen können.

45. Welche Joghurtsorte haben Sie immer im Kühlschrank?
Mokka.

46. Mit welcher Band würden Sie gerne eine Backstage-Party feiern?
Mit Mötley Crüe.

47. Die liebste Kindheitserinnerung?
Die Sommerzeit in Vernazza (Cinque Terre), wo wir ein Ferienhaus hatten.

48. Was macht Ihnen Angst?
Rassismus, Intoleranz, Hass.

49. Wie viele Leute laden Sie zur kommenden Geburtstagsfete ein?
150.

50. Mit 13 Jahren posierten Sie auf einem Foto mit Debbie Harry. Wie kams dazu?
Ich stellte damals ein Punk-Fanzine her, mit Schreibmaschine, Letraset-Buchstaben als Titel und hatte im Keller ein eigenes Labor, um die an Konzerten oder Interviews geschossenen Fotos zu vergrössern. Ich gab meine Kamera Gitarrist und Bandleader Chris Stein, der auch als Fotograf bekannt war. Er schuss dann diese Foto von mir und Debbie Harry. Für mich war diese Musikwelt damals ganz neu und ein grosses Erlebnis, solch grosse Stars hautnah sehen zu dürfen.

Redaktionelle Mitarbeit: Adrian Schräder (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2015, 17:57 Uhr

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